André Hénocque für #kkl33 „Vollendung“
Der richtige Blick
Als er sie damals zum ersten Mal sah, hielt sich seine Begeisterung in Grenzen.
Die junge Dame, mittelgroß, mittelblond, eine Brille mit mittelgroßen Gläsern auf einer Nase, die auch nicht besonders hervorstach, sprach in einer Lautstärke, die zwar hörbar war, jedoch unwillkürlich an die Fernbedienung denken ließ, um den Ton lauter zu stellen.
Sein Bruder hatte sie auf diese Geburtstagsfeier mitgebracht, stellte sie kurz als Sabine vor und verschwand an die Bar. Das passte zu ihm. Aus Höflichkeit begann Alfons – er hasste seinen Namen und nannte sich Alf – ein Gespräch über alltägliche Dinge, in der Hoffnung die ungebetene Gesellschaft in einem günstigen Moment loszuwerden. Zu seinem Erstaunen waren ihre Antworten und Einwände überaus schlagfertig und intelligent, so dass ihre Unterhaltung einen unerwartet günstigen Verlauf annahm. Sie entdeckten Gemeinsamkeiten, die sie einander sympathischer werden ließen, so dass sie Stunden später immer noch zusammensaßen. Da beide mit dem Auto nach Hause fahren wollten, tranken sie nur Softdrinks, obwohl sie einem Schluck Champagner nicht abgeneigt gewesen wäre. Beim Abschied verabredeten sie sich für ein weiteres Treffen, vergaßen dabei aber die Telefonnummern auszutauschen.
In der nächsten Woche hielt ihn seine Arbeit als Chirurg in der Abteilung für plastische Chirurgie derart beschäftigt, dass kein Gedanke an seine Begegnung vom Wochenende aufkam. Erst am Samstagnachmittag kam ihm Sabine in den Sinn. Sein Bruder konnte ihm erwartungsgemäß bei der Suche nicht behilflich sein. Er kannte Sabine nur flüchtig als Zuschauer bei einem Spiel der Damen Volleyball Mannschaft der Universität. Sie hatte ihre jüngere Schwester unterstützt, die deutlich sportaffiner war als sie. Diese Auskunft veranlasste Alfons den Spielplan der Uni-Mannschaften im Netz aufzurufen. Es gab ein Auswärtsspiel in der nächsten Universitätsstadt, etwa 30 km entfernt. Das Risiko eines Fehlschlags war überschaubar. Also beschloss er sich auf den Weg zu machen.
Er fand schnell die Sporthalle, die unmittelbar neben dem Parkplatz lag. Die Mannschaften spielten bereits seit einigen Minuten. Da die Zuschauerzahl ziemlich übersichtlich war, konnte er Sabine gleich in der ersten Reihe hinter der Trainerbank erkennen. Ihr Gesicht hatte eine leichte Röte angenommen, denn sie rief den Slogan der Damenmannschaft mit, jedes Mal, wenn es einen Gewinnpunkt zu bejubeln gab. Alfons schaute sie zunächst aus sicherer Entfernung an, zunächst um sicher zu sein, dass sie keine männliche Begleitung hatte und außerdem um sich ein fachmännisches Urteil als plastischer Chirurg zu bilden. Das kam automatisch, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Er erfasste die Stellen in ihrem Gesicht, die sich vielleicht für eine Korrektur eignen würden. Dabei fiel ihm auf, dass sie seit letzter Woche etwas verändert aussah. Lag es an ihm und täuschte ihn seine Erinnerung oder waren ihre Wangenknochen jetzt besser positioniert. Da gab es noch die Lider, die Form der Lippen und die Ohren. Wobei die schulterlangen Haare den Blick auf Letztere verstellten. Jetzt hatte sie ihn gesehen. Sie winkte. Er winkte zurück und deutete ihr mit Gesten an, dass er in der Pause zu ihr hinüberkommen würde. Sie empfing ihn mit einem netten Lächeln ohne über sein Erscheinen überrascht zu tun. Sie freute sich ehrlich ihn zu sehen und er freute sich auch.
Nach dem Spiel begleiteten sie die Mannschaft, die überraschend gewonnen hatte, in das Vereinslokal. Der Lärm war gewaltig und eine Kommunikation war nur schreiend möglich, so dass sie nach kurzer Zeit den Ort wechselten um in einem kleinen Restaurant ein Abendessen einzunehmen. Sie sprachen über prähistorische Funde – ihr Hobby – und über Paris – sein Hobby. Sie stellten fest, dass sie das Hobby des anderen gern näher kennenlernen würden und verabredeten sich für das nächste Wochenende im Goldfuß Museum in Bonn und in der Expressionisten Ausstellung in Köln. Diesmal vergaßen sie auch nicht die Telefonnummern auszutauschen.
Sie war vor ihm in Bonn und wartete vor dem Museum. Als sie ihn anlachte bemerkte er ihre schönen Zähne, wobei er sich wunderte, dass ihm das nicht früher aufgefallen war. Auch die Ohren, die jetzt, da sie die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, frei lagen, schienen ihm keiner Verbesserung zu bedürfen. Das Bonner Museum war ein voller Erfolg und nach einem kleinen Imbiss in der Kölner Südstadt ging es zu den Impressionisten. Ihre Kenntnisse über einzelne Künstler und ihr Wissen über das Paris vor der Jahrhundertwende nötigten ihm Respekt ab. Er hatte bei den Prähistorikern nicht in gleichem Maße glänzen können. Beim Diner sprach sie mehr als er. So konnte er ihr Gesicht betrachten ohne, dass es auffiel. Die Augen waren gleichmäßig und an den Lidern gab es nichts auszusetzen. Wie hatte er sich so täuschen können? Der Mund: nicht zu groß, nicht zu klein, hübsche Lippen, die keiner Aufspritzung bedürften. Erschrocken stellte er fest, dass er im Begriff war sich zu verlieben.
Die Treffen wurden häufiger und schließlich hielt er um ihre Hand an, ganz formell bei den Eltern. Es gab keine Einwände und somit war es folgerichtig, dass er heute in Anzug und Fliege am Altar stand und auf den Beginn der Zeremonie wartete. Die Orgel setzte ein und der bekannte Hochzeitsmarsch ertönte. Sein Schwiegervater in spe führte die verschleierte Braut, in weißem Kleid mit Schleppe, den Mittelgang auf ihn zu. Etwas unsicher standen sie nebeneinander. Er hob ihren Schleier und blickte in ihr strahlendes Gesicht.
Er konnte beim besten Willen nicht erkennen, was verbesserungswürdig wäre.
Sie war eine vollendete Schönheit, einfach vollkommen.
André Hénocque, Philipp-Reis-Str.8, D50126 Bergheim
Geb. 29.08.1948 in Hagen/Westf.
Verheiratet, 3 Kinder, 5 Enkel
Rentner, früher Industriekaufmann
Publiziert seit 2020: 7 Kurzgeschichten in Anthologien. Mehrere Kurzgeschichten und Gedichte auf Internetforen
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