Der Anhänger

Christopher Baar für #kkl34 „Klarheit“


Der Anhänger

Horst Glockenmeier lag auf dem kalten Asphalt. Seine Winterjacke war zerfleddert, als hätte sie sich im Reißwolf verfangen, der kalte Teer drückte sich auf die nackte Haut. Dieser verdammte Anhänger. Wer fährt mit einem verfluchten Anhänger durch die Stadt? Warum trifft solch eine Scheiße immer mich? Horst, gelinde ausgedrückt, führte nicht unbedingt das Leben, dass sich ein junger Student in der aufstrebenden Metropole Leipzig gewünscht hätte. Doch erstmal zurück zum Anfang.
Horst wuchs in einer unscheinbaren Gemeinde im tiefsten Sachsen auf, irgendwo an der tschechischen Grenze. In der Oberlausitz mangelte es ihn weder an Liebe seiner Mutter noch an Wertschätzung seines Vaters. Die Unterstützung seiner Eltern ging sogar so weit, dass ihm das heißgeliebte Lehramtstudium in Leipzig ermöglicht wurde. Seine Eltern gaben ihr letztes Hemd – große Teile eines durchschnittlichen Mittelschichtgehalt –, damit sich Horst eine Wohnung im Leipziger Zentrum leisten konnte. Doch Horst sollte von einer Pechsträhne sondergleichen Ausmaßes heimgesucht werden, die sein ganzes Leben verändern und auf dem kalten Asphalt enden würde.
Nach einer wilden Studentenparty stieg er aufs Fahrrad, um nach Hause zu fahren, als ein Polizeiwagen aus einer Nebenstraße auftauchte, ihm den Weg abschnitt und zwei übermotivierte Polizisten zum Tanz baten. Ergebnis: Blutalkoholtest, 1.9 Promille, 2 Punkte in Flensburg, 1200€ Geldstrafe. Die Verfehlung war ihm so unangenehm, dass er den Vorfall seinen Eltern verschwieg. Und anstatt das fehlende Geld mit ehrlicher Arbeit zurückzuverdienen, verzockte er auch noch die letzten Ersparnisse der ahnungslosen Eltern in einer Spielothek (natürlich hatte er sich in der Hoffnung an den einarmigen Banditen gesetzt, etwas Geld zu verdienen – der erste Schritt in die Abhängigkeit). Danach ging es weiter bergab. Fahrraddiebstahl, Polizei, Strafanzeige wegen Diebstahls, 700€ Strafe.
Nun war Horst endgültig am Bodensatz der Verzweiflung angelangt. Er begann ohne Gesellschaft zu trinken. Erst nur zwei Bier am Abend, um besser einzuschlafen, dann vier Bier, um die Gewissensbisse des verlorenen Geldes zu beruhigen, dann sechs, um sich einem befriedigenden Rausch hinzugeben, dann so viele, dass er die Übersicht verlor – jeden Tag.
Und an jenem kalten Wintertag – sein übriges Geld hatte noch für einen Semesterbeitrag gereicht, die Gedanken, was danach passieren würde, verdrängte Horst mit Alkohol (abgesehen davon war er auch schon mit der Miete einige Monate im Rückstand) – ereignete sich dann das größte aller Unglücke. Er saß einsam im Park neben der Universitätsstraße – sturzbetrunken, ungepflegt und unfähig geradeaus zu laufen. Zwischen ihm und den Obdachlosen auf der benachbarten Parkbank war kein Unterschied mehr auszumachen. Irgendwann hatte Horst die Schnauze voll vom eisigen Park und machte sich über die Ringstraße zum Wilhelm-Leuschner-Platz auf. Sein zugetrunkenes Hirn ignorierte die roten Ampeln und ging achtlos über die vierspurige Kreuzung, samt zweifacher Straßenbahnlinien. Ein Auto, dass aus dem Peterssteinweg abbog, verfehlte den Trunkenbold um Haaresbreite. Dem Autofahrer waren keine Vorwürfe zu machen, er konnte den Mann erst im letzten Moment sehen. Doch zu Horsts Unglück hatte der Wagen einen Anhänger gekoppelt, der mit aufgeschüttetem Kies und dutzenden Werkzeugen – Schaufeln, Sparten, Rechen und Stampfern – beladen war. Horst geriet in den Spießroutenlauf der gestielten Werkzeuge, wobei nicht nur seine Jacke von den Zacken der Rechen aufgeschlitzt wurde. Noch dazu wurde er von den Griffen der Werkzeuge gepfählt.
Nun lag er auf dem kalten Asphalt. Die Jacke zerrissen, vier Holzpfähle aus seinem Oberkörper ragend. Blut tropfte von seiner Unterlippe. Dieser verdammte Anhänger. Hat der Type keine Augen im Kopf!
Horst wurde schwummrig. Erst wurde es dunkel, dann erwachte er in seinem Heimatkaff. Er war wieder siebzehn, hing mit seinen Freuden am Weiher und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Sie unterhielten sich über die banalen Dinge, über die sich Jugendliche unterhielten: Mädchen, die Schule und die letzte Party. Sie tranken Bier und fühlten sich wie die Könige. Es war eine schöne, eine unbeschwerte Zeit, in der Horst die alltäglichen Herausforderungen des Lebens genommen hatte, wie sie gekommen waren. Damals lag die Pechsträhne in weiter Ferne. Moment mal, ich habe das Leben genommen, wie es kam?! Na klar, damals war mir alles scheißegal! Damals war mein Leben frei von Verantwortung. Die Last auf meinen Schultern, das Studium, meine Eltern, all das gab es nicht – noch nicht. Ich habe das Leben lockerer genommen, jeden Tag in vollen Zügen genossen und selbst wenn mich etwas zurückgeworfen hat, habe ich einfach darüber hinweggesehen.
Nun – auf dem Leipziger Ring im Sterben liegend – hatte er einen klaren Moment der Erleuchtung, den sein von Negativität vergiftetes Hirn seit der betrunkenen Fahrradfahrt nicht zugelassen hatte. All das, was in Leipzig geschehen war, war kein Pech! Es war seine Schuld. Schuld der Negativspirale, in die er sich über die letzten Monate gewunden hatte. Bei der ersten Polizeibegegnung war er von der Eigenverantwortung in die Ohnmacht geflohen. Er hatte sich in die Opferrolle begeben. Kein Wunder, dass ihm danach all die schlechten Dinge widerfahren sind – alles Kopfsache! Die positiven Erinnerungen wurden von den wenigen negativen restlos verdrängt. Ist man sich diesem Phänomen bewusst, kann man sich aus der Negativspirale befreien. Doch sucht man nach Gründen, warum etwas nicht klappt, warum man ständig Pech im Leben hat, gibt man seine Macht ab und begibt sich in die gefährliche Ohnmacht.
Horst starb noch an der Unfallstelle, doch in seinem Gesicht lag ein zauberhaftes Lächeln. Er hatte die Opferrolle abgelegt und entglitt der Erde in Frieden.





Christopher Baar wurde 1995 in Lübeck geboren und wuchs in der ruhigen Gemeinde Ahrensbök auf. Schon früh in der Schule hat er das Schreiben von Kurzgeschichten für sich entdeckt. Um sich stetig zu verbessern, begann er auch in seiner Freizeit zu schreiben. Anfangs noch mit Zettel und Stift, später dann größere Projekte am Computer. Während seiner Ausbildung schrieb er am Debütroman – dem ersten Teil der Impact Trilogie – der kurz darauf veröffentlicht wurde. Nach der abgeschlossenen Ausbildung zog es ihn zum Studium nach Leipzig. Als gelernter Biologielaborant und angehender Biologielehrer besitzt er ein vertieftes biologisches Wissen, wodurch er seinen Romanen glaubhafte Welten verleiht.
Bisherige Veröffentlichungen
Impact – Verborgene Kräfte, Science-Fiction-Roman, Wortschatten Verlag 2020
Impact – Verhängnisvolle Bedrohung, Wortschatten Verlag 2022
Impact – Teil 3, folgt 2024 beim Wortschatten Verlag






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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