Anita Lang für #kkl34 „Klarheit“
Klar sehen im Experiment
Ein einem ganz normalen Vormittag. Auf einmal starrt es mich an. Das Problem.
Unverfroren stellt es sich vor mich hin. Ich hebe es auf und halte es in meinen Händen. Krustig, wie eine Weltkugel. Die schroffen Krater und bizarren Wüsten, unwegsame Urwälder und flüsternde Grassteppen. Sie zeigen sich in winterlichem Gewand.
Ich drehe es ein Stück weiter. Es klingt wie der Sendersuchlauf eines Radios. Sein Rauschen hält schließlich an. Ich ziehe eine Freundin zu Rate und gebe dem Problem einen Schubs. Angesichts ihrer Äußerungen fliegt es auf, verpufft es zu Luft. Einen Schritt vorwärts taucht es wieder auf und entfaltet einen unbetretenen Weg auf dem Globus. Wo würde er hinführen? Ist er eine dieser Durststrecken, die man passieren müsste, um dann an der Küste das Dickicht zu durchbrechen? Den Ausblick zu haben. Oder den Hügel hinauf, die Weite der Landschaft zu überblicken? Es offenbart seinen weitläufigen Charakter.
Ist es lösbar, am Ende des Tages?
Ich frage einen Freund, der es teilweise ebenso sieht. Er fügt Zutaten hinzu, die funkeln, die ihm mehr Gestalt verleihen. Ein Drehmoment weiter sehe ich seine packende Geschichte.
Es konnte nur werden, wie es ist, was es ist.
Die Problemkugel dreht sich, bis sie am Start angelangt ist. Aus mannigfaltigen Aspekten betrachtet, ein Ringen um Klarheit. Es scheint, als bräuchte es das Facettenauge einer Fliege. Bild um Bild reiht sich kontinuierlich aneinander.
Klar ist, dass es kompliziert wird
„Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“,lautete die angesagte Parole der Wiener Secession vor etwa hundert Jahren. Die schöpferische Kraft des Jugendstils drang bis in die zahllosen Winkel des Alltags. Kalender, Geschirre, Gläser und Möbel, nahezu alles wurde im Sinne der fühlbar neuen Zeitepoche entworfen. Eine bezirzend anmutige Einfachheit, im Museum bewundern wir sie. Auf dem Flohmarkt ersteigern wir sie. Einzigartig, wie sie gefertigt wurden. Damals wie heute galt es, Geldgeber zu finden, durch die der künstlerische Ausdruck, insbesondere im Reich der Architektur, erst stattfinden konnte.
Ich sehe eine klare Parallele zu heute. Die Kunst macht ihr Spiel und ohne ihre Schwester, die Großzügigkeit, würde sie ins Klägliche abdriften. Die Kunstschaffenden heutzutage haben das Kreative von seinem Podest gezerrt. Das individuelle Design ist erschwinglich für nahezu jedermann. Sei es ein ausgefallenes T-Shirt, selbst bedruckte Stoffe, ein Keramikbecher in Eigenkreation, sei es ein Schmuckstück aus Modelliermasse oder Schmuck aus Edelmetall. Die Alltagsgegenstände können nach Belieben gestaltet werden, ganz abgesehen von den klassischen Kunstwerken: dem Gemälde, dem Buch, der Skulptur, dem Song.
Die eingeforderte Großzügigkeit liegt nun beim Publikum. Welches ein wertschätzendes Auge haben möge. Ebenso bei den Veranstaltern. Wo steht geschrieben, dass Kunst irgendwelche Kriterien erfüllen muss? Da ergibt sich die Frage: „Woher kommen die Kriterien, die den künstlerischen Motor drosseln?“ Wir befinden uns in einer Gesellschaft, von der frühere Künstlerkolonien nur träumen konnten. Ein Füllhorn von Möglichkeiten bietet sich uns. Die Freiheit winkt, und doch ist sie ebenso bedroht. Nur eben auf andere Weise. War es um 1900 das Aushungern, das in der Macht derer stand, die am Hebel saßen, so ist es in unserer Zeit das Überschwemmen. Der Fabriksartikel schreitet armeenhaft voran, versucht seine Mode zu diktieren. Im Massenprodukt endet der Traum des Künstlers. In der Gleichschalterei, die Idee und Inspiration vermissen lässt. So treten wir als Individuen einer anonymen Flut entgegen, deren Ursprung nichts Persönliches an sich hat. Klar ist, dass es kompliziert wird.
Anita Lang, Schriftstellerin, Journalistin
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Guten Tag,
Zitat:
Im Massenprodukt endet der Traum des Künstlers. In der Gleichschalterei, die Idee und Inspiration vermissen lässt. So treten wir als Individuen einer anonymen Flut entgegen, deren Ursprung nichts Persönliches an sich hat. Klar ist, dass es kompliziert wird.
Fragen:
Warum befassen sich Menschen nicht mit ihren Träumen, in denen sie nicht der Autor sind, darin eine Nebenrolle zu spielen haben
Warum soll es möglich sein, in einem Menschen, durch etwas von aussen, ihn gleich zu schalten
Warum soll es nicht die Aufgabe sein, das was von innen und aussen kommt, eigenständig zu verarbeiten
Warum soll ein Ursprung, dargestellt von aussen, eine innere Entsprechung bewirken können
Warum soll ein etwas, was durch ein zusammenfalten, unüberschaubar geworden ist, sofern nötig, nicht aus eigenem Antrieb entfaltet werden können
Mit freundlichen Grüßen$
Hans Gamma
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