Die Prüfung

Rebekka Huber für #kkl33 „Vollendung“




Die Prüfung

Mit einem dicken Umschlag bepackt, betritt Frau Hasel das Klassenzimmer.

Sie verzieht ihren Mund. „Guten Morgen“, begrüßt sie die Schüler, als wäre dies ein ganz normaler Tag und nicht der, an dem die Kunstabiturprüfung stattfindet.

Pünktlich, mit dem Stundengong, teil die Lehrerin die Prüfung aus.

Mit verschwitzen Händen beginnt Sena zu lesen.

Vollendung. Arbeitsmittel: Bleistift und Buntstifte. Format: nach Belieben.

Sena lässt den Kopf hängen und trommelt mit dem Bleistift in ihrer Hand auf die Stiftmappe. Das bringt ihr einen grimmigen Blick des Schülers, in der Reihe neben ihr, ein.

Sie beißt sich auf die Lippen. Vollendung. Fertig? Vollkommen? Was ist fertig? Ein Haus? Eine Blume? Ein Baum? Oder eher der Apfel? Ah, ein Baby. Nein, nicht wirklich. Ein alter Mann? Ah, stöhnte sie innerlich auf. Ich habe keine Zeit dafür!

Aufgebracht zerzaust sie ihre Haare. Wer hat sich nur dieses blöde Thema ausgedacht? Aber egal, die Zeit rennt mir davon. Ich muss anfangen. Ich kann später überlegen, was ich mit den Bildern mache.

Mit feuchten Fingern greift sie erneut nach ihrem Bleistift. Langsam beginnt sie mit kurzen und unsicheren Strichen, die Rundung eines Apfels.

Sie betrachtet das fertige Bild, schüttelt den Kopf, und fügt einen Baum hinzu. Gleich daneben platziert sie noch einen, mit einem herrlichen Frühlingskleid, aus zarten, weißen Blüten.

Ihr Herz geht auf und sie blickt zum Fenster. Doch die Blütezeit der Bäume ist schon längst vorbei. Lediglich grüne Blätter findet Sena vor.

Sie tippt sich mit dem Ende des Stiftes gegen die Lippen, atmet durch und nimmt einen Schluck Wasser aus ihrer Flasche.

Vollendung. Hmm. Die fertige Abiturprüfung? Sie schnaubt. Doch wie stelle ich das dar?

Es ist nicht ganz das Richtige, aber angeregt von den amerikanischen Filmen zeichnet Sena ein Mädchen im Talar mit einer Urkunde in der Hand.

Sie kaut auf ihrer Unterlippe herum und schaut zur Wanduhr.

Hmm.

Erneut zückt sie den Stift. Diesmal einen Bundstift. Auch, wenn das pausbackige Gesicht nicht perfekt ist, ist das niedliche, strahlende Lächeln nicht zu verkennen.

Sena presst die Lippen aufeinander. Aber so richtig fertig ist ein Baby nicht. Ist es vollendet?

Sie beißt sich ein Stück trockene Haut von der Lippe, die daraufhin zu bluten beginnt. Vielleicht doch der alte Mann?

Auch diesen zeichnet Sena. Eine Bleistiftskizze, mit einem weichen Stift.

Frustriert betrachtet sie die beiden Bilder. Sie ist kurz davor ihre Stifte zu packen und mit aller Wucht gegen die Tafel, vorn in Zimmer, zu werfen.

Menschen sind weder vollendet noch vollkommen. Das ist doch bescheuert. Sie denkt an das Baby, das im gleichen Haus wie sie wohnt und sie nachts oft mit seinem Schreien weckt, und an die alte Frau im Erdgeschoss, die an allem etwas zu meckern hat. Da war nichts Vollendetes dabei.

Also vielleicht doch ein Gegenstand? Ein Haus?

Mit geübten Strichen beginnt Sena mit den Konturen eines Wolkenkratzers. Die beeindrucken sie schon immer, auch, wenn ihre enorme Höhe ihr gleichzeitig Angst einjagt.

Unfertig lässt sie das Gebäude stehen und beginnt noch auf dem gleichen Blatt Papier ein Buch zu zeichnen und schließlich eine Frau an einem Klavier, aus dem Noten hervorsteigen.

Sena kommt ein Gedanke. Ihr Vater liebt Aquascaping. Also deutet sie noch ein Aquarium mit einer Landschaft darin an, außerdem setzt sie noch einen Stabhochspringer hinzu. Schließlich fügt sie noch eine Tasse, über dessen Rand das Band und das Schildchen eines Teebeutels hängen, dazu.

Stöhnend und schweißgebadet schiebt sie ihren Stuhl ein Stück nach hinten.

Sena wischt sich mehrmals die Hände an ihrer Jeans ab und streicht sich mit dem Handrücken über die Stirn. Erneut blickt sie auf die Uhr. Sie hat noch eine halbe Stunde, um entweder eines ihrer Bilder oder die ganze Bildreihe zu interpretieren.

Das eigene Bild interpretieren, so ein Blödsinn. Sollte das nicht eigentlich jemand anderes machen, um so herauszufinden, ob man erkennen kann, was ich mit all dem sagen will? Sena seufzt. Das ist die Frage. Was will ich damit sagen?

Noch immer hat Sena keine Antwort darauf gefunden, was Vollendung bedeutet. Sie breitet alle Zeichnungen vor sich aus und nimmt sich den Bogen liniertes Papier zur Hand.

Ihr Blick wandert von einem Bild zum anderen.

Vollendung. Vollendung.

Mit abgehackten ungleichmäßigen Buchstaben beginnt Sena damit über die technischen Aspekte ihrer Zeichnungen zu schreiben, bis sie schließlich zum Interpretationsteil kommt.

Vollendung ist nicht messbar, sondern subjektiv und liegt im Auge des Betrachters. Nehmen wir beispielsweise eine Person, die Klavier spielt. Ist es ausschließlich Vollendung, wenn der Spieler ein Virtuose ist? Ja? Und wenn, dann nur, wenn es seine Bestleistung ist? Oder jedes Mal, wenn seine Finger über die Tasten gleiten? Woran misst man, was seine Bestleistung ist? Oder, kann es auch Vollendung sein, wenn ein Anfänger, nach angestrengtem Üben, das erste Mal eine Melodie spielt?

Was ist mit dem Apfel, in welchem Stadium verdient er das Wort Vollendung? Wenn der Baum in Blüte steht, das Auge erfreut? Oder eben der Apfel, der als Frucht das Produkt darstellt. Oder der Same in der Frucht, aus dem ein neuer Baum entstehen kann. Oder, ist es doch der Baum an sich?

Sena beißt sich auf die Zunge, greift zum Bleistift und fügt ihre Baumreihe noch einen Samen hinzu.

Der Baum befindet sich in einem Kreislauf, ebenso kann man über den Menschen an sich argumentieren, wie auch seine Fähigkeiten, die er weiterentwickeln und weitergeben kann.

Was ist wiederum mit einem Gebäude? Kann dieses als vollendet betrachtet werden? Nicht wirklich. Ist das Gebäude fertig gebaut, mag der Plan des Architekten erfüllt sein. Doch damit ist der Gesamtprozess noch lange nicht abgeschlossen. Inneneinrichtungen und Bewohner werden wechseln. Die Fassade wird alt und wieder erneuert werden und so weiter.

Und ein Buch. Nun, ich weiß es nicht. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Autoren so, wie mir, mit meinen Bildern, geht. Ständig bin ich versucht sie zu verbessern, oder zu verändern. Gebe ich diesem Gefühl nicht nach, obwohl ich die Gelegenheit dazu habe, fühlt es sich wie aufgeben an, und selbst, wenn das nicht der Fall ist, blicke ich sie oft mit einem ‚das hätte ich anders machen können‘ – Gefühl an.

Vollendung liegt im Auge des Betrachters und darin, wie man sie für sich definiert.

Für mich ist Vollendung ein Prozess, in manchen Fällen auch ein Kreislauf, der darin besteht, dass man sich oder dass sich etwas weiterentwickelt, sei es aktiv oder passiv durch äußere Einflüsse.

Vollendung ist also der Weg, auf dem wir uns befinden.

Der Gong gibt das Ende der Abiturprüfung an. Sena packt ihre Bilder und ihre Interpretation zusammen und bringt sie nach vorn zu Frau Hansel. Ausdruckslos nimmt diese sie entgegen.




Rebekka Huber wurde 1985 in Ostdeutschland geboren und lebt mit ihrer Familie in Österreich. In ihrer Freizeit spielt sie Klavier, Geige und Gitarre, schießt Blankbogen, geht gern Wandern und liebt es Burgen und Ruinen zu erkunden.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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