Ingrid Maestrati für #kkl33 „Vollendung“
Perfektionsträume
„Wer etwas Vollendetes schaffen will“, sagen die Taoisten, „muss sich erst freimachen – von sich selbst, von seinem Ziel und seiner Eitelkeit.“
Die Zen-Schüler horchten gespannt zu.
„Eine gewagte Hypothese“, dachte Horst und sagte nichts. Wer würde es wagen, einen Zen-Meister vor einer Gruppe zu widerlegen?
„Wir denken zu viel und dann verrennen wir uns“, sagte Yono, der Zen-Meister leise und schaute sich in der Gruppe um, bevor er weiterfuhr. „Je komplizierter die Aufgabe, desto höher der Stress und dann flüchten wir uns in übersteigertes Wollen. Wir stolpern über unsere eigenen Hindernisse.“
Raunen im Saal.
„Aber man wird doch wohl noch wünschen dürfen“, warf Kathrin ein.
Langsam setzte die Gruppendiskussion ein.
„Wir haben bisher nur von Übersteigerung gesprochen“. Karl sagte es eindringlich, er wollte bestätigt werden.
„Wenn wir etwas ganz Großes leisten wollen, dann dürfen wir uns nicht verrückt machen lassen. Wir müssen auf dem Boden bleiben und da läuft vieles anders als geplant“. Jenny war selbständige Unternehmerin und praktisch veranlagt, wie sie selber sagte. Also keine hochgestochenen Ideen, sondern konkrete Projekte, ohne das Ziel zu verlieren, wenn sich Hindernisse einstellen.
Yono sprach jetzt von Zuständen, die sich dem bewussten Willen entgegenstellen. „Sie wenden sich gegen die Instrumentalisierung des Körpers“ und er meinte sogar, dass sie nützlich seien.
„Mit anderen Worten, wir schinden uns ab und hoffen auf Anerkennung und innere Befriedigung. Wir wollen gefallen und werden unglücklich, wenn sich das alles nicht einstellt.“ Horst war es so ergangen. Seine Arbeit wurde nicht anerkannt. Am Ende war er nur noch müde und enttäuscht. „Da kann man nur noch den Job wechseln“.
„Aber du kannst auch zufrieden sein ohne die Anerkennung anderer“, antwortete Karl. “Du erklimmst einen Berg und freust dich. Aber das dauert nicht lange. Dann können wir nur auf immer höhere Buckel klettern oder in Lederhosen ins Hofbräuhaus. Dort wird man solche Geschichten los.“
Alle lachten, aber sie blieben skeptisch. Eine lebenslange Erziehung wurde kleingeredet.
Yono lächelte und erzählte jetzt eine Geschichte von Tchouang-Tzu[1]. Ein Zimmermann, Ts´ing, schuf einst ein Meisterwerk, eine geschnitzte Skulptur, die vom König in Auftrag gegeben worden war. Als er befragt wurde, wie er das geschafft habe, erwähnte er seine geistige Vorbereitung, die sieben Tage gedauert hatte. Als erstes vergaß er die von ihm erwarteten Komplimente oder die Kritiken, falls sein Werk nicht gelänge. Später vergaß er seinen Körper, den König und den Königshof, die nicht mehr im Denken existierten. Dann ging er in den Wald, wählte den richtigen Baum und machte sich an die Arbeit. „Bei so hohen Ansprüchen wäre eine schlechte Arbeit fatal gewesen, daher wäre sein Gefallen Wollen zum Hindernis geworden.“
„Mein Gott, so viel Stress. Du musst perfekt sein und bist wie gelähmt“. Horst konnte sich da hineinfühlen.
„Mit seiner Meditation hat Ts´ing diese Stressfaktoren ausgeschaltet und wurde innerlich ruhig und rezeptiv – eine selbstgeschaffene Leere, die nichts mit Loslassen gemein hat,[2]“ Es ging nicht darum, sich gehen zu lassen oder aufzugeben, sondern darum, unnötige Spannungen abzubauen. „Abstand nehmen bedeutet nicht, auszusteigen. Wir legen eine Denkpause ein. Abschalten ist das.“ Yono merkte, wie schwer es war, diese Haltung zu erklären. Es war eine Art des sich Leermachens, sich nicht von Angst und Hoffnung überwältigen lassen, sondern Selbstvertrauen zu bewahren.
Er erwähnte zwei Arten von Leere: dumpfe, depressive Gefühllosigkeit, gefolgt von panischer Angst und manischem Davonrennen vor sich selbst. Oder: innere Spontaneität. „Die Dinge kommen lassen, statt ihnen unseren Willen aufzuzwingen“.
To be or not to be… das Sein und das Nichts. Alles annehmen oder verwerfen und sich selbst dabei zerstören?
Oder: Sein und sein lassen.
Yono sah fragende Gesichter vor sich. „Wir geben unserem Handeln eine neue Richtung, dann wird es kreativ.“
Jenny handelte ähnlich in ihrem Beruf. Sie musste sich ständig auf neue Situationen einstellen und auf andere eingehen.
Das Innere als Quelle von Reichtum, bei gleichzeitiger Leere, das ging weit über das Gerede von Verdrängungen hinaus. Yono spürte, dass er europäische Beispiele zitieren musste, denen die Gruppe leichter folgte als zweitausendjährigen Weisheiten. „Poincaré hat seine Theorie gefunden, als er in einen Bus einstieg, während eines Erholungsurlaubs.“[3] Er dachte nicht mehr an seine Forschung und unterschwellig ging sein Denken weiter.
Und jetzt erwähnte Yono ein Gegenbeispiel: Monsieur Vatel, oberster Küchenchef im Schloss von Chantilly, der 1671 die Schlagsahne erfunden hat.[4] Während einer Einladung des Königs von Prinz Condé wurde ein rauschender Empfang gegeben. Während des Essens sollte Fisch mit einer „Crème Façonnée“, oder auch als „Milchschnee“ bezeichnet, serviert werden (ohne Zucker). Alles war bereit, die Sahne musste nur noch aufgeschlagen werden, im letzten Moment.
Aber der Fisch war nicht geliefert worden! Undenkbar, den Fischgang ausfallen zu lassen, der in goldenen Lettern im Menü gedruckt war und das ausgerechnet beim Besuch des Königs!
Vatel verübte Selbstmord, weil er die Schmach nicht ertragen konnte und eine halbe Stunde nach seinem Tod wurde der Fisch geliefert!
„Mit innerer Ruhe allein war das nicht zu machen“, sagte Karl.
„Ich hätte eine köstliche Omelette mit Kräutern mit der Schlagsahne serviert und den Prinzen diskret in Kenntnis gesetzt“, rief Klara, „Plan B wenn A nicht klappt.“
„Vielleicht hatte Vatel eingemachte Fischpasteten oder marinierten Fisch auf Eis. Das hätte er dazu servieren können“, meinte Jenny.
Yono fasste zusammen: widrige äußere Umstände, für die Vatel nichts konnte und ein Mangel an innerer Ruhe. Sich von seinen Emotionen so aufschaukeln zu lassen, dass er keinen Ausweg mehr sah, war ein typisches Scheitern. Alle Hilfe musste von außen kommen, als ob er nicht mehr für sich selbst existierte.
„Heute heißt Schlagsahne in Frankreich Crème Chantilly. Vatel, der sie erfunden hat, wurde vergessen, aber der Herkunftsort blieb in Erinnerung.“
Zitiert von R. Graziani: L´usage du vide – Essai sur l´intelligence de l´action de l´Europe à la Chine, Gallimard 2019, Seite 89-92 [2] Idem, Seite 19 [3] Idem, Seite 96 [4] Wikipedia

Ingrid Maestrati, Jahrgang 1945. Mehrere Lebensphasen: Anfangs ausgedehnte Reisen als Schiffsoffizier und Auslandsaufenthalte in Myanmar und Paris über das Auswärtige Amt. Dann Studium und Arbeit als Psychologin in Paris, in der Industrie und bei Gerichten. Nach meiner Pensionierung: ein französisches Sachbuch in Arbeit und Kurzgeschichten. Mein Buch: UNTERWEGS – Erinnerungen, ISBN 978-3-03883-084-9, 2019
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