Martin A. Völker für #kkl35 „Erwachen“
Schlafe und finde
Zwei Sphären bewohnt der Mensch, zwei Leben führt er. Wachend oder schlafend kommt der Mensch vor in der Welt, die je nach Zustand eine andere ist. Entscheidend ist dabei nicht, ob er am Tag einer Tätigkeit nachgeht und die Nacht zum Schlafen nutzt, oder ob er es genau umgekehrt macht: Wachen und Schlafen sind die zwei Hauptzustände des Menschen. Das mag dir fast zu selbstverständlich vorkommen und deshalb keiner Rede wert. Dennoch ist es so, dass Menschen daran zu erinnern sind und beruhigt sein wollen, dass das Leben in diesen zwei gleichberechtigten Welten völlig normal ist, weil sie täglich von der Unnormalität überzeugt werden sollen. Du kennst die Gebote der Wachheitsfanatiker: „Erwache und lebe!“ – „Erfolg kennt keinen Schlaf!“ – „Verträume dein Leben nicht!“ – „Verdöse keine sich dir bietende Gelegenheit!“ – „Erwache aus falschen Träumen!“ – „Lasse jede traumhafte Illusion hinter dir!“ – „Sei, werde und bleibe realistisch!“ Was aber, frage ich dich, soll man mit soviel flacher Realität bloß anfangen? Dass der Schlaf heute in Misskredit geraten ist, wird dadurch bezeugt, dass viele ihre Energie zum Leben nicht länger aus dem Schlaf ziehen, sondern aus Getränkedosen, wobei die Frage ungestellt bleibt, wofür sie dieses Übermaß an künstlicher Energie eigentlich benötigen. Der Eindruck entsteht, dass der nächtliche Schlaf tabuisiert wird, man ihn bewusst mit Ängsten besetzt, um Menschen vom Schlafen abzuhalten. Was ist der Zweck? Wache Menschen werden von anderen Menschen, nämlich von noch viel wacheren, kontrolliert. Dagegen entziehen sich schlafende Menschen jeder Kontrolle, sie fallen ganz in sich selbst hinein, gehen dorthin, wohin ihnen niemand folgen kann. Die ewigen Jagdgründe trägt jeder in seiner eigenen Brust. Reiche Ländereien mit fantastisch veränderlichen Städten, mit bunten Wiesen und dichten, verworrenen Wäldern, mit zerklüfteten Gebirgen und von Eis bedeckten Gipfeln, die dich in Täler hineinblicken lassen, deren sattes Grün sich in Flüssen spiegelt und sich mit dem Blau der Meere vermischt: diese im Schlaf durchwanderten und überflogenen Gegenden versuchen dir die Überwachen zu verfinstern. Glasperlen geben sie dir, damit du von deinen ewigen Jagdgründen ablässt. Sie sperren dich in jene Gefängniszelle, die sie Realität nennen. Dort fachen sie deine Arbeitswut an, welche aus Glasperlen Goldmünzen macht, was sie nicht sind. Wen wundert es da, dass, auch wenn wir uns nach Schlaf sehnen, wir uns nicht trauen, nicht zutrauen, den Schlaf zu suchen? Die Arbeitswut hält uns wach, die Arbeitswut nicht allein, sondern all jene Dinge, die wir aufgrund der Arbeitswut vernachlässigen, und das sind wir meistens selbst. Irgendwelche Tabletten führen schließlich einen traumlosen, erholsam wirkenden Schlaf herbei, wie uns die Glasperlen am Tag ein lügenhaftes Glitzern bescheren. Das Leben in jenen zwei Welten, die sich wie Bühne und Backstagebereich befruchtend, kraftspendend und befriedend aufeinander beziehen, wird uns verunmöglicht. Die beste aller möglichen Welten, so proklamierte es der hellwache Philosoph Leibniz, ist jene, in der wir wachend und arbeitswütig leben – nur zum Schein leben, wie ich für dich hinzufügen muss. Die beste aller möglichen Welten übergeht die im Schlaf aufgehende Welt des Möglichen, das Universum der tausend Möglichkeiten. Lasse es nicht zu, dass andere für dich die beste aller möglichen Welten auswählen. Blicke und horche in dich hinein, überblicke die zahllosen möglichen Welten, und wähle selbst aus, welche und was du nach dem Erwachen realisieren möchtest. Der Vorgang des Realisierens wird gelingen, wenn du immer wieder Schlaf und Traum um Rat bittest. Wer Schlaf und Traum meidet, wer seinen Schlaf und seine Träume nicht umgarnend sucht und schützt, erwacht in einer albtraumhaften Realität. Woran die zu erkennen ist? Es gibt keinen richtigen Schlaf im falschen Leben.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
Interview für den #kkl-Kanal HIER
Über #kkl HIER
