Vom Heldenmut

Bernhard Horwatitsch für #kkl33 „Vollendung“




Vom Heldenmut

Einst kam ein Wanderer in den Hain der Götter. Alle Götter saßen gemeinsam in der Halle, speisten und tranken, erzählten sich von ihren Heldentaten. Der zufällig aufgetauchte Wanderer verbeugte sich tief vor den Göttern. Odin selbst begrüßte den Wanderer mit herzlicher Stimme. „Setzt euch zu uns, Fremder, doch sollst du, bevor du mit uns speist und trinkst, uns Kundschaft geben von deinem Mut. Was, fremder Wanderer, kannst du besonders gut. Denn nur wenn du etwas besonders gut kannst, ist es dir erlaubt mit den Göttern zu speisen.“
Der Wanderer verbeugte sich erneut vor den Göttern. „Oh Odin, du weisester aller Götter“, begann der Wanderer zu sprechen, „vor euch von meinem Mut zu sprechen ist schon eine große Ehre und bedarf selbst des Mutes.“
Odin lachte und auch alle anderen Götter, Thor, Baldur, Thyr, Frigg, selbst Loki stimmten in Odins Lachen ein. „Doch noch einen Mut, Fremder“, begann Odin zu sprechen nachdem das Lachen der Götter verklungen war, „noch einen weiteren Fall von Mut solltest du schon haben, außer dem, vor uns zu sprechen.“

Der Wanderer verbeugte sich ein weiteres Mal vor den Göttern. Doch Odin winkte ab und zeigte erste Anzeichen von Ungeduld. Dem weisesten aller Götter ist Ungeduld an sich ganz fremd und schon das wäre bemerkenswert genug, von diesem fremden Wanderer zu erzählen.
„Nun“, begann der Wanderer zu reden – er spürte, es war an der Zeit mehr zu sagen, „ich bin, großer Göttervater, schon viel herumgekommen auf meinen Reisen durch die Länder, durch die Berge, von unten nach oben und wieder nach unten, durch Flüsse, über Brücken, durch Wälder. So manchen Kampf musste ich dabei überstehen. Und ich kann sagen, nie hat mich im Kampf der Mut verlassen. So ist es wohl an mir, mich kampfesmutig zu nennen.“ Der Wanderer hörte auf zu sprechen und verbeugte sich diesmal nicht, um so seinen besonderen Kampfesmut unter Beweis zu stellen.
„Nun, guter Fremder, mutiger Kämpfer, da habe ich eine Gelegenheit für dich, dich auch unter Göttern zu beweisen.“ Odin machte eine einladende Bewegung mit seinem Arm und seine Raben Munin, Kunin und Hugin, schwangen von den Schultern Odins und flatterten in der großen Halle herum. Kurz darauf betrat ein altes, schwächlich wirkendes Weib auf einem Stock gestützt die Halle der Götter. Der Wanderer blickte sich überrascht zu dem alten Weib um.
„Ihr Götter? Das ist ein altes Weib. Ich will ihr nicht weh tun.“
Odin lachte laut auf, seine drei Raben flatterten herum und setzten sich im Verklingen von Odins Lachen wieder auf dessen Schultern, krächzten kurz nach, was so klang, als würde dem Lachen ein kleiner Husten folgen.
„Keine Sorge, fremder Wanderer, mutiger Mann. Lass das alte Weib darüber entscheiden, ob du ihr weh tust.“

So begann der Wanderer mit dem alten Weib zu ringen und zu seiner Überraschung war sie fest auf den Beinen. So sehr sich der Wanderer auch bemühte, sie von den Füßen zu heben und zu stürzen. Das Weib hielt stand. Und mehr noch, hatte dieses alte, graue Weib auf ihrem Stock gestützt, noch die Kraft, den Wanderer mit einem Hieb zu Boden zu bringen. Der Kampf dauerte nicht allzu lange und am Ende war der Wanderer besiegt und blickte beschämt über diese Niederlage zu Boden.
Als er sich wieder aufgerichtet hatte, sah er in den Gesichtern der Götter großes Staunen. „Verzeiht“, sagte der Wanderer, „ich bin wohl doch nicht so mutig wie ich dachte und so kampferprobt. Ich weiß nicht wie, aber dieses alte Weib war stärker als ich. Das ist der Beweis, dass ich nicht an eurer Tafel sitzen darf.“

Doch Odin schüttelte nur den Kopf. „Mein  Freund, aber nein, aber nein. Setz dich nieder zu uns und speise mit uns, den Asen, vom Besten was wir zu bieten haben und trinke ausgelassen und erzähle uns noch mehr von deinem besonderen Mut.“
Der Wanderer war sich nicht sicher, ob das nun Spott der Götter war und wirkte verunsichert.
„Setz dich, komm schon, Mann. Keiner von uns Göttern hat es jemals erlebt, dass ein Sterblicher so lange diesem alten Weib standgehalten hat wie du. Denn mein Freund. Dieses alte Weib ist das Alter selbst und du hast ihr so lange Widerstand geleistet, das verdient höchsten Respekt. Und nun setz dich und iss und trink.“





Tschüss – feierliche Stanze


Das Laub wechselt seine Farben

Der Dichter Hemd und Kragen

Siehst du – hier – die Narben

Was Jahre brennt denkt nicht in Tagen

Sonderbar gerafft wirkt dann die Zeit

Vollendete Vergangenheit

Vom Ende her betrachtet

Ist Licht oft lichter

Und die Nacht umnachtet

So stirbt der Dichter

Berichtet uns sein Leben

Als würd‘ er ewig schweben

Freiheit sagst du –– Sinnlich, schön – bedeutungslos

Und lächelst bitter

Und legst dich müde auf das weiche Moos

Auf jeder Reise triffst du einen Schnitter

Im Kumpf trägst du deinen eignen Wetzstein mit

Horch! Kiwitt Kiwitt

Rotbraun glitzert Laub im Sonnenlicht

Du steigst und schwebst – gebrochen

Wirst ganz weich, verlierst Gewicht

Unter dir dein Sein – wie gestochen

Und jetzt! Nimmt dich etwas in sich auf

So – mein Freund – ist des Lebens Lauf





Bernhard Horwatitsch https://www.literaturprojekt.com/

Schreibt seit vielen Jahren dies und das und wird es auch weiter tun. Warum er das tut, hat er längst vergessen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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