Im Schatten der Dunkelheit

Stefan Besner für #kkl35 „Erwachen“





Im Schatten der Dunkelheit

Der hagere Alte war nur mehr mit Lumpen bekleidet. In einem Fort hastete er um einen einsamen Grabstein auf weitere Flur.

Zwei junge Männer kamen des Weges. Sie ließen eine Flasche Wein hin und her gehen, plauderten und lachten.

„Verpisst euch!“, keifte der Alte. „Seht ihr nicht, dass ihr heiligen Boden betretet?“

Sie hielten an und wechselten einen belustigten Blick.

„Was macht diesen Boden denn so heilig!“, fragte der eine.

„Hier ruht Gott!“

„Wieso, ist er müde?“, fragte der andere.

„SAUPACK!“, schrie der Alte und stampfte mit dem nackten Fuß auf die Erde.

„Ich glaube, der meint uns.“, sagte der eine.

„SAUPACK!“

„Ich glaube, du hast recht.“, sagte der andere.

„Gott ist tot, ihr armseligen Ungläubigen! Ich hüte sein Grab! Aber wehe euch! WEHE!“

„Gott ist doch bloß ein Hirngespinst.“, rief der eine.

„Ein totes noch dazu…“, ergänzte der andere.

„WEHE EUCH UNGLÄUBIGEN!“

„Der hat ne Meise…“

„WEHE! WEHE!“

Schulterzuckend zogen die beiden Reisenden von Dannen.

Als sie drei Tage später wieder an der Stelle vorüberkamen, lag der Alte tot auf der Erde. Vorsichtig näherten sie sich dem Leichnam.

„Der sieht mir ganz schön tot aus.“, gluckste der eine.

„Der sah auch schon tot aus, als er noch gelebt hat.“, entgegnete der andere.

„Woran er wohl gestorben ist…“

„Also Fettsucht wars nicht…“, meinte der eine.

„Trunksucht genauso wenig.“, kicherte der andere.

„Schau mal. Das ist ja wirklich ein Grab, das er da bewacht hat.“

„Tatsache. Aber auf dem Grabstein steht überhaupt kein Name. Da steht gar nichts.“

Sie schwiegen eine Weile.

„Und was sollen wir jetzt mit ihm machen? Wir können ihn doch nicht einfach so liegen lassen…“

Wie es der Zufall wollte, fanden sie hinter dem Grabstein einen Spaten. Sie wechselten sich beim Graben ab und gerade als sie dachten, das Loch wäre tief genug, da traf der Spaten mit einem dumpfen Geräusch auf Holz.

„Mich gruselts.“, sagte der eine. „Werfen wir ihn einfach da drauf, schütten das Loch zu und damit hat sichs…“

„Sei nicht so eine Memme.“, sagte der andere. „Hat er nicht gesagt, hier ruhe Gott?“

„Das isses ja, was mich gruselt.“

„Ich bin neugierig.“

„Ich nicht.“

„Wenn wir jetzt gehen, dann werd ich mich mein Lebtag fragen, wer oder was in dieser Kiste drin war. Das würde mich wahnsinnig machen, verstehst du? Dich etwa nicht?“

„Nein. Is mir völlig schnuppe.“

„Hilfst du mir trotzdem?“

„Na gut…“

Sie legten einen schlichten Holzsarg frei, der noch nicht einmal vernagelt war.

„Willst du oder soll ich?“

„Tu dir keinen Zwang an. Mir ist die Sache nicht geheuer.“

Mittlerweile war die Dämmerung hereingebrochen. Der eine stand oben, am Rande der Grube, der andere unten. Ihm fiel das Atmen plötzlich schwer und schwerer. Er schwitzte, nicht nur von der Plackerei. Er betrachtete die sechseckige Holzkiste. Er machte Anstalten, den Deckel zu entfernen. Kurz bevor er den Sarg berührte, zuckten seine Finger wieder zurück.

„Ist Grabschändung nicht ein Verbrechen?“, sagte er.

„Wer sollte uns hier draußen bitte anzeigen?“, sprach der andere.

„Vielleicht sollten wir es doch so machen, wie du gesagt hast…“

„Du wolltest doch unbedingt nachsehen, wer da drin liegt… Oder was…“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

„Ja schon, aber…“

„Und jetzt hast du Schiss.“

„Ich hab doch keinen Schiss.“

„Sehr wohl hast du Schiss.“

„Na gut, vielleicht hab ich ein bisschen Schiss.“

„Na dann lassen wir den Alten eben hier liegen und machen uns vom Acker… Ihn störts ganz sicher nicht mehr.“

„Ach ja, der Alte… Den hatte ich ganz vergessen…“

„Weswegen hätten wir denn sonst dieses gottver… Dieses olle Loch ausheben sollen.“

„Natürlich, der Alte…“

„Also was jetzt?“

„Hmm.“

„Hör mal, nicht mehr lang und es ist stockfinster. Wir müssen langsam weiter. Ich will hier nicht die Nacht verbringen… Hier ist es irgendwie… Ich fühl mich hier nicht wohl. Dieses Grab und dieses Gefasel von… Du weißt schon.“

„Ich werd hier nicht weggehen, ohne dass ich weiß, was da in dem Sarg ist.“

„Na dann mach ihn halt auf in drei Teu… Mach das blöde Ding endlich auf.“

„Das werde ich.“

Und er stand nur da und tat sonst nichts.

„Ich hab eine Idee. Wir werfen den Alten so, wies jetzt ist, da rein…“

„Ach ja, der Alte…“

„Und wir tun einfach so, als hättest du nachgesehen. Wenn wir die Geschichte erzählen, dann sagen wir, du hättest nachgesehen und gut…“

„Und was sagen wir, war in dem Sarg?“

„Na ist doch egal, denk dir halt was aus…“

„Und was genau soll ich mir ausdenken?“

„Sag, dass da ein Zausel mit Rauschebart drin lag, eine glibberige weiße Masse, eine nackte Blondine mit Riesentitten… Ist doch völlig egal. Irgendwas eben… Hauptsache, wir können endlich hier weg.“

„Scheiß drauf.“, murmelte der in der Grube und mit einem grässlichen Knarzen warf er den Sargdeckel nach oben. Sie hielten die Luft an. Kein Geräusch als das rätselhafte Säuseln des Windes durchbrach die Totenstille, die aus dem geöffneten Sarg entwichen gleich einem Geist aus einer Flasche. Lange Zeit sprach keiner der beiden ein Wort. Sie starrten einfach nur in die trübe Finsternis.

Der Sarg war leer.

Schweigend legten sie den Leichnam des Alten hinein und schütteten das Grab zu.

Es war mittlerweile tiefste Nacht geworden, trotzdem zogen sie noch einige Kilometer weiter und schlugen ihr Lager schließlich in einem kleinen Waldstück auf. Sie schürten ein Lagerfeuer und reichten eine Weinflasche hin und her. Keiner hatte Hunger.

Nach ein paar Schluck vertrieb die Wärme des Alkohols endlich das eigenwillige Frösteln in ihren Gliedern und Gedanken.

„Was für ein komischer Kauz dieser Alte doch war…“, sagte der eine.

„Ja. Gibt sein Leben hin, um ein leeres Grab zu bewachen.“





Stefan Besner

Hat Journalismus studiert und arbeitet bei den Nürnberger Nachrichten, schreibt außerdem Lyrik, Prosa, Songtexte & Musik (Songwriter/Sänger/Gitarrist bei Yellowcakes)

Veröffentlichungen:

Literarisch:

Frankfurter Bibliothek: Das Neue Gedicht (Der alltägliche Wahnsinn)

Fränkischer Preis für junge Literatur (Korinths Herrscher)

Bubenreuther Literaturwettbewerb (Autophilie)

Verlag Roloff (Im Schatten der Dunkelheit)

Musik:

Singleauskopplungen:

– Break Free (2018)

– Las Vegas Marriage (2018)

Album:

– Further (Release: Sommer 2022)







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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