Der Broker

Ben Berlin für #kkl34 „Klarheit“




Der Broker

Schaman, der eigentlich anders hieß, den aber alle auf der Straße so nannten, war einer von der alten Schule. Für ihn gab es nur zwei Geschlechter, von Instagram hatte er noch nie etwas gehört und er war stolz darauf, sich noch nie bei einer Frau für irgendwas entschuldigt zu haben. Außer seiner Mutter versteht sich. Sein VW Polo war früher einmal sein ein und alles gewesen, er hatte stundenlang Small Talk über Züge und Bahnhöfe halten können und Fußball mehr geliebt, als er jemals einen Menschen geliebt hatte. Natürlich mit Ausnahme seiner Mutter. Oder zumindest hatte er das früher immer gedacht, als er noch alles gehabt hatte: Ein Haus, ein Auto, zahllose Freunde. Sogar einen Kaminsims hatte er sein Eigen genannt, auf dem in einer geraden Linie die Urnen aller verstorbenen Familienkatzen thronten.

Früher, das war, als er sich noch wie alle anderen für etwas Besseres gehalten hatte. Jemanden, dem sowas niemals passieren konnte: Obdachlosigkeit. Dabei war alles, was es gebraucht hatte, um einen gut situierten Geschäftsmann wie ihn aus der Bahn des perfekten Lebenslaufs herauszureißen, der frühe Tod seiner Frau gewesen. Mit einunddreißig gottverdammt! Danach hatte er nur noch einen einzigen Wunsch gehabt: die Welt so schnell es ging zu vergessen. Crackbude, Gefängnis, Anstalt … die Erinnerungen an die folgenden Jahre waren so verschwommen wie die unscharfen Ränder einer alten Fotografie aus den Sechzigern. Und doch würde er diese Tortur jederzeit wiederholen. Schließlich war er noch nie so im Reinen mit sich und der Welt gewesen, wie jetzt, da er nichts mehr hatte.

Wenn er heute einen Euro auf der Straße liegen sah, dachte er mit Abscheu daran zurück, dass er sich früher gierig auf ihn gestürzt hätte wie Gollum auf seinen glänzenden Ring. Wie viel Geld er damals an der Börse verdient hatte, ohne einen Finger dafür krumm zu machen. Einfach lächerlich. Wenn er sich heute diesen einen Euro einsteckte, musste er sich vor Ekel gleich danach die Hand an der versifften Hose abwischen. Es war schon irgendwie pervers, wie Geld die Welt verdarb. Es verklebte einfach alles, jede Türklinke, jeden Apfel und jede Fensterscheibe. Alles hatte einen Zahlenwert und war dadurch miteinander vergleichbar … spielbar. Aber nicht wer das meiste Spielzeug hatte, gewann, sondern derjenige, der sich die Zeit nahm, draußen im Garten mit seinen Kindern zu spielen. Schade, dass einem Einsichten wie diese grundsätzlich zu spät kamen. Man sah eben vieles klarer, wenn man erst mal der ranzige Fußabtreter der Gesellschaft …

Plötzlich spritzten Schaman einige warme Urintropfen ins Gesicht. Ein Junge, gerade volljährig, mit Zuhälterschnurrbart und einfältigem Blick, hatte anscheinend gerade nichts Besseres zu tun gehabt, als in den Eingang der Bäckerei zu pissen, vor der er lag. Wütend schnellte er auf.

„Hey du Affe, siehst du nicht, dass ich hier liege?“

Der Affenjunge zuckte mit den Schultern und grinste dreckig, während er sich die letzten Tropfen abschüttelte.

„Was stimmt denn nicht mit dir, das du hier wie ein Assi hinpisst, wo die Leute morgen früh ihre Brötchen holen wollen?“

„Halts Maul, Penner!“, war die knapp bemessene Antwort gewesen.

Schamans Wangen nahmen die Farbe von Hinterteilen paarungsbereiter Paviane an. „Ich denk ja gar nicht dran. Sieh gefälligst zu, dass du Land gewinnst! Und such dir das nächste Mal nen Baum wie normale Menschen!“

Der Junge lachte laut heraus, zog seinen Hosenstall zu und kam auf ihn zu. Einen Zentimeter vor seinem Gesicht stoppte er und hielt ihm seine Hand an die Schläfe, mit der er eine Pistole imitierte. „Was war das, Bruda?“

„Ich bin nicht dein Bruder. Und was soll das sein? –“ er zeigte auf die ausgestreckte Hand des Jungen – „Soll mich deine Fingerpistole da etwa einschüchtern?“

„Bruda, was hast du grade zu mir gesagt?“

„Okay, du scheinst nicht besonders helle zu sein. Brauchst du ja auch nicht so, wie es aussieht.“ Er taxierte den Jungen eine Sekunde lang von Kopf bis Fuß. „Deine teuren Klamotten und Goldkettchen stecken dir ja wahrscheinlich eh deine Eltern in den Hintern, nehm ich an?“

Die Augen des Jungen blitzten auf. Wütend schubste er Schaman gegen die Backsteinwand, vor der er stand. „F, Alta! Halts Maul! Ich fick deine Mudder!“

Jetzt lachte Schaman. „Echt? Na, du hasts ja nötig, meine 80-jährige Mutter zu ficken. Die würd sich ja freun!“

Ein fragender Blick durchzuckte das zornige Gesicht des Jungen, so als ob er sich das erste Mal an diesem Abend die Mühe machen würde, über etwas nachzudenken. „Na, dann fick ich eben deine Schwester! F!“

Schaman verzog seinen Mund zu einer schrägen Linie. „Was denn? Ich denke, wir sind Brüder. Dann isses doch auch deine Schwester!“

Der Affenjunge mit dem Zuhälterschnauzer sah ihn an wie eine grashalmkauende Bergziege eine mit Berechnungen zur Quantendynamik vollgekritzelte Tafel. Geschlagen steckte er seine Fingerpistole weg und machte sich auf den Weg. „F, Alter!“

„Was hast du immer mit diesem ‘F‘?“, rief Schaman ihm hinterher, während er sich mit seinem Ärmel die heiße Wange abwischte. „Was soll das überhaupt bedeuten?“

Einen Moment lang blieb der Junge stehen und drehte sich genervt zu ihm um. „Bist du blöd, Mann? Das ‘F‘ steht für Follpfosten!“




Ben Berlin, Jahrgang 1985, studierte Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Journalistik und Public Relations an der Freien Journalistenschule Berlin.

Nach einigen Stationen als freier Journalist, Volontär in Verlagen, Texter, Lektor, Korrekturleser und der Mitarbeit an journalistischen Onlineblogs, widmete er sich als freiberuflicher Schriftsteller der Veröffentlichung diverser Kurzgeschichten sowie seines Debütromans. Derzeit lebt und arbeitet er in Berlin als technischer Redakteur.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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