Nicole Ludwig für #kkl33 „Vollendung“
DER LAUF
In dem Jahr, als ich dreiunddreißig Jahre alt wurde, verbrachte ich den Sommer auf dem Land. Meine Eltern hatten dort ein Haus mit einem einzigartigen Blick auf die umliegenden Wälder. Es war ein friedlicher Ort, voller Erinnerungen und Träume, aufbewahrt in der untergehenden Abendsonne vergangener Jugendjahre. Ich kehrte gern hierher zurück. Es war ein vertrauter Ort: Die krumm gewachsenen Bäume grüßten mich, begleitet von jenem sanften Duft, der aus der Küche drang. Dort, am offenen Fenster, vor dem alten Gasherd, stand die Seele des Hauses. Ihr Lachen mischte sich mit dem Klang der Suppenkelle, die gegen den verbeulten Topf pochte und uns zum Essen rief. Es war ein beschaulicher Ort: Die Vögel zwitscherten und die Zeit glitt gemächlich dahin.
Es war später Nachmittag, die hochsommerliche Hitze hatte in den Mittagsstunde die Luft geschwängert, erst jetzt kam eine erste Brise auf, die eine Abkühlung ankündigte. Ich wollte gerade in den Wald laufen gehen, als mein Vater plötzlich im Garten erschien. Das saftige Gras krümmte sich unter seinen kantigen Stiefeln. Die dicke Lederjacke schwang auf seiner vom Alter gezeichneten Schulter und wirbelte die friedliche Luft auf. Er trat an den Tisch heran, der mitten im Garten stand und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. Mama hatte Kaffee gekocht, sie hatte von seiner Ankunft bereits gewusst, während ich noch ahnungslos die Treppe hinunterkam. Aus meiner Kehle sprang ein unkontrolliertes „Hallo“ in seine Richtung und ehe ich mich versehen konnte, war ich in ein Gespräch verwickelt. Der scharfe Duft nach Alter und Aftershave kroch in meine Nase und brannte. Ich zog die Augenbrauen leicht zusammen, um möglichst wenig zu blinzeln. Bloß keine Bewegung meiner Gesichtszüge zulassen! „Ja, das Wetter war heute aber auch wieder sehr schön.“, hörte ich mich schließlich in die schwere Stille sagen, während sich meine eigene Stimme von mir entfernte. „Muss ja, im Sommer. Aber mir ist viel zu heiß“, gab er von sich. Um mich herum verschwanden allmählich der Garten, die umliegenden Bäume und das Haus in einem kahlen Grau. Ein Wortwechsel folgte. „Ach, dann musst Du dich vielleicht mal etwas locker machen“, witzelte ich und deutete auf seine schwere Jacke. „Nix, die kommt nicht weg.“, antwortete er. „Na, weg bin ich dann jetzt; mich etwas bewegen.“, begann ich, mich aus der Enge zu lösen. Aus dem kahlen Grau erhob sich das Einfahrtstor zum Haus. „Als nur, als nur“, gestikulierte er in Richtung zum Zaun hin. „Nun, ich will mich ja fit halten, damit das auch bleibt mit der Figur. Und für die Konzentration zur Arbeit hilft mir dieser Ausgleich auch“, schloss ich für mich unser Gespräch.
„Wozu denn?“, brach er plötzlich heraus, „du bist doch eh am Ende. Was willst Du denn überhaupt noch erreichen? Du schaffst doch eh nichts, mit den zwei Bälgern, die Du mit dir rumschleppst.“ Seine Stimme betäubte mich. Ich taumelte und stammelte etwas. Rieb mir die feuchten Hände und senkte den Blick. Meine Augen wanderten an der schwarzen Hose hinauf zum pinken Top, welches sich um meine Hüften schmiegte. Ich fühlte mich vor ihm nackt. Seine Blicke stachen durch meine Kleidung, drangen direkt zu meinem Inneren hindurch. Im Augenblick dieser völligen Schutzlosigkeit erwies sich mir der Wald als der einzige Ausweg. So lief ich endlich aus dem Garten hinaus.
Meine Beine trugen mich schnell, in eine sichere Entfernung vom Haus. Doch am Waldrand angekommen, wurden mir meine Muskeln immer schwerer. Blei floss mir durch die Venen. Ich wehrte mich dagegen, kniff die Augen zusammen und rannte weiter. Seine Stimme hallte nach: „Aus dir wird doch eh nichts!“, und ich vertrieb den Ton mit meinem Arm. Ich hatte doch studiert, hatte einen Abschluss. „Aber du bist nichts wert. Das ganze Studium war umsonst“, setzte er mir entgegen. Schweiß rann mir über die Stirn und brannte mir in den Augen. „Nein!“, schrie ich in das liebliche Spiel aus Licht und Schatten, das durch das dicke Laub drang. Unter meinen Füßen knisterten Blätter und Steine auf dem Waldweg. „Ich habe nicht umsonst studiert.“
„Und wofür denn dann?“, seine Frage stach mir in die Rippen und schnürte mir den Atem ab. „Damit Du dich an den Herd stellst und den Bälgern nachrennst? Dafür hätte ich nicht so viel blechen brauchen.“ Ich unterbrach abrupt meinen Lauf, griff mir in die stechende Seite und stieß den angestauten Atem in den Wald hinein. „Ich würde es wieder tun. Sie sind alles für mich. Und ich bin doch keine Mitte dreißig, da kann man noch etwas erreichen.“, ich hob den Kopf zum Himmel und legte die Stirn in tiefe Falten.
„Vergiss es! Das wird nichts mehr.“, hämmerte die Stimme auf mich ein. Ich versuchte nach Luft zu schnappen und pfiff Wortfetzen: „Arbeit… Ich… baue… etwas auf!“ Ich streckte mich, um wieder meinen Atem zu fassen, klopfte mir an die Brust. „Das nennst du Arbeit? Ein Witz ist das! Dümpelst nur vor dich hin.“
Ich kniff erneut die Augen zusammen. Schweißperlen flossen von meinen Schläfen. Mein Mund war trocken. Blind tastete ich nach meinem Telefon. Wählte eine Nummer. Mechanisch. Doch nur der Ton hallte metallisch in mein Ohr, zu weit war die Entfernung zwischen uns in jenem Augenblick. „Er wird sicher gleich zurückrufen, er macht schließlich alles für uns.“, beruhigte ich mich und setzte meinen Lauf wieder fort. Auf meinem Weg. Ich ballte meine Fäuste zusammen und nickte innerlich, während die Zweige der Bäume an mir vorbeiflogen.
„Er wird dir nicht antworten. Warum auch?“, stach plötzlich wieder mein Vater zu. „Er hat ja alles – und hat dich genau da hinbekommen, wo er dich haben wollte, du armes Kind.“ Ich schüttelte den Kopf. Das war alles ganz anders. Es gab ganz sicher eine völlig eindeutige Erklärung. Ich überzeugte mich gegen den stechenden Ton meines Vaters. Es kommt irgendwann der Augenblick, an dem man sich behaupten muss. Sich zu vollenden hat. Ist das nicht das, wonach wir streben? Diese Frage schoss mir durch den Kopf, während sich meine Schritte verlangsamten. Das Moos am Wegrand gab weich nach und umspielte sanft meine Füße. Ich bückte mich und berührte es. Es kitzelte die zittrigen Finger. Ich seufzte erleichtert. „Ja, auch die Jahreszeiten vollenden sich“, dachte ich. Ein Sonnenstrahl fiel wärmend auf mich wie eine Umarmung. Langsam hob ich meinen Blick, das Licht blendete mich. Ich lächelte, atmete tief durch und schlug schließlich den Weg zurück ein: Meine Beine trugen mich in die Richtung, die mich zum Haus führte. Ich schöpfte Kraft aus der Wärme des Augenblickes. Ich würde endlich zu mir stehen, bestärkte ich mich.
„Du darfst es ihm nicht übel nehmen“, unterbrach plötzlich die weiche Stimme meiner Mutter den zarten Keim des Gedankens, „Er meint es nicht böse mit dir. Du musst ihn verstehen. Eine andere Generation.“, fügte sie hinzu. Ich nickte automatisch. Natürlich, die Generationen hat man zu achten. „Er hat ja auch seine Perspektive.“, setzte sie hinzu. „Aber ich…“ stammelte ich, „wenn er doch nur…“, flüsterte ich vorsichtig und zog erneut meinen Kopf ein. „Du, du hast nichts zu bieten – Beine breit machen kannst du“, schrie er mir plötzlich wieder entgegen. Meine Schläfen pochten, das Gesicht brannte. „Das bin ich nicht! Hör endlich auf!“, rief ich in den Himmel hinaus. „Ruhig, er ist immer noch dein Vater, er hat alles für dich bezahlt“, besänftigte mich ihre Stimme. „Was soll das denn jetzt?“, krallte ich meine Finger zusammen. Doch meine Beine beschleunigten und mein Atem wurde mir kürzer. Ich war hier. Das war mein Augenblick. Die Stimmen überschlugen sich, doch die Beine trugen mich weiter gerade aus. Steine unter den Füßen, die untergehende Abendsonne wärmte die Schultern. Ein Stock kreuzte den Weg, er sprang zur Seite. Schweißperlen trieften von den Wangen herunter, mischten sich mit bitteren Tränen.
Auf der engen Landstraße fuhr kaum ein Auto. Ich war mitten auf dem harten Asphalt, zwei grelle Lichter unterbrachen meinen Fluss und schärften plötzlich meine Umgebung. Alle Stimmen riefen durcheinander. Und dann war alles still. Nur das Telefon klingelte. Vollendung.
Nicole Ludwig, geb. 1990, aufgewachsen in Prag, studierte in Freiburg Philosophie und Geschichte. Lebt zurzeit im norditalienischen Turin und arbeitet dort als Journalistin.
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