David M. Henne für #kkl33
Sieben Prozent
05:00
Brandon erwachte durch das teutonische Klingeln seines Weckers. Müde tastete sich seine Hand vor, um das verdammte Ding auszuschalten, suchte – wie jeden Morgen seit 28 Monaten – auf der Kommode den kleinen silbernen Kasten, bis er ihn fand und das Klingeln erstarb.
Ein lang anhaltendes Gähnen drang aus seinem Mund, als er sich die Müdigkeit aus den Augen rieb. Teufel, er fühlte sich, als hätte man ihn überfahren. Ein Gefühl, an das er sich nie gewöhnt hatte.
Einfach liegen bleiben, dachte er. Einfach liegen bleiben und sich noch eine Mütze voll Schlaf gönnen.
Brandon war fast versucht, diesem verführerischen Gedanken nachzugeben, als ihm wieder in den Sinn kam, dass er gestern, auf der Geburtstagsfeier seiner Oma, doch tatsächlich ein Stück Kuchen gegessen hatte. Die Bestandteile des Kuchens waren Zucker, Fett und Kohlenhydrate gewesen, eine Bombe, die seine Ambitionen in weniger als zwei Minuten Speisezeit zu massakrieren drohte, also warf er die Decke von sich und mühte sich auf die Beine.
„Okay, Bran, altes Haus“, murmelte er in die Dunkelheit des Schlafzimmers hinein. „Du bist wach, du bist wach, du bist wach.“
Dann setzte er sich in Bewegung, öffnete die Schlafzimmertür und ging schnurstracks Richtung Badezimmer. Als das Licht aufflammte, bekam er einen Schock. Verdammt noch eins, er hatte es gewusst! Warum hatte er es dann dennoch getan? Teufel, er schaute doch nicht umsonst den Youtube-Kanal von Alpha-Warrior. Auf diesem wurde erklärt, dass ein Mann eine eiserne Festung sein musste, uneinnehmbar, gleich wie groß die feindliche Armee sein mochte. Aber er musste ja nachgeben, seiner Großmutter, die mit 90 Lenzen noch immer Kuchen backte und sich darüber freute, dass er ein Stück nahm.
„Scheiße“, zischte er und fuhr mit seinen Händen über den gut modellierten Körper. Seine Brustmuskulatur war noch immer massiv, der Übergang zum Bauch perfekt. So langsam verlor er diesen Kurz-nach-dem-Urlaub-Teint, den er permanent zu halten versuchte, aber das stellte kein Problem dar. Klar, im November war die Sonne ein seltener Gast am Firmament, aber das hier war nichts, das er nicht bei einem zwanzigminütigen Besuch im Sonnenstudio wieder hinkriegen würde. Anders als der Bauch. Sicher, noch immer konnte man die Bauchmuskeln sehen, die wie gemeißelt aussahen, aber er glaubte – nein, er wusste – dass sie gestern noch ausgeprägter gewesen waren.
Es war das verdammte Stück Kuchen. Diese Erdbeerschnitte, die seine Großmutter ihm schon zubereitet hatte, als er noch zur Schule ging. Der dicke Brian, das Speckbällchen, der Rollmops. So viele Spitznamen hatte man ihm gegeben, so viele Demütigungen ins Gesicht geschleudert, jeden Tag aufs Neue.
Brandon schüttelte den Kopf, um sich von derlei Gedanken zu befreien. Immerhin folgte er auf Instagram Workout-Mentality und dort wurde zuletzt gepostet: Die Schatten der Vergangenheit sind genau das. Schatten. Sie haben nur so viel Macht über dich, wie du es zulässt.
„Sie haben keine Macht über mich“, sagte Brandon seinem Spiegelbild, als er damit begann, sich das Gesicht einzucremen.
Die Erdbeerschnitte war ein Fehler gewesen, ganz klar. Aber er würde sich nicht von seinem Ziel abbringen lassen. Heute Abend, das hatte er sich vorgenommen, würde er sich auf die Waage stellen. Sieben Prozent Körperfettanteil galt es zu erreichen. Dann wäre er endlich vollendet.
06:00
Die erste kurze Laufeinheit hatte er schwitzend hinter sich gebracht. Die Feuchtigkeitsmaske lag noch immer auf seinem Gesicht, als er sich keuchend vom Heimtrainer entfernte. Fünfzehn Minuten mit hoher Intensität, um die Kalorienverbrennung anzukurbeln. Er fühlte sich ausgelaugt, aber das war gut so. Bis auf Wasser hatte er noch nichts zu sich genommen.
In der Küche bereitete er sich ein nahrhaftes Frühstück zu. In eine Keramikschüssel schaufelte er 250g Skyr, ein proteinreicher Joghurt-Ersatz. Zwei Bananen wurden kleingehackt und in die Schüssel bugsiert. Dazu noch ein paar Blaubeeren und Haselnüsse. Brandon erlaubte sich nur einen Hauch Honig, den er über das Essen tröpfelte und verrührte danach alles. Insgesamt brauchte er keine fünf Minuten für die Vorbereitung.
Mit der Schüssel und einem Glas Wasser setzte er sich an seinen Rechner und schaute auf Youtube das neueste Video von Alpha-Warrior. Es handelte davon, wie man es schaffte seine Ziele, trotz mannigfaltiger Ablenkungen des Alltags, nicht aus den Augen zu verlieren. Die Botschaft des neunminütigen Videos ließ sich in einem Satz zusammenfassen: Denke immer daran, DU bist besser als die anderen!
07:00
Vor seiner Schicht fuhr er mit dem geleasten SLK zum Fitnessstudio. Dort verbrachte er siebzig Minuten mit Training und noch einmal fünfzehn fürs Duschen und Umziehen. Heute war der Oberkörper dran. Für Brust und Arme hatte er sich auf die Hantelbank gelegt und einen neuen Rekord aufgestellt. Um den Rücken gleichermaßen zu trainieren, nutzte er das Rudergerät. Direkt danach war die Bauchmuskulatur dran. Diese war ihm besonders wichtig, da Frauen immer von seinem Sixpack schwärmten. Er startete wie gewohnt mit hundert Sit-ups. Danach ging es zur Bauchpresse, dann zum Roman Chair, wo er erst die Rückenstrecker und anschließend die Serratus Muskeln unterhalb der Rippen hart rannahm. Er wollte schließlich auch die seitlichen Bauchmuskeln zur Vollendung bringen. Nichts fühlte sich so gut an, als wenn man sich mit der Hand am Ende eines Trainings über den eigenen straffen und definierten Bauch fuhr. Das tat er auch, als er nackt – bis auf die Badelatschen – unter der Dusche des Gyms stand. Neben ihm waren drei weitere gut trainierte Typen, die das gleiche taten. Niemand sah fort, alle bewunderten die Trainingsergebnisse der heutigen Einheit.
Gute Jungs, dachte Brandon.
09:00
Brandon arbeitete bis 17:30. Sein Mittagessen bestand aus Hühnchen mit Reis.
18:00
Nach der Zubereitung des Abendessens, das aus High-Protein-Tortillas bestand, in die er Lachs, Avocado und Salat stopfte (natürlich mit fettarmen Balsamico-Dressing), verbrachte er noch dreißig Minuten bei mittlerer Intensität auf dem Heimtrainer. Dabei sah er sich auf Netflix den Film Ronny Coleman: The King an.
19:30
Es war endlich soweit. Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Brandon stand noch immer unsicher vor der Waage im Badezimmer. Er war nackt, weil er der lächerlich teuren Waage keine falschen Informationen liefern wollte und nahm einen letzten Atemzug, ehe er sich raufstellte.
Die Waage benötigte ein paar Sekunden, um das Gewicht zu erfassen. Und dann noch einige weitere, um den Körperfettanteil zu berechnen.
In diesen Sekunden stierte Brandon voller Angst auf die digitale Anzeige. Als es dann endlich feststand, glaubte er seinen Augen kaum.
86,37kg
6,98%
Einen Moment lang war Brandons Geist wie entleert. Als hätte man alle Möbel aus seinem mentalen Haus geworfen. Er konnte nur da stehen und die Anzeige anstarren. Dann reckte er eine Faust in die Höhe und schrie: „Jaaaaaaaaaaaaaaa!“
21:00
Erschöpft lag Brandon in seinem Bett und stierte die Decke an. Tränen hatten Salzkrusten auf seinen Wangen hinterlassen. Er war doch am Ziel, verdammt! Er war doch endlich am Ziel angekommen.
Also, warum zum Teufel, fühlte er sich dann so leer?
David M. Henne, 1987 geboren, arbeitete als Industriekaufmann im Automotive-Sektor und als Lehrer in Wuppertal und Remscheid. Auf Basis seiner Lehrertätigkeit, in der er auch Projekte zum kreativen Schreiben leitete, stehen in seinen Werken vielschichtige Charaktere und eine gnadenlose Kompromisslosigkeit der Handlung im Vordergrund. Neben literarischen Veröffentlichungen in Anthologien arbeitete er schon früh an eigenen Romanen im Thriller-Genre. Zu seinen in verschiedenen Genres tätigen Vorbildern gehören Horrorlegende Stephen King, Realsatiriker John Niven und Altmeister Ernest Hemingway.
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