Eileen Kipp für #kkl34 „Klarheit“
Verstaubte Kisten
„Welche Kiste hast du gemeint, in die du die Briefumschläge gepackt hast?“
Noch während sie die Worte zu ihm nach oben rief, fing sie schon an, die einzelnen Kisten auf den Boden zu stellen. Warum kam er auch auf die Idee Briefumschläge in Kisten im Keller zu räumen? Ordnung schön und gut, aber nicht bei Dingen, die man im Alltag noch brauchen kann. Wann wurden es eigentlich so viele Kisten? Und warum hatte er die Angewohnheit die Kisten mit den wichtigsten Dingen in der hintersten Ecke des Kellers verstauben zu lassen? Nachdem sie bestimmt sieben weitere Kisten zur Seite stellte, entdeckte sie einige weiße Zettel vor sich auf dem Boden, welche offenbar aus der unscheinbaren Kiste darüber herausgefallen waren.
„Vergiss es, ich glaube ich habe sie gefunden!“, rief sie zu ihm nach oben, obwohl sie sich gar nicht sicher war, ob er ihre ersten Worte überhaupt verstanden hatte. Er war wahrscheinlich ohnehin damit beschäftigt seine Bücher nach Farbe oder die Konservendosen nach ihrer Größe zu sortieren. Sie hatte es auch ohne seine Hilfe geschafft eine verstaubte Kiste auf den Boden zu stellen. Nachdem sie in der Mitte des spärlich beleuchteten Kellerraums wenigstens etwas mehr erkennen konnte, bemerkte sie, dass es sich bei den weißen Zetteln gar nicht um Briefumschläge handelte.
Es waren Fotos.
Mehrere vergilbte Fotos von einem Mädchen auf einem Dreirad. Fotos von dem Mädchen im Kleinkindalter auf einem Spielzeugbagger im Sandkasten, von Kopf bis Fuß mit nassem Sand bedeckt. Fotos von einem kleinen Mädchen mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht. Wie konnte sie diese Aufnahmen so lange in einer Kellerecke verstauben lassen? Tief vergraben unter einen Kistenberg und einer immer dichter werdenden Staubschicht. Während sie die Bilder betrachtete, wurde ihr bewusst, was er alles in diesen unzähligen Kisten im Keller vergraben haben musste. Das Mädchen auf den Bildern wäre nie darauf gekommen, etwas in Kisten zu packen – sie liebte es alles so weit wie möglich in ihrem Zimmer auszubreiten. Warum sollte man Dinge auch ordentlich verstauen, wenn man sie doch ohnehin rausholen muss, um sie zu benutzen? Aber er liebte ja seine Ordnung. Und seinen Keller.
Das Mädchen auf den Bildern hatte Angst vor Kellern. Aber er kannte sie ja gar nicht. Sie hatte ihm nie von ihr erzählt – bis zu diesem Moment hatte sie auch Jahre nicht an dieses kleine, grinsende Mädchen auf dem Spielzeugbagger gedacht. Ob er sie mögen würde? Wahrscheinlich würde es sich darüber ärgern, dass er sie nirgendwo einsortieren könnte. Sie würde ihm wahrscheinlich ohnehin zu viel Bewegung und Chaos ins Haus bringen. Er brauchte einfach seine Ordnung.
„Kannst du die Kisten danach wieder in der gleichen Reihenfolge einsortieren?“
Seine durchdringende Stimme war auch von unten deutlich wahrnehmbar. Seufzend fing sie damit an die erste Kiste wieder zu verschließen. Seine Ordnung hatte ja auch zahlreiche Vorteile.
Doch während sie die letzte Kiste zurück in die Ecke hiefte und unter einer kleinen Staubwolke versinken ließ, ließ sie das Foto von dem kleinen Mädchen auf dem Spielzeugbagger in ihrer Hosentasche verschwinden. Sie würde sie nicht noch einmal für mehrere Jahre in der hintersten Ecke dieses Kellers verstauben lassen.
Eileen Kipp wurde im Jahr 2000 geboren. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie bereits in ihrer Schulzeit. Was mit Tagebucheinträgen in einem Klinikzimmer begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu aufklärenden Texten, welche sowohl düstere Einblicke in Tabuthemen bringen, also auch Hoffnung spenden können. Mit „Ganz ehrlich? Keine Ahnung.“ hat sie im September 2023 ihr erstes Buch veröffentlicht. Eileen studiert aktuell Psychologie, um zukünftig als Psychotherapeutin Kinder und Jugendliche aus ähnlichen Krisensituationen heraus begleiten zu können.
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