Jana Kühn für #kkl35 „Erwachen“
Diese Zeit im Jahr
Es ist wieder an der Zeit.
Zeit für die wichtigen Dinge, für die wichtigen Menschen im Leben.
Ist das nicht herrlich?
Dieser zimtig-würzige Duft, der aus der Küche weht. Dieses Knistern im Kamin. Glühwein, Lametta, Lichterglanz. All die funkelnden Kinderaugen unter dem Tannenbaum. Diese Sinnlichkeit, ja, fast Barmherzigkeit.
Es ist wie Ein- und Ausatmen zugleich.
Wer wagt ihn nicht, diesen Bummel durch die Heimat. Mit Bratapfelduft in der Nase und Glockengeläut im Ohr. Friede. Freude. Budenzauber.
Fast alle sind sie da. Coming Home for Christmas.
Und dann kommt da dieses Erwachen. Das Erwachen am Fest der Liebe.
Denn einmal im Jahr, da stehen alle Zeichen auf Anfang. Unsere Liste an To-Dos kann warten. Eine Bescherung hier, zwei Festtagsbesuche da. Wir holen auf, was uns zwölf Monate lang verwehrt blieb – weil wir nicht wollten, konnten, durften.
Diese Zeit im Jahr ist kostbar. Wir wollen sie nicht missen.
Doch irgendwann erlischt auch die letzte Kerze. Ihr getrockneter, auf halber Strecke erstarrter Wachs verschlägt uns zurück in die Wirklichkeit.
Nur einmal noch Ruhe. Zu sich kommen, bevor wir das neue Jahr mit Feuerwerk und Konfetti begrüßen.
Und dann denken wir uns: Ist es nicht wieder an der Zeit?
Zeit für mich, für dich, für uns?
Für diese eine Liebe, Freundschaft, Bekanntschaft, Gemeinschaft oder Sache?
Für dieses eine Miteinander, so wie früher?
Dann, plötzlich, kommt das wahre Erwachen. Das Erwachen nach dem Fest der Liebe.
Denn im Krippenspiel des Lebens, da fehlst du.
Und ganz gleich, wie oft wir die letzten Stunden drehen, wie oft wir ihnen die größte aller Bedeutungen zuschreiben: Du warst nicht dabei.
Was ist nun der Traum, was das Erwachen?
Wozu das ganze Licht, wenn es doch wieder nicht gelungen ist, über den eigenen Schatten zu springen?
Und so spazieren wir fort, weg vom Hätte-Wäre-Könnte. Kommentarlos schließen wir unsere Augen, mehr als dreihundertsechzig Tage lang.
Vielleicht können wir ja reden, nächstes Mal?
Vielleicht zu dieser einen Zeit im Jahr.
Jana Kühn, Jahrgang 1991 und wohnhaft in der Nähe von Heidelberg, hat einen großen Teil ihrer 20er im Ausland verbracht. Das Leben dort inspirierte sie dazu, ihren ersten Roman zu schreiben. Nach dem Masterstudium rückten Themen wie Bildung, Nachhaltigkeit und zukünftige Generationen in ihren (Schreib-)Fokus. Aktuell baut sie sich neben ihrem Hauptjob ein zweites Standbein als freie Texterin und Autorin auf.
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