Britta Heidland für #kkl34 „Klarheit“
Der junge Mann und das Meer
Ich sitze in der Standbar und sehe rüber zu diesem Mann am Nebentisch. Seine Haut ist braun gebrannt, sein Haar lang und von Sonne und Meerwasser ausgeblichen. Er trägt eine abgeschnittene Hose und dazu ein altes Shirt ohne Ärmel, so dass seine dünnen, sehnigen Arme und Beine zu sehen sind. Schon letztes Jahr ist er mir aufgefallen und schon letztes Jahr hatte er immer eine Zigarette im Mund und eine Flasche Bier in der Hand.
Der Mann lächelt viel. Er lächelt eigentlich immer. Er lacht, wenn er mit den alten, spanischen Männern spricht, er lächelt, wenn er barfuß in sein vom Wüstensand verstaubtes Auto steigt und davonbraust, er lächelt, wenn er mich sieht, am Nachbartisch sitzend im geblümten Strandkleid mit Sonnenbrille und Strohhut auf dem Kopf.
Was ist das nur für ein Lächeln? Ich traue diesem Lächeln nicht. Es ist das Lächeln eines Haifisches. Seine Augen sind starr und eisblau. Sie lächeln nicht mit. Die Mundwinkel ewig nach oben gezogen, sollen eine Überlegenheit signalisieren, eine Souveränität, eine Haltung, die eines Buddhas gleichkommt. Er muss sich dieses Lächeln vor Jahren antrainiert haben. Aber ich sehe genau, dass seine Augen nicht mitlächeln und sein Herz ist klein und zusammengeschrumpft wie eine Rosine.
Es gibt Menschen, die sind hellsichtig. Sie können in die Zukunft gucken, sie können Engel sehen oder Einhörner. Ich gehöre nicht zu dieser Art Menschen. Nein, ich bin nicht hellsichtig. Ich bin dunkelsichtig. Ich sehe den Schatten anderer Menschen, ich sehe ihren Schmerz, ihre Angst, ihre Verhärtung und ihre Verbitterung. Und ich spüre, dass dieser Mann da am Nachbartisch umgeben ist von einer Wolke aus Enttäuschung und Trauer darum, dass die Welt nicht so ist, wie er sich das vorgestellt hat. Wie einen bösen Schoßhund hat er seine gestauten Aggressionen immer bei sich. Ich fühle sie, ich rieche sie. Jederzeit kann der Hund ihm vom Schoß springen und um sich beißen.
Ich beobachte den Mann aus dem Augenwinkel heraus. Er lacht und fährt sich mit den Fingern durch das dünne Haar. Ich sehe, der Dachboden seines Geistes steht voll mit Gerümpel. Er ist nicht klar. Der Alkohol macht, dass er das nicht spüren muss. Er trinkt noch einen Schluck und zieht dann an seiner Zigarette.
Ach, ich sehe ihn vor mir, wie er früher war. Den jungen Mann aus gutem Hause. Etwas verwöhnt vielleicht und liebevoll zur Bildung gezwungen. Nein, so werden, wie die Eltern sind, wollte er nicht. Er wollte mehr. Er wollte frei sein, keine Verpflichtungen, keine Verantwortung und keine Rücksicht. Immer nur tun, was er will. So ein Leben in der Enge das ging für ihn nicht. Und so ist er einem zerkratzten Kompass gefolgt, der in die falsche Richtung zeigt.
Die Suche nach Freiheit hat ihn dann auf die Insel gespült, wie so viele Gestrandete hier. Jeden Tag Sommer, Sonne und Meer hat ihn zu dem gemacht, was er ist. Ein Sklave seiner Suche. „Für dich ist kein Land in Sicht, mein Lieber“, denke ich. Und spüre doch die Sehnsucht in mir, ihm ein Stück Treibholz hinzuwerfen, an das er sich klammern kann, oder einen Rettungsring.
Was wäre, wenn ich aufstehen und mich zu ihm setzen würde? Er würde mich anschauen mit diesen eisblauen, flachen Augen. Dann würde er an seiner Zigarette ziehen und beim Ausstoßen des Rauchs überlegen lächeln. Am liebsten würde ich ihn rütteln: „Wer frei sein will, mein Junge, der muss in die andere Richtung laufen. Wer frei sein will, der darf sich mit seinen Beschränkungen befassen und nicht mit seinen Freiräumen.“ Aber das ist ihm nicht klar. Er würde nur an seinem Bier nuckeln und schlucken.
Mit der Freiheit verhält es sich so, wie mit einem Dachboden voller Gerümpel. Du öffnest die Tür und stehst direkt davor. Der Raum ist voll, dicht, massiv, keine Freiheit weit und breit. Und dann läufst du nicht weg, sondern du krempelst die Ärmel hoch und fängst an, hier etwas zu nehmen, da etwas zu halten und dort etwas zu tragen. Und du bleibst dran. Du machst weiter. Unbeirrt. Und was ist es, was du da nimmst, hälst, trägst? Was ist das da für Zeug auf dem Dachboden? Das ist ganz einfach. Du nimmst Rücksicht, du hälst Versprechen, du trägst Verantwortung und eines Tages siehst du klar. Du schaust dich um und du siehst Leere. Überall. Und du staunst einen Moment und dann begreifst du, dass Freiheit der Dachboden selber ist.
Aber ich glaube, der Mann würde das nicht verstehen, er würde diese seltsame Frau mit dem Strohhut wahrscheinlich für verrückt halten, für vollkommen übergeschnappt und so bleibe ich an meinem Tisch sitzen, rühre ein bisschen in meinem Kaffee und lasse den Blick dann schweifen zum Meer hinaus weit bis zum Horizont.
Britta Heidland ist 1971 in Gütersloh geboren worden und hat nach dem Abitur Deutsch und Philosophie studiert.
Nach dem Studium hat sie einige Jahre an verschiedenen Gymnasien unterrichtet, bis sie sich 2006 mit ihrem Mann, dem Diplom Biologen Oliver Rautenberg selbstständig gemacht hat. Gemeinsam leiten sie die Seifenmanufaktur St. Annen, eine Firma für plastikfreie und vegane Naturkosmetik.
2003 ist ihre erste Tochter Josi geboren worden, 2009 die zweite Tochter Pippa.
Seit 2017 arbeitet Britta Heidland vermehrt an literarisch-philosophischen Geschichten und Kurzgeschichten.
