Bernd Lange für #kkl33 „Vollendung“
In einem fernen Spiegel
In einer eigenartigen Mischung aus trauriger Ohnmacht und leichtfertigem Vertrauen packte er seinen Koffer und fuhr in Richtung Süden. Das war vor 16 Jahren, 50 war er damals. Marta sollte Robert Faust retten. Ein kleiner Ort namens Marta, ohne h, am Ufer des Lago di Bolsena nördlich von Rom. Der Zufall wollte es so.
Seine Martha, die mit h, seine Frau, hatte ihn kurz zuvor verlassen. Von heute auf morgen. Und mit ihr die gemeinsame Tochter, die sie in einem relativ hohen Alter noch bekamen, gerade mal 2 Jahre. Doch bei der Geburt war es ein Wunschkind, die kleine Anna, die ihre lange Ehe retten sollte, damals, sie 42, er 48 Jahre.
Das letzte, was Martha Robert deutlich sichtbar hinterließ, war ein Brief mit zittrig geschriebenen Worten ›Leb wohl. Und mehr Glück ohne mich, ohne uns, M. PS: Du wirst verstehen, dass ich Anna mitnehme. Mitnehmen muss, da sie ja bei Dir nicht bleiben kann‹. In Roberts Geist war es in der Blütezeit seines Lebens, von der er dachte, sie – die Zeit – öffnet ihm das Herz, in dem sie – die Blüte – sich ihm öffnet. An diese Blüte glaubte er allerdings schon von Jugend an, mehr als 20 Jahre, vergebens, sie ging nie auf. Bis Martha, seine Frau, auch nicht mehr daran glaubte, und sie für immer aus seinem Leben verschwand, mit Anna im Arm.
Seit 16 Jahren lebt Robert nun schon in Marta, ohne Martha, doch in ständiger Erinnerung an sie. Und an seine Tochter. In dem verträumten Ort, in dem er, kurz nachdem ihn beide verlassen hatten, auf einer Fahrt ins Vergessen oder Verdrängen unbeabsichtigt hängenblieb, fand er Stille und Inspiration. Robert konnte sich nach und nach an Ursprünglichem und Sensiblem erfreuen. Mit der Ruhe, mit der Abgeschiedenheit, mit der Rückbesinnung an Authentischem spürte er in der verwunschenen Idylle, die ihm zum Atelier wurde, die Kraft, die er zuvor zeitlebens nicht gefunden hatte. Es waren die letzten Worte, die handschriftlichen, seiner Frau, die Robert die Sensibilität gaben, hinzuhören, wenn Gedanken keinen Sinn mehr gaben und ergaben. Die Worte seiner Frau, die er immer noch liebte und ohne die er, ohne je wieder etwas von ihr gehört oder gelesen zu haben, sein Glück gefunden hat.
Seine Ausstellung in der Galleria dell’Arte Moderno in Rom vor 4 Monaten war der Durchbruch. Unter der Überschrift »Mormorio d’autunno« war im Kulturteil der angesehensten Tageszeitung Roms am nächsten Tag zu lesen: ›Robert Faust konnte sich im reifen Alter von 66 Jahren seinen größten Wunschtraum erfüllen … Seine 1. Ausstellung zeigt Bilder aus einer Schaffenskraft, die er am Lago di Bolsena gefunden hat. In der Oberfläche des Sees sieht er immer ein Spiegelbild seiner vor langer Zeit spontan verlassenen Heimat in Deutschland … Der narrative Stil seiner Bilder bringt das zum Ausdruck, wie es der Galerist Umberto Locchi in seiner Eröffnungsmatinée letzten Sonntag treffend charakterisierte, was der Künstler jahrzehntelang vergeblich suchte und dann endlich in seinem kleinen Atelier am Lago di Bolsena reifen konnte. Locchi wörtlich: Anlässlich einer meiner wenigen Besuche in seinem fast schon klösterlichen, spartanischen Atelier erwähnte Robert Faust einmal, dass das, was andere in seinen Bildern zu erkennen glauben, er aus seiner abgeschiedenen Stille heraushört.‹
Die Abgeschiedenheit seines zunächst unfreiwilligen und dann liebgewonnenen Lebensdomizils gab Robert neuen Mut, neue schöpferische Stärke, ohne Zweifel. Doch den Ausschlag für seinen späten Erfolg hat er jemand anderem zu verdanken, gewiss nicht dem Galeristen, der meint, ihn entdeckt zu haben.
Exakt am Tag ihres 18. Geburtstages zog Anna aus ihrem Elternhaus aus, das für sie nie eines war. Ihre Mutter hatte sie nie geliebt, Anna fühlte sich als notwendiges Übel aus einer Ehe, die scheiterte, als Restbestand, der in Vergessenheit geraten sollte. Für den neuen Lebensgefährten von Martha war Anna ein lästiges Anhängsel, das nur störte. Sie ging auf die Suche nach ihrem Vater, bzw. auf den Weg, ihn aufzusuchen. Zu ihrem Vater, von dem sie über die ganze Zeit hinweg nichts wusste, hörte, kannte, außer seinem Namen und sein Alter. Der Wille, ihn zu finden, machte sie stark, und mit ihrer Volljährigkeit verließ Anna das Joch ihrer Mutter Martha und fuhr zu ihrem Vater nach Marta. Ein Jahr lang hatte sie alles in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, wer ihr Vater ist, was er macht, wo er lebt. Und sie hatte ihn gefunden.
Anna traf nur einen Tag später ihren Vater versunken an seiner Staffelei in dem verwilderten Garten direkt am Lago di Bolsena. Sie spürte es mehr, als dass sie es sah, seine Bilder erzählten ihr sofort das Unsichtbare im Sichtbaren.
Anna blieb in Marta, lebte mit ihrem Vater zusammen in seiner Galerie. Sie sitzt in einem Korbsessel im Garten und liest den Zeitungsartikel über den Erfolg ihres Vaters, lächelt in sich hinein, diese Galeristen mit ihren Interpretationen, warum ein Künstler so oder so ist, dies oder das so macht, was ihn inspiriert.
Sie weiß es besser, was ihren Vater bewegt.
(Kurzgeschichte aus: »nordostsüdwestwärts« – Horizonte)

Bernd Lange
Was ich über mich schreibe:
_ geboren am 11. Juli 1949 in Berlin;
_ gewachsen in Köln;
_ gelebt in Stuttgart, Freiburg und wieder in Stuttgart;
_ geschäftlich bis 2018 als selbständiger Werbe- und PR-
Texter, Konzeptioner sowie Redakteur, Fachautor und Blog-
Arbeiter unterwegs gewesen;
_ Dozent für Kommunikation und Werbliches Schreiben;
_ seit 2022 im “Unruhestand“ an der Uni Tübingen nochmals
angefangen zu studieren: Literaturwissenschaft/Kreatives
Schreiben und Klassische Archäologie.
Was andere über mich erzählen:
Vor meiner Schreibmaschine sitzt er, lebt er.
Freut sich über geglückte Worte, verflucht misslungene.
Wenn der Mond mit seinen Schatten Sujets camoufliert, ist er glücklich.
Und wenn dann die Sonne wieder mit ihrer Evidenz prahlt, geht sein Leben weiter.
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