René Gröger für #kkl33 „Vollendung“
Ein Stein vom Herzen
Ruht ein Text in allen Dingen,
Die da träumen immerfort,
Und die Welt fängt an zu schwingen,
Triffst du nur das richt’ge Wort
Frei nach Joseph von Eichendorff
Der Bildhauer erwachte vom pochenden Schmerz seiner Schläfen unter dem lockigen Haar. Sein Mund war ausgetrocknet, die Lippen spröde. Die Hand griff instinktiv nach einem Glas Wasser und mit jedem Schluck spürte er, wie sich der flimmernde Vorhang aufrollte, der vor seinem Denken lag. Barfuß tappte er durch das Atelier und als er die Hintertür zum Garten öffnete, fluteten ihm die Sonnenstrahlen mit der Unschuld des jungen Tages über die zerknautschte Stirn. Er schloss die Augen vor der blendenden Helligkeit, sog mit bebenden Nasenflügeln die morgendliche Witterung ein. Andächtig ließ er den Atem ausströmen und als er die Augen wieder aufschlug, gewann der Garten um ihn herum nur langsam Form und Farbe zurück.
Irritiert rieb er sich den Schlaf aus den Augenwinkeln. Inmitten des saftigen Grases stand ein großer, grauer Marmorbrocken. Er ging traumwandlerisch darauf zu und umrundete den Koloss, der ihn knapp überragte. Der Stein gefiel ihm, wie er mit schwerfälliger Selbstverständlichkeit zwischen den hohen Grashalmen versank, als wäre er schon immer dagewesen. Der Bildhauer bewunderte seine schlichte Schönheit, die feinen weißen Sprenkel auf der aschfahlen Oberfläche, die vor Jahrtausenden in das Gestein hineingeflossen waren.
Je länger er den Fels betrachtete, desto mehr schien es dem Bildhauer, als hörte er aus seinem Inneren ein leises Schlagen, wie das Echo seines eigenen Herzens, in dem die Unendlichkeit der Schöpfung nachhallt. Er strich mit seinen Handflächen forschend, gar zärtlich über den rauen Marmor, die wahre, darin verborgene Gestalt ertastend. Schon jetzt schimmerte seine Stirn feucht angesichts des Kraftakts, den es erfordern würde, um seine Vorstellung aus dem Stein herauszuformen, und er fürchtete, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Von einer Hirnhälfte zur anderen wälzte er seine Zweifel, die so schwer wogen wie der Fels selbst. Erschöpft sank der Bildhauer ins weiche Gras.
Schließlich fasste sich der Bildhauer ein Herz, sprang vom Boden auf, als wollte sein plötzlicher Entschluss die zögerliche Trägheit abwerfen, und er stemmte sich mit aller Kraft gegen den Felsen. Anfangs widerstand der Klotz hartnäckig, rührte sich dann aber langsam vom Fleck, gab unter strampelndem Schieben nach und kippte schließlich überraschend leicht in jene Position, die der Bildhauer als neuen Standpunkt für ihn vorgesehen hatte.
Beschwingt von diesem Erfolg schleppte er aus dem Atelier die Werkzeuge herbei und begann mit Hammer und Meißel große Placken aus dem Gestein zu brechen, die rumpelnd zu Boden splitterten.
Wieder und wieder hackte er auf den Felsen ein und nach und nach veränderte sich sichtbar dessen Form. Eine kantige Silhouette schälte sich mit fossiler Behäbigkeit aus dem Stein. Schweißgebadet stand der Bildhauer davor, während die Mittagssonne nun sengend auf ihn und die schroffe Steingestalt niederstieß. Er atmete tief durch, legte sein bleiernes Werkzeug beiseite, beklopfte das Gestein stattdessen mit einem feineren Meißel, bis es geschwungene Linien und tiefe Kurven durchzogen. Eine Euphorie ergriff ihn, die er bislang nicht kannte, sie trieb ihn unaufhaltsam an und setzte eine gewaltige, schöpferische Macht in ihm frei.
Aus den Kerben im Marmor brachen nun erste Schatten hervor, verliehen der Figur allmählich plastische Tiefe. Der Stein verlor an Härte, wirkte unter den Instrumenten des Bildhauers wie formbarer Ton und ließ sich so geschmeidig wandeln, als wäre es sein eigener, nach Jahrtausenden endlich freigesetzter Wille. Berauscht fuhr der Bildhauer einzelne Stellen immer wieder mit den Fingern nach, befühlte sie prüfend, besserte sie mit ein, zwei vorsichtigen Schlägen aus. Längst waren es keine dicken Steinbrocken mehr, die zu Boden fielen, sondern weicher Marmorstaub, der durch die Nachmittagsluft schwebte wie ein mystischer Schleier aus Perlmutt.
Zufrieden wischte sich der Bildhauer den Schweiß von der Stirn und schmirgelte mit Sandpapier die Oberfläche der Statue glatt, polierte mit einem ölgetränkten Tuch behutsam jede Linie, jede zarte Vertiefung. Er trat ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Werk, während die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand und sich ein messingfarbener Schmelz über den Garten legte.
Aus einem Haufen grauen Schutts ragte jetzt eine definierte Figur empor, erhob sich aus der Sedimentmasse, wie ein Wassergeist aus dem schäumenden Meer. Gelockte Strähnen fielen auf die feine Stirn des fossilen Geschöpfs; einem angewinkelten Arm entwuchs eine feingliedrige Hand, die einen kleinen Meißel hielt wie einen Federkiel, bereit, damit vergessene und nun wiedergefundene Worte in die Abendröte zu schreiben.
Ein leises Pochen drang aus dem Inneren der Statue, ließ die steinerne Haut im letzten Licht des Tages kaum merklich beben. Unendliche Leichtigkeit erfasste das Herz des Bildhauers angesichts des vollendeten Werks. Eine Träne rollte über seine Wange und er flüsterte entzückt in den Garten hinein: „Heureka.“

In diesem Moment begann die Statue im Inneren zu brodeln und sie erglühte dunkelrot, die Marmorhülle zersprang, tiefe Risse durchzogen sie, aus denen es golden blitzte und ein leuchtender Funkenregen platzte aus dem Gestein hervor, wirbelte feurig im Garten umher, bis sich die Gestalt ganz in gleißendem Licht auflöste.
Irritiert blinzelte ich der Morgensonne entgegen, die durch die verschmierten Fensterscheiben in mein Arbeitszimmer fiel. Ich spürte das Pulsieren meiner Schläfen unter dem lockigen Haar. Mühsam stemmte ich meinen trägen Oberkörper vom Schreibtisch hoch und rieb mir verschlafen die Augen. Mein Blick fiel auf das leere Blatt Papier vor mir. Ein feines Lächeln umspielte meine Lippen, als plötzlich der Vorhang fiel, der meine noch frische Erinnerung verdeckt hatte. Instinktiv griff meine Hand zum Füller.
René Gröger ist 1988 in Hamburg geboren. Seit einigen Jahren lebt er in München, wo er an der Hochschule für Musik und Theater den Masterstudiengang „Musikjournalismus im öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk“ absolviert hat. Zurzeit arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für den Bayerischen Rundfunk. 2019 wurde seine erste Kurzgeschichte im Rahmen des „Literaturwettbewerb Hamburg“ veröffentlicht. Es folgten weitere Veröffentlichungen und erste Auszeichnungen. So wurde er 2020 beim Literareon-Kurzgeschichten-Wettbewerb für seinen Text „Treasure Island“ mit dem 2. Preis prämiert. Außerdem gewann er den PERGamenta Literaturpreis für seine Kurzgeschichte „Heimatwärts“. Seine Erzählung „Einzelhaft“ erschien im Rahmen des Young Storyteller Award 2023 in Buchform.
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