Bernhard Zilling für #kkl33 „Vollendung
Betrifft: Verstorbene Gegenstände
Sehr geehrter Herr Minister für Haushaltsangelegenheiten!
Lange, möglicherweise viel zu lange habe ich zu einem Thema geschwiegen, das mir sehr am Herzen liegt. Aber Ihr neuer Erlass vom 17. des vergangenen Monats zwingt mich, jetzt mit diesem offenen Brief an die Öffentlichkeit zu gehen und diese zu massiven Protesten aufzurufen. Zugleich möchte ich mit diesem Brief Sie auffordern, Ihre Haltung noch einmal zu überdenken.
Es soll ab jetzt also verboten sein, den verstorbenen Fernseher im eigenen Garten beizusetzen und ihm so ein würdiges Ende zu bereiten. Dieses von uns allen so geliebte Mitglied unserer Familie soll demnach nach dem Ende seiner langen Laufzeit nicht neben seinen Vorgängern in unserem kleinen Technikfriedhof ruhen dürfen. Ich möchte mit aller Deutlichkeit sagen: Wir alle, meine gesamte Familie, Nachbarschaft, Freunde und ich, die wir wöchentlich mindestens einmal unseren verstorbenen Hausgeräten an deren Gräbern gedenken, empfinden dies als einen unfassbaren Skandal!
Und was soll aus unserem betagten Kühlschrank werden? Nach Ihrer Verordnung müssten wir ihn, nachdem er auch an den heißesten Tagen der klimaveränderten Sommerhitze nicht den kühlen Kopf verloren hat, dem alle treuen Dienste verachtenden Recycling übergeben. Das wäre eine Tat ohne Anstand, ohne Berücksichtigung der guten Freundschaft, ja sogar der Liebe zu ihm und all den anderen Dingen, die uns umgeben und mit denen wir in enger Verbindung leben.
Mir wird schon bei der Vorstellung übel, meinen neuen Wagen irgendwann den gierigen Materialverwertern zur Obduktion und Organentnahme überlassen zu müssen. Nach Ihrer neuen Verordnung müsste ich dazu noch nicht einmal meine Zustimmung erteilen. Sie dürften ihm einfach sein Getriebe entnehmen und bei einem anderen Modell seiner Sorte wieder einsetzen. – Was waren das noch für schöne Zeiten, als wir alle für unseren ersten Wagen ein würdiges Grab in den Wäldern suchten, und schließlich, als wir es fanden, dort beinahe alle, die er jemals transportiert hatte, zusammenkamen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Mit dankbaren Worten wurde an ihn erinnert, Tränen flossen und Blumenkränze wurden niedergelegt. Wahrscheinlich haben Sie noch nie an einer solch bewegenden Feier teilgenommen, denn sonst würden Sie nicht eine so respektlose Verordnung in Kraft setzen wollen. Haben Sie denn, Herr Minister, kein Herz für die guten und wertvollen Dinge, die Teil ihres Lebens waren?
Jedes Jahr an seinem Todestag versammeln wir uns am Ort seiner „letzten Garage“, wie wir seinen Bestattungsplatz nennen, und gießen zur Erinnerung 30 Liter Benzin und 10 Liter Öl für ihn in den Boden. Und wir hatten bereits in Gedanken auch für unser derzeitiges E-Auto einen Platz in seiner Nähe reserviert. Für den Fall seines Hinscheidens hatten sich sogar die Frauen bereit erklärt, bei den beschwerlichen Ausschachtarbeiten zu helfen. Nun soll uns dies alles nicht mehr erlaubt sein? Auch nicht das Versenken zerbrochener Couchtische in stehenden Gewässern? Nach Art der klassischen Seebestattung, nur in ein Tuch gewickelt, aber mit einer ergreifenden Zeremonie und zahlreichen Bibelzitaten? Ebenfalls nach Inkrafttreten Ihres Erlasses werden nach indischem Ritus durchgeführte Feuerbestattungen von Schrankwänden auf öffentlichen Plätzen und in Parkanlagen nicht mehr möglich sein. Was waren das für schöne, uns alle bewegende Feiern gewesen! Das Alte machte Platz für Neues. Und wir waren bereit, dem Vergangenen den gebührenden Respekt zu zollen. Bereit, mit Gebeten und Räucherstäbchen uns von unseren so gut vertrauten Gegenständen zu verabschieden. Wir begleiteten sie auf dem ersten Schritt ihres Weges in die ewige Verwandlung und Wiederkehr..
Und Sie! Was taten Sie? Sie erklärten, Recycling sei das einzige Verfahren, das diesem Gedanken wirklich entspreche. Und gegen die Wald- und Wiesenbestattungen führten Sie ein Recht der Natur auf ungestörte Existenz ins Feld. Als ob diese Gegenstände nicht Teil der Natur gewesen wären: Vor ihrer Existenz, während ihrer Existenz und selbstverständlich auch danach! Ich muss sagen: Wir alle sind empört! Zutiefst empört über die Lebensfeindlichkeit Ihres Erlasses!
Andererseits: Wollen Sie, dass wir wieder zu einem Leben ohne Gegenstände zurückkehren? Wie soll das aussehen? Ohne Öfen würden wir erfrieren. Ohne Fernseher und Computer vor Langeweile sterben. Das wollen Sie uns antun? Uns durch Ihr Verbot die Freude an den Dingen nehmen? Uns den Verzicht auf alle vertrauten technischen Erleichterungen schmackhaft machen? Ich sage: Nicht mit uns! Sie wollen die Natur vor der Technik schützen? Als ob Sie nicht selbst wüssten, dass die Natur nur grausam ist und der Mensch erst durch Technik in der Lage versetzt wurde, sich wenigstens teilweise vor deren lebensgefährlichen Übergriffen schützen zu können. Ohne Technik, Herr Minister, würden Sie und ich, wir alle, noch in Höhlen wohnen und unser Leben würde vor allem aus Aberglauben und Verunsicherung bestehen. Nur die Technik hat uns daraus befreit. Dies ist eine Leistung, die gar nicht hoch genug zu wertzuschätzen ist.
Leider gibt es auch heute noch Menschen, die denken: Die Sachen sind einfach da. Sie bestehen aus Schaltern, Halbleitern, Speichern, Leitungen, Scheiben, Lasern, Transformatoren und so weiter. Und tun eben, wenn sie mit Strom versorgt werden, ihren Dienst. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn diese Gegenstände geben jeden Tag ihr Bestes. Sie arbeiten, so oft wir wollen, und können sich erst ausruhen, wenn wir es ihnen erlauben. Sie arbeiten so ausdauernd und erfolgreich, bis sie es eben irgendwann nicht mehr können. Seien wir ehrlich: Die meisten Geräte sind nicht einmal in der Lage, sich gegen Überbeanspruchung zu wehren. Niemand kommt auf die Idee, vor dem Einschalten seine Kaffeemaschine, seinen Rasenmäher nach dessen Einwilligung zum Einsatz zu fragen. Und trotzdem tragen uns die Gegenstände dies nicht nach. Ja, sie schuften für uns vom ersten Tag an, an dem wir sie gekauft und ausgepackt haben. Arbeiten und arbeiten, bis sie schließlich sozusagen für uns, die wir uns an ihrer Stelle schonen konnten, den Opfertod sterben. Ich bitte Sie: Von welchen Menschen ließe sich so etwas sagen?!
Und bedenken Sie weiter: Wie pflegeleicht (mit wenigen Ausnahmen) sie sind! Wie meist viel leichter zu verstehen als die eigene Ehefrau und die eigenen Kinder! Manche dieser Dinge zeigen an, in welchen Arbeitszustand sie sich gerade befinden. Ich frage Sie: Kennen Sie einen Menschen, der Ihnen einen vergleichbar tiefen Einblick in sein Innenleben gewähren würde? Ich nicht. Und sehen Sie: Wenn die Geräte und Möbel von ihrem Nutzer respektiert werden, dann geben sie jenen etwas von diesem Respekt zurück, in dem sie sich um eine besonders lange Lebenszeit oder um die Einsparung von Strom bemühen. Manche äußern auch ihre Zufriedenheit durch freudiges Blinken mit Signalleuchten und einigen gelingt auf diese Weise – ja, ich schäme mich nicht, dieses große Wort zu gebrauchen – ihre Liebe zum Ausdruck zu bringen. Sicher, es gab auch einige wenige, die sich nicht in die allgemeine Harmonie unseres Haushalts einfügen wollten, aber schon einige Tage Stromentzug für den neuen Ventilator haben diesen eines Besseren belehrt. Wir haben jeder widerspenstigen oder einfach nur faulen elektrischen Zahnbürste klar gemacht, dass wir das Sagen haben. Manchmal haben auch einige leichte Schläge auf das Gehäuse ausgereicht, die Problemkandidaten zu einem dauerhaft freundlichen Umgang mit uns zu bewegen.
Nach Ihrer Verordnung heißen diese Dinge nach deren Ableben nur noch „Elektronikschrott“. Was für ein Wort! Das passt zu dem, was ich dieser Tage in der Zeitung las. Dort schrieb ein Wissenschaftler, diese unsere Gegenwart sei einzig mit dem Adjektiv „postindustriell“ zu beschreiben. Ich frage Sie: Heißt das, ich soll in Zukunft versuchen, ausschließlich aus digitalen Daten Kaffee zu kochen? Soll ich statt mit dem Auto durch reale Landschaften zu fahren, mir diese zu Hause anschauen? Das wird kein gutes Ende nehmen. Illusionen können keine Gegenstände ersetzen. Denn zu Illusionen kann ich keinen mitmenschlichen Umgang entwickeln. Ich kann ihr keinen Namen geben. Anders als Gegenständen. Unsere Heizdecke etwa heißt Alfred, der Boiler Rosemarie und unsere Waschmaschine Caroline. Die meisten Namen haben die Kinder ausgesucht. Wir reden auch mit unseren Geräten und den Tischen, Stühlen, Bettbezügen. Und – ob Sie es glauben oder nicht – manche antworten mit einem Knistern, Brummen oder Knacken. Leider sind wir noch nicht so weit, alle diese Äußerungen verstehen zu können. Aber wir können seit einiger Zeit Bekundungen der Zufriedenheit von Äußerungen der Unzufriedenheit unterscheiden.
Nachdem Ihr neuer Erlass gerüchteweise auch unter unseren Einrichtungsgegenständen bekannt geworden ist, sind die Verhältnisse schwierig geworden. Rosemarie kann nur noch kaltes Wasser von sich geben. Alfred leidet unter Kälteschauern und Caroline schleudert stockend und zittert dabei so stark, dass meine Frau sie währenddessen liebevoll umarmen muss, damit sie nicht in Panik gerät. Noch schlimmer ist es bei Heinrich, unserem Kühlschrank, er neigt jetzt zu gefährlichen Kurzschlüssen, die – nebenbei bemerkt – nicht nur sein, sondern auch unsere Leben gefährden können.
Sie (bis zu Ihrem Erlass, von uns allen sehr geschätzter) Herr Minister, gehören doch einer Partei an, die Nächstenliebe und sozial verantwortliches Handeln von der Bevölkerung verlangt und unterstützt. Ich denke, Sie sollten einen Aspekt nicht aus den Augen verlieren, dass nämlich in Zukunft auch Hausgeräte und Einrichtungsgegenstände das Wahlrecht erhalten könnten. Denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Wer Abhängige unterdrückt und schlecht behandelt, muss sich nicht wundern, wenn diese schon morgen auch rücksichtslos an die Macht drängen. Und dann – befürchte ich – werden diese zu all jenen, die unfreundlich zu ihnen waren, auch unfreundlich sein! Sagen Sie dann nicht, das sei nicht vorherzusehen gewesen. Ich habe Sie mit diesem Schreiben davor gewarnt.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Familie Mark Guttmann
mit den lieben Verwandten Alfred, Heinrich, Rosemarie, Caroline und vielen ungenannten anderen
Bernhard Zilling
„Zu mir und meiner Arbeit finden Sie mehr auf meiner website
bernhard-zilling.de „
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