Verurteilt

Katharina Prestel für #kkl34 „Klarheit“




Verurteilt

Maler P. wurde, noch kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag und ungeachtet seiner Lebensumstände, er hatte nämlich Frau und Kinder, an einem schönen Herbstmorgen noch in diesem Jahre des Herrn, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zweieinhalb Monaten verurteilt und sofort von einem entsprechend ausgerüsteten Wagen in das nahegelegene Gefängnis der Stadt transportiert. Sein Fall erregte eine Weile lang große Aufmerksamkeit in der Gesellschaft, nicht nur in der Stadt, sondern auch außerhalb davon, man kann sogar sagen: international, denn er war der erste Delinquent, der sich unter dem neuen Gesetz dem Vorwurf der Anmaßung stellen musste.

Das Anmaßungsgesetz war die aktuellste Errungenschaft der denkenden Menschheit.

Maler P. hatte zuvor von dem Anmaßungsgesetz nichts gehört. Er war ein genügsamer Mensch. Nachdem er seine Arbeit als Postangestellter aufgegeben hatte, beschloss er, da er zu einer unverhofften und nicht unbeträchtlichen Erbschaft gelangt war, sein Leben der Kunst zu widmen, wie es schon in Kindheitstagen sein innigster Wunsch gewesen war, räumte einen Kellerraum seines Hauses leer, kaufte sich eine Staffelei und Farben, hochwertige Pinsel und Papier, und begann damit, die Menschheit abzubilden.

Die Menschheit hatte es ihm angetan.

Durch die große Anzahl von Presseberichten, Fernsehbeiträgen, Kommentaren in den Feuilletons der namhaften Tageszeitungen und Posts auf allen Social Media-Plattformen dieser Zeit gelangten sein Name, sein Konterfei und sein Vorwurf in die Köpfe und Herzen der ganzen Menschheit. Er wurde berühmt.

Zeitgenössischer Künstler mit schweren Vorwürfen belastet.

Anmaßungsgesetz zum ersten Mal angewandt.

Endlich die erste Verurteilung nach dem Anmaßungsgesetz!

Wird Maler P. diesen Schock überwinden?

Warum Sie Ihr Kind vor Anmaßung schützen sollten.

Lehrer-Gewerkschaft fordert mehr Material für den Unterricht zum neuen Anmaßungsgesetz.

Petition zur Abschaffung des Anmaßungsgesetzes eingereicht.

#Freedom for P

#u r dismissed

das hat der dreckshund verdient

Mit so einem will die Community nichts zu tun haben.

Das Anmaßungsgesetz sollte eigentlich nicht so heißen. Es war kein eigenes Gesetz, sondern ein Paragraph. Die Mehrheit der Menschen konnte dazwischen aber nicht differenzieren, so dass der Volksmund, der bekanntlich noch über der Spitzfindigkeit des Rechts steht, daraus machte, was ihm passte, nämlich ein ganzes Gesetz. Der Paragraph war von langer Hand und unter Ausschluss der öffentlichen Diskussion von hochausgebildeten Juristen, unter Rückversicherung beim Ethikrat und unter Einbezug der kirchlichen Positionen in einem Zeitraum von etwa fünf Jahren erdacht, ausformuliert, überarbeitet und schließlich im Strafgesetzbuch verankert worden. Die internationale Aufmerksamkeit war ihm gewiss, hatten doch die anderen Gesellschaften ähnliche Ausgangsschwierigkeiten in puncto Diskriminierung und daher erhöhten Bedarf an einer Klärung der Verhältnisse. Man kann also sagen, dass der Fall des P. nicht nur eine lokale Sensation war, sondern Präzedenzcharakter hatte.  

Maler P. hatte sich in einem Café in der Stadt befunden. Später zeigte sein Bild, das im Übrigen nicht einmal ein farbiges war, sondern viel eher eine zarte Radierung, die sich durch kunstvolle Linien und spinnwebenfeine Schraffuren auszeichnete, zwei junge Männer, von denen einer schwarze Augen gehabt hatte, wie ein Moorsee, dem man nicht auf den Grund blicken kann, der andere aber hatte helle Augen gehabt und wildes, ungezähmtes Haar, das ihm in Augen und Stirn gefallen war. P., der ansonsten für Romantik nicht viel übrighatte und auch seine Ehe eher aus Vernunft denn aus Liebe geschlossen hatte, wenngleich er seine Frau sehr schätzte, P. also war selbst nicht sicher gewesen, was ihn beim Anblick gerade dieser Liebenden so angerührt hatte. Er hatte sich aber nicht entziehen können, nicht ihrem Anblick, nicht ihrer Gesten, nicht ihrer Blicke, und er war der Wahl seiner Mittel schon gewiss gewesen, bevor er es hätte aussprechen können; denn die Vorsicht, mit der sie einander angesehen, berührt und geküsst hatten, die Eindringlichkeit, die dennoch darin steckte, beides entsprach nichts anderem als der Radierung, einem Verfahren, dem schließlich sehr viel Eindringlichkeit innewohnt, wenngleich am Ende etwas äußerst Vorsichtiges daraus entstehen kann.

Aber P. war verheiratet mit einer Frau.

Er hatte nicht nur dem Volksmund zufolge kein Recht, eine solche Szene abzubilden, er hatte dieses Recht auch juristisch nicht. Die Gegenwehr war enorm. Unabhängig von seiner Verurteilung äußerten unzählige Angehörige unterschiedlicher Gruppierungen ihren Unmut über seine Darstellung, brachten sie wissenschaftlich und unwissenschaftlich in Verbindung mit seiner Biografie, erörterten seine Berechtigungen oder griffen zu drastischeren Maßnahmen, unter anderem zum Beschmieren seiner Garage, zur Beleidigung seiner Frau oder zum öffentlichen Vorwurf der Homophobie, den man darin legitimiert sah, dass das Bild keine Farben enthielt.

Maler P. hatte sich einen Anwalt genommen. Es hatte ihm letztendlich aber nichts genützt, aus verschiedenen Gründen, über die man nur spekulieren kann, von denen aber der Prestigebedarf eines neuen Gesetzes wie des Anmaßungsgesetzes nicht der unglaubwürdigste ist, und so setzten sie ihn trotz intensiver Verteidigung in eine Zelle zusammen mit einem hundsgemeinen Dieb. Er wurde im November des Folgejahres entlassen, nur wenige Tage vor dem ersten Advent.

Von der Last der auferzwungenen Buße befreit, trat er hinaus.

Ein paar Straßen weiter, nicht weit entfernt von dem Café, in dem sein Bild entstanden war, schräg gegenüber einer Schule und der Galerie, die sich bereiterkärt hatte, seine Bilder für ihn zu vermitteln, nur wenige Meter von der großen Kirche der Stadt, wurde Maler P. von einer wütenden Meute aktivistischer Bürger empfangen, zu Boden gedrückt, zertrampelt, beschimpft und geschlagen, schließlich liegengelassen und zum Abschied bespuckt, und dort, an dieser Ecke der Stadt, erlag er seinen schweren Verletzungen und verschied, ohne seine Familie noch einmal gesehen zu haben. Im Schmutz fand man später die Überreste eines Flyers, eines Pamphlets, um genau zu sein, das die Hauptmeinung der aufgebrachten Bürger verriet und schnelle, aber schließlich doch ergebnislose Ermittlungen auslöste und als Beweisstück dadurch einen gewissen Wert erhielt.

Sehr viel später, als man Maler P.s Leiche entkleidet, gewaschen und zur Einbettung in den Sarg vorbereitet hatte, blieb ein Brief übrig.

Lieber K., heute muss ich dir schreiben, weil ich während meiner Haftzeit viele Gelegenheiten hatte, um über uns nachzudenken. Weißt du überhaupt noch von uns? Was weißt du noch? Wer bin ich in deiner Erinnerung? Ich selbst habe lang nicht an dich gedacht, hatte dich vergraben, niemandem von dir erzählt, weil es so lang nicht wichtig war für mich. Aber jetzt sitze ich in dieser Anstalt und reflektiere mein Leben, darin kommst du nunmal auch vor. Wie du vielleicht mitbekommen hast, haben sie mich verurteilt, weil ich mir angemaßt habe, etwas zu sein, was ich nicht bin. Das ist witzig, weil ich mir eigentlich gar nichts angemaßt habe. Kennst du das Bild, das ich gemacht habe, die Radierung? Kennst du es? Verstehst du, warum alle so aufgebracht sind? Ich verstehe es nämlich nicht mehr. Für mich ist mittlerweile alles beliebig geworden. Diese Gesellschaft hat sich zu Tode befreit.

Warum kann man nicht einfach nur sein?

Aber was haben die alle schon gewusst von meinem Leben.

Was weißt du noch?

Ich habe niemandem von dir erzählt, nicht einmal meiner Frau, sie weiß nichts von dir. Es ist heute auch nicht mehr wichtig. Du hast dein Leben, ich habe mein Leben. Du hast deine Seite gewählt, ich die meine. Für dich war unser Bündnis eine Offenbarung über dich selbst, für mich ein Versuch. Die kleinen Details unserer missratenen Bruderschaft verschwinden langsam, aber sicher im Nebel. Vielleicht war es ein letztes Aufbäumen, ein verzweifeltes Hervorkämpfen, ein letzter Gruß, dass ich diese jungen Männer im Café gesehen habe und wusste, wie ich sie zeigen will, weil sie mich so sehr in ihren Bann gezogen haben.

Ich kann akzeptieren, dass du nicht mit mir sprechen wolltest, als ich versucht habe, Kontakt zu dir aufzunehmen. Aber verstehen kann ich es nicht. Was wäre so schlimm daran, wenn wir uns treffen würden? Was lehnst du jetzt, nach so vielen Jahren, noch ab? Bitte lies wenigstens diesen Brief. Sieh dir mein Bild an.

Und glaube mir: Ich war immer einfach nur, der ich bin.




Katharina Prestel, 1985 geboren, aufgewachsen in einem Pfarrhaus in Heidelberg, arbeitet zurzeit als Lehrerin an einer Realschule in Baden-Württemberg.

Schreiben hat eine große Bedeutung für sie. Seit dem frühen Verlust ihrer Eltern ist es eine Möglichkeit, mit sich in Verbindung zu bleiben. Der Kurzprosa-Text skizziert die Doppelmoral, mit der viele glauben, über die Identität anderer ein Urteil fällen zu können. Außerdem ist er ein kleines, heimliches Statement zu einem ihrer Romanprojekte.









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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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