Erwachen

Nina Emely Vidal für #kkl35 „Erwachen“




Erwachen

Nur noch weg. Nie wieder Schule, Leben noch lange, und doch hatte er noch nie gelebt, denn es hatte noch nicht begonnen.

Denn wie sollte das Leben auch beginnen, inmitten der Anderen, im verzweifelten Versuch, ein Individuum zu sein, wenn man doch nur eine Version der Anderen ist. Sollte er nicht ein Gefühl der Freiheit verspüren? Einen ihn zerreißenden Drang, nun endlich zu leben zu beginnen? Doch alles, was er fühlte, oder besser noch nicht zu fühlen vermochte, war die Leere, ein Vakuum von Lebenssinn, nun, da ihn sein 13 Jahre begleitender Lebenssinn verlassen hatte. All seine sich um seine Prüfungen rankenden Sorgen waren plötzlich verschwunden, waren einfach von ihm abgefallen, kaum, dass er seinen Stift zur Seite gelegt hatte und gegangen war. Entgegen seinen bisherigen Vorstellungen überdachte er kein einziges der von ihm niedergeschriebenen Ergebnisse, malte sich nicht aus, was er machen würde, würde er nicht bestehen, sondern ging einfach den Schulflur entlang.

Die Welt um ihn herum schien kaum zu existieren, zwar nahm er sie wahr, doch schien er nicht da zu sein, nicht die Person zu sein, welche gerade ihre letzte Abiturprüfung geschrieben hatte, nicht die Person zu sein, welche zum letzten Mal die Treppe vor dem Eingangstor der Schule hinunterschritt, nicht die Person zu sein, welche er war. Als würde er ferngesteuert werden, folgte er dem Weg zur Bushaltestelle und stieg in den nächsten Bus, die Stimmen um ihn herum dumpf, die Welt um ihn herum, ihm egal.

Die ihm gegenübersitzende Frau tippte geschäftig auf ihrem Handy herum, der Vater weiter hinten im Wagen versuchte seine zwei Töchter bei sich zu halten, eine Rentnerin versuchte den Fahrplan des Busses zu entziffern. Alle hatten sie etwas zu tun, schienen irgendetwas zu wollen, hatten ein Ziel. Ihm war das zu viel.

Wie sollte er je wissen, was er tun sollte, was er wollte, was sein Ziel war, wenn es so eine unendliche Anzahl an Möglichkeiten gab, welche durch eine noch unendlichere Anzahl an Nachteilen begleitet wurden? Als Junge wollte er immer Künstler werden, wie sein Vater, bis sein Vater kein Geld mehr hatte und seine Mutter ihn verließ. Auch danach interessierte er sich ab und zu für Berufe, verwarf die Idee jedoch nach wenigen Monaten, sei es wegen des Gehalts, der Einstellungsvoraussetzungen, der Arbeitszeit, dem nötigen Studium oder auch nur einer wieder wechselnden Leidenschaft.

Er stieg aus dem Bus aus. Er hatte keine Ahnung was folgen sollte. Wie er leben sollte, warum er leben sollte.

In den Filmen, deren DVD’s in den überfüllten Kisten im Keller von ihm und seiner Mutter standen, war es immer einfach. Der Protagonist hat irgendeine Leidenschaft, eine Berufung, und verfolgt sie mit voller Energie und ohne jegliche Zweifel, mit der Unterstützung der gesamten Familie und des ganzen um ihn herum gescharrten Freundeskreises. Wenn er keine Familie oder keine Freunde oder keines von beidem hat, ist das kein Problem, denn sobald er allen zeigt, dass die in seiner Garage gebauten Roboter das ganze Land verteidigen können, ist auch das ganze Land auf seiner Seite. Und selbst, wenn der Protagonist keine einzige Leidenschaft, kein Talent hat, wird er von einer Spinne gebissen und schon hat er einen Lebenssinn.

Doch so einfach war es nicht, das hatte er mittlerweile verstanden. Er merkte, dass sich das Vakuum in ihm langsam auflöste, verdrängt durch eine bisher in ihm ruhende Frustration. Frustration, wegen all der Menschen um ihn herum, die eine Art Plan zu haben schienen, wegen all der Menschen in Filmen, die in ihrem idealisierten Leben eine Berufung finden sollten, wegen all der Regisseure und Regisseurinnen, all der Drehbuchautoren und -Autorinnen, welche immer wieder auf diese dämlichen Klischees zurückgriffen, weil sie sich selber davor zu drücken schienen, der klischeelosen Realität ins Auge zu blicken.

Er atmete tief durch, beinahe überfordert durch diese in ihm aufsteigende, ihm völlig unbekannte Wut. Er wusste, dass alle bekannten Regisseure unendlich viele Fehltritte gemacht haben, noch so große Budgets für mittlerweile vergessene Filme verschwendet haben, die Filmographien angesehener Schauspieler und Schauspielerinnen durch ihre durch die Kritik zerrissenen Filme unansehnlich gemacht haben und vermutlich mehr als nur einmal vor der Versuchung gestanden haben, ihren schlecht bezahlten, nicht erfolgreichen, deprimierenden Job durch einen gut bezahlten, routinierten, aber langweiligen Bürojob auszutauschen. Er hatte Filme immer gemocht, sie immer analysiert, immer mit seinen mittlerweile durch neue Freunde ersetzten Freunden besprochen, immer ein grundlegendes Interesse für sie gehabt, stellte er fest, während er durch sein Wohnviertel auf sein Haus zuging.

Es gab unendlich viele Möglichkeiten, also hätte er für sein gesamtes Leben immer eine weitere auszuprobierende Möglichkeit, die ihm offenstand. Vielleicht waren es Filme, die ihm lagen, doch könnte er immer noch zu etwas anderem wechseln, wenn dem nicht so wäre. Wenn es unendlich viele Möglichkeiten gab, so musste unter all diesen Möglichkeiten auch eine sein, welche eine gute für sein Leben war. Und diese Möglichkeit würde er irgendwann finden, er hatte noch Zeit, ein ganzes Leben lang. Die Schule war zwar zu Ende, das Leben jedoch noch lang, er hatte zwar noch nie gelebt, doch könnte er nun beginnen, beginnen, zu leben.




Nina E. Vidal wurde 2006 in Hannover geboren und schreibt, seit es ihr in der Schule beigebracht wurde. Momentan macht sie ihr Abitur und verfasst währenddessen Kurzprosa und Lyrik.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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