Teresa Hofmann für #kkl34 „Klarheit“
Das Mädchen von damals
Mitten im Hof, zwischen der alten Scheune und einem verdreckten Traktor, steht ein vollbeladener Wäscheständer. Neben Feinripp und Handtüchern reihen sich Spitzenhöschen und BHs. Vom Haus her schlappt der alte Bauer in seinen abgewetzten Filzpantoffeln über den Hof, die grüne Cordhose ist ausgebeult und seine Hosenträger spannen links und rechts am Bauch vorbei.
Ich erkenne ihn sofort wieder; und doch nicht. Der Mann dort, hat nichts mehr mit dem Mann von damals gemein.
Sorgfältig pflückt er Teil für Teil von der Leine und legt es in ein kleines Körbchen. Ein seltsamer Countdown für ein seltsames Gespräch.
Seit fast 25 Jahren verfolgen mich dieselben Bilder. Sie schwirren wie kleine Nachtfalter durch meinen Kopf und geben keine Ruhe. Ich habe versucht sie in billigem Schnaps zu ertränken und unter Arbeit zu ersticken, aber die Biester sind zäh. Beinahe zu spät habe ich verstanden, dass sie mir eigentlich gar nicht gehören; denn was passiert ist, war nicht meine Schuld.
Ich stehe in der Hofeinfahrt. Jeden Moment wird er sich umdrehen. Im Kopf gehe ich die Dialoge noch einmal durch; ich habe meine Sätze einstudiert wie eine Schauspielerin.
„Hier gibt’s nichts zu kaufen“, bellt er mich an. „Der Hofladen ist nebenan.“ Sein Blick streift mich gleichgültig. Wieder so ein Bioweib, denkt er wohl. Mit dem Wäschekorb in den Händen geht er zurück zum Haus. An einem wuchtigen Holztisch bleibt er stehen.
Ich gehe geradewegs auf ihn zu. „Gustl, ich bin‘s.“
Seine Augen suchen nach der Stimme und finden mich. „Ja, die Elli.“ Sein Blick rutscht einmal an meinem Körper hinunter und wieder hinauf. „Fesch bist‘ immer noch!“
Innerlich zucke ich, aber ich bleibe.
„Komm, setz dich her.“ Er legt mir die Hand in den Rücken und schiebt mich zur kleinen Holzbank an der Hauswand.
Seine Arglosigkeit überfällt mich. Ich gebe einfach nach, unfähig zu denken, unfähig zu atmen. Ich will rennen, aber ich bleibe.
„Mensch, wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ Geschwätzig setzt er sich auf die Bank gegenüber.
Keiner meiner Sätze passt zu dieser Scharade von ihm.
Er muss doch wissen, warum ich hier bin.
Vor mir werden die Bilder von damals wieder lebendig.
Ich trage mein neues Dirndl, ein Geburtstagsgeschenk meiner Eltern. Gustl und ich drehen uns zur Musik der Blaskapelle; so schnell, dass alles um uns herum zu einem bunten Band verschwimmt. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und lache und lache und lache, während wir uns immer weiterdrehen. Es ist ein herrlicher Abend.
In der Spielpause stürzen wir nach draußen. Die Musik klirrt immer noch in den Ohren nach, obwohl sie längst nicht mehr spielt. Alles dreht sich weiter und ich stütze mich auf dich. Du hältst mich und dann küsst du mich. Deine Hände sind überall. Ich will weg, aber du hältst mich fest; so lange bis du fertig bist. Dann gehst du und ich bleibe.
„Das war 1997“, antworte ich nüchtern auf seine Frage. „Beim Gründungsfest.“
„Ja stimmt. Der Abend war schön. Du warst schön.“ Er lacht mich an. „Alle haben mich beneidet.“
Mir wird schlecht.
Er lehnt sich zurück und klopft mit den Fingerknöcheln an die Scheibe hinter sich. Das Fenster öffnet sich und eine junge Frau streckt ihren Kopf heraus.
„Ja, Opa?“ Sie lacht uns an.
„Bring uns doch zwei Willi.“
„Es ist erst 11 Uhr.“
„Wurscht, wir haben was zu feiern.“
„Wenn du meinst.“
„Ja, und nimm den vom Schachinger.“
Ich sitze noch immer geparkt auf der Bank und verfolge das kleine Scharmützel der beiden als stumme Zuhörerin.
Im nächsten Moment steht sie schon mit den Schnapsgläsern und einer Flasche „Willi“ am Tisch.
Ich glaube, ich grüße sie.
Er erzählt ihr, dass mein Vater und er die besten Freunde waren, dass er mit ihm schon auf meine Geburt angestoßen hat und wie lustig unsere gemeinsamen Familienausflüge immer waren.
Sie schenkt die Gläser über den Eichstrich voll.
„Zum Wohl.“
Er prostet mir zu und ich hebe das Glas.
Warum? Ich weiß es nicht. Es ist mein erster Schluck Alkohol nach sehr langer Zeit. Meine Zunge wird taub, dann brennt es im Rachen. Mir wird heiß und die Wangen glühen.
„Hübsch ist sie unsere Emmi, gell.“
„Hmm.“ Ich bin keine fünf Minuten hier und völlig verloren.
„Die Emmi wird es mal weitbringen.“
Die junge Frau winkt ab und schaut dann mich an.
„Sie hätten ihn mal sehen sollen. Aufgemandelt hat er sich, weil ich mich an der Uni eingeschrieben habe.“
Sie lacht wieder und legt ihm liebevoll die Hand auf die Schulter.
„Aber gell, er ist halt noch einer vom alten Schlag. Noch Einen?“
Sie deutet auf die Flasche.
Ich schüttle den Kopf.
Sie räumt die Gläser ab und nimmt die Flasche mit.
Wir sind wieder allein.
Ich starre auf die Holzplatte des Tisches. Wie ein kleiner Irrgarten ziehen sich die Verästlungen und Maserungen über die Oberfläche.
„Wie alt ist sie?“, frage ich.
„Die Emmi?“
Ich nicke.
„Im Juli wird sie 18.“
„Ein Jahr jünger als ich damals.“
Wir schweigen.
„Warum hast du das gemacht?“, frage ich ihn.
„Was meinst du?“
„Das hinterm Bierzelt.“
„Wir hatten unseren Spaß. Was soll die Fragerei?“
„Du hast mich einfach gepackt.“
„So ein Schmarrn. Du wolltest doch rausgehen.“
Die Freude über meinen Besuch war weg.
„Um frische Luft zu schnappen.“
„Spiel nicht das Unschuldslamm. Den ganzen Abend hast du mir deinen Busen unter die Nase gehalten.“
„Ich hatte ein Dirndl an.“
„Heiß gemacht hast‘ mich.“
„Wir haben miteinander getanzt. Das war alles.“
„Jetzt tu nicht so. War doch klar, worauf das hinausläuft.“
„Für dich vielleicht. Ich wollte das nicht. Du …“
„Nein.“ Er schlägt mit beiden Händen auf den Tisch und springt auf. „Nein, ich habe nichts falsch gemacht!“
„Gustl.“ Ich sage es ruhig und klar. „Du hast mich vergewaltigt.“
Noch nie zuvor hatte ich das laut ausgesprochen. Es war, als würde mir die Brust platzen und sich gleichzeitig alles zusammenschnüren.
„Du hinterfotzige …“ Seine Hand schnellt nach oben.
Ich zucke zurück, aber er schlägt nicht zu.
„Sei froh, dass Emmi da ist. Und jetzt verschwinde, bevor ich mich vergesse.“
Wütend ballt er die Faust in der Luft, aber ich bleibe.
„Nein. Ich will, dass du verstehst, was du mir angetan hast.“
„Das sind doch nur Hirngespinste.“
„Du weißt, dass ich die Wahrheit sage.“
„Ich lasse mich von dir nicht in den Dreck ziehen!“
„Du warst wie ein Onkel für mich. Ich habe dir vertraut und du …“
„Hör auf! Deine Lügenmärchen interessieren hier niemanden.“
„Ich war nicht einmal auf Papas Beerdigung, aus Angst dich dort zu treffen.“
Mir laufen die Tränen übers Gesicht. Ich weine, um die Menschen und um die Zeit, die ich verloren habe, weil ich so lange verloren war.
Ich greife nach einer Unterhose aus dem Wäschekorb und zerreiße sie.
„Wenn ich nachts die Augen schließe, dann höre ich das … und ich sehe dich, wie du auf mir liegst.“
„Sei still.“
„Ich höre, wie dein Keuchen immer schneller wird; jede Nacht aufs Neue. Das ist keine dumme Geschichte, das ist mein verkorkstes Leben.“
„Sei bitte still.“ Es ist ein Flehen.
Langsam lässt er sich auf die Holzbank sinken. Sein Blick starrt an mir vorbei über den Hof. Er sagt nichts, aber seine Augen verraten ihn.
Ich sehe die bittere Erkenntnis, die Scham in ihnen.
Wir schweigen wieder.
Dann stehe ich auf und gehe.
Das junge Mädchen von damals lasse ich auf der Bank sitzen.
Teresa Hofmann hat an der Universität Passau „Medien und Kommunikation” studiert. Bisher veröffentlichte sie einige ihrer Kurzgeschichten; unter anderem im Sammelband „Zukunft schreiben statt Schwarzmalen” (Tessloff Verlag; ISBN: 978-3-7886-2254-1) sowie in der eigenen Anthologie „Viertakter” (story.one publishing; ISBN: 978-3-7108-1472-3).
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