Bettina Schneider für #kkl34 „Klarheit“
Am Fluss
Zeit seines Lebens hat es ihn an diesen Ort verschlagen. Immer und immer wieder. Jens sitzt, die Hände auf die Beine gestützt, den Oberkörper nach vorne geneigt, auf seinem Lieblingsplatz unweit des Elternhauses. Am Fuß der Erle auf einem Findling, den eine Eiszeit als bequeme Bank hergeschoben hat. Das Wasser gluckst und gluckert, plätschert und blubbert. Nachdem sich der morgendliche Nebel gelichtet hat, bricht die Septembersonne durch die Wolken und die Kühle verzieht sich allmählich. Jens trägt Jeans und seine alte, ausgeleierte rote Strickjacke über dem T-Shirt. Wahrscheinlich, überlegt er, saß er auch als Junge in ähnlichen Klamotten hier. Nur dass damals die Gummistiefel unerlässliche Begleiter waren. Heute trägt er seine geliebten Turnschuhe.
Aufregend war dieser Ort früher, als er klein war. Der Fluss. Eher ein Flüsschen, aber mehr als ein Bach. Bis zur Zeit der Oberschule war das hier ein einziger Abenteuerspielplatz. Seine Freunde und er wateten durch das Nass oder schwangen an Seilen, die sie an den Bäumen befestigt hatten, von Ufer zu Ufer. Wenn der Wasserpegel hochstand, badeten sie. Sogar ein paar Schwimmzüge waren dann möglich. Strohhalme, Faltschiffchen aus Papier, Blätter, Plastikflaschen … Alles, was schwimmt, haben sie zu Wasser gelassen und einige Meter weiter, an der Brücke, wieder rausgefischt. Wie oft haben sie versucht, ein Wehr zu bauen? Die Mücken, ihre ständigen Begleiter, störten sie dabei wenig. Jeden Tag verglichen sie die angeschwollenen Stiche (Sieger war derjenige mit der größten Beule) und trugen sie wie Trophäen des Sommers. Stunden, wahrscheinlich Wochen seines Daseins hat Jens damit verbracht, Steine, irgendwelche Kiesel, in das Wasser zu werfen und zuzusehen, wie sie auf den Grund trudelten. Oder er hat Fische beobachtet.
Heute bringt das Sitzen am Fluss Entspannung in sein angestrengtes Leben. Die gleichbleibende und vertraute Melodie lässt Jens zur Ruhe kommen und hilft ihm beim Nachdenken. Oder stoppt sein Grübeln, als nähme das Flüsschen die Sorgen in sich auf und mit auf die Reise, bis sie ganz weit weg sind. Nach dem Aufenthalt an seinem Lieblingsplatz kann Jens wieder klarer sehen, es geht ihm regelmäßig besser. Eine Wassertherapie der anderen Art.
Vor gut fünfzehn Jahren saß Jens hier, um darüber nachzudenken, ob er seine Heimat verlassen soll. Heute geht es ihm genau umgekehrt. Die Entscheidung über seine Rückkehr steht an.
Was meinst du, Fluss?
Als sie Kinder waren, hatten sie sich in den Kopf gesetzt, dem Strom im Kajak zu folgen. Bis zur Nordsee, wohin er fließt. Eine lange Reise. Das Wasser erwies sich als heimtückisch und unberechenbar. Ihre Fahrten fanden meist nach kurzer Strecke ein jähes Ende. Häufig kenterten sie, einmal hat Jens sich an einem quergelegten Baumstamm den Kopf blutig geschlagen, ein anderes Mal war sein Freund René von einer Hornisse gestochen worden. Bis an die Nordsee waren sie nie gekommen.
Der Traum war geblieben.
In Gedanken geht Jens auf Reisen mit dem Fluss. Auch wenn er vieles aus der Kindheit vergessen hat, an die nahen Landschaften, durch die das blaue Band sich windet, kann er sich gut erinnern. Verwunschene Wälder, an schönen Tagen von Sonnenstrahlen durchwebt, mit Teppichen aus Moos wechseln mit offenen Strecken — Weidegebiet oder Ackerland. Schwäne, Greifvögel aller Arten, manchmal Störche oder Kraniche gibt es zu sehen. Salamander, Unken, Frösche, Ringelnattern, Fische, deren Namen er vergessen hat. Wenn Jens an die blau schillernden Eisvögel, die ihre Höhlen in den Uferwänden bauen, denkt, wird ihm ganz warm im Bauch.
An heißen Sommertagen ist es hier angenehm kühl. Bäume und Sträucher wachsen dicht am Ufer. Ihre Dächer aus Laub sind zugleich ein guter Schutz bei Regen. Unter einem Gewölbe aus Blättern zu sitzen und dem Trommeln des Niederschlags zu lauschen — Jens liebt das.
Vor fünfzehn Jahren hat es ihn beruflich nach Cuxhaven verschlagen. Erst viel später hat er realisiert, es ist der Ort, an dem sein Fluss in die Nordsee mündet. Manchmal steht er an der Elbe und fragt sich, wie viel Heimat dort gerade vor seinen Augen vorbeifließt.
Warum sind Flüsse so faszinierend? Selbst dieser hier, der bei Weitem keine Naturgewalt ist. Flüsse kommen von irgendwo her und gehen irgendwo hin. Sie fließen nicht immer geradeaus, aber, egal, was in der Welt passiert, bewegen sie sich unbeirrt weiter. Es geht weiter. Das ist es, was man sich von den Flüssen abschauen kann.
Sein Herz hängt an der Heimat, nicht zuletzt an diesem Fleckchen Erde, auf dem er gerade sitzt. Gespürt hat Jens es schon immer. Jetzt hat es auch sein Kopf begriffen.
Es ist Zeit heimzukommen.
Anders als der Fluss, denkt Jens, kann ich zu meiner Quelle wieder zurück.
Bettina Schneider
Jahrgang 1968, lebt in Berlin, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit.
Sie schreibt mit Begeisterung Kurzprosa, einiges davon ist veröffentlicht.
Sie ist eine Leseratte, liebt Sonne und blauen Himmel und mag Wald-Spaziergänge.
