Jona Englert
Ein neuer Hyperion
I.
„Ihr wandelt droben im Licht,‟ müsst’ ich beginnen, um ohne Umschweifungen die Stimmung des Herzens zu portraitieren – auf unserer Erde, Vater Helios, mag das so viel heißen, dass hier zu München der Schauplatz ist! – Droben im Licht wurde die Bibliothek einer ansässigen Universität einer beachtlichen Spende hochwertiger, vorrangig antiquarischer Literatur eines alten Philanthropen zuteil („Einweihungsfeier zu Ehren M. Diefenthal, 04.05.‟ – ein Flyer, formal und eintönig, liegt hier noch irgendwo). Zwar hatte Herr Diefenthal über sein langes Leben hinweg ein Repertoire kultiviert, das von seinem Umfang her bereits als persönliche Bibliothek zu verstehen ist und im fortschreitenden Alter des Herrn angesichts seiner nachlassenden Sicht ungelesen verstaubte. Die Universität, das stolze Objekt Herrn Diefenthals Güte und Parteilichkeit (nämlich hatte ein Sohn oder dergleichen seiner ebendort studiert), sparte zum erwartungsfrohen Anlass an lässigem Prunk und geläufig-distinkter Pracht nichts ein.
Milena war mit Eifer ans Werk getreten, gezielt die Selektion des nächstgelegenen Regals der neuen Diefenthalschen Abteilung zu überfliegen – das zur Belustigung Saschas. „Auf der Suche nach Kafka, Milena?‟
„Alle sind immer auf der Suche nach Kafka. Angesichts des Alters des Herrn wär’ es plausibel, einige Erstauflagen vorzufinden, die ich natürlich sehen muss.‟
– In Parenthese: Obgleich die Einweihungsfeier angesichts Herrn Diefenthals nennenswerten Ansehens in erster Linie diplomatischen Zwecken zeitgenössischer Persönlichkeiten der Geistes- und Literaturwissenschaften diente, wurde auch Interessenten unter der Studentenschaft der Universität der Eintritt im Regelfall nicht verwehrt. Es ist ein Enigma und als solches wird es womöglich fortbleiben, auf welche Konnexionen Milena zurückgegriffen hatte, um der inoffiziellen Schülerzeitung eines örtlichen Gymnasiums den Zutritt zu verschaffen. Auf Anfrage stellte sie die Redaktion vor, „Milena Kodro, Literatin, und Begleitung, die hier Sascha Frankl und Josef Borchard, persönlich eingeladen von diesem und jenem etc.,‟ als würde man sie als belesene Person kennen müssen.
„Naja. Kafka ist ein Jedermanns Autor,‟ beteuerte Sascha, der Entzücken darin fand, den Familiennamen eines renommierten Psychiaters zu tragen, „kein seltener Pathos. Ach, und dann noch die, die ihn bemitleiden, als wäre das ein guter Umgang mit Literatur. Du weißt, alles ist gegeben, dass er in der Seele widerhallt, aber wie viele setzen sich dermaßen mit ihm auseinander? Gut möglich, dass das Mitleid mit seinem Werk seine massenhaften Leser am Leben hält – ein beachtenswerter Dienst, Milena! – aber ob von Genialität zu sprechen ist, – ich weiß nicht.‟
„Wunderbar. Wie viel an Kafka hast du gelesen?‟
„Den Prozess?‟
„Wie war er?‟
„Hab’ ich vergessen. Alles eine Geschmacksfrage,‟ versetzte Sascha und wandte sich mit einer abweisenden Handbewegung zum gegenüberliegenden Regal. „Milena, du magst Nietzsche, nicht? Du hast ja den Zarathustra gelesen.‟
„Ja, aber frag’ mich nicht danach. Ungeheure Unterhaltung, aber die Reden habe ich bestenfalls als Gefühl beibehalten.‟
„Auch recht. Hierher, Milena, Josef, du auch. Goethe und Tolstoi, erste Auflage. – und der kleine Herr Friedemann, Herr Diefenthal muss ein echtes Urgestein sein. Meint ihr, wir finden Auflagen des Frühlingssturms? gibt es die überhaupt noch?‟
Im Alter nämlich hatte es sich so getroffen (über die Fülle von Gründen und Auslösern, die zusammenwirkten, ließ sich nur spekulieren), dass Sascha und Milena fast parallel sich für die Sphären Kafkas, Dostojewskis, Tolstois, Goethens und Manns enthusiasmierten, um einige zu nennen, und auf die Offenbarung desselben folgend, Sascha mit Josef im Schlepptau, von fast Fremden zu guten Freunden wurden; dermaßen verlangten sie danach, dass ihr literarisches Interesse bei einer anderen Seele Gehör finden würde. Die Triade lebte für den philosophischen Diskurs und betrieb diesen unbezwungen in größter Euphorie – zu keinem anderen Anlass war das Herz so lebhaft und wissbegierig, sodass die Geister jeglicher zuvoriger Umstände augenblicklich nur Puppenstand und Vorspiel des erwachten Lebens waren, dermaßen, lieber Leser, blühet ewig ihnen der Geist, um auf das vorige Gedicht zurückzugreifen. Der Einbruch der Leidenschaft sah ganz der Natur gemäß die Begierde vor, die Kommilitonen und alle Sphären, die das Gymnasium offen hielt, an der hochtrabenden Kunst teilhaben zu lassen und für den edelmütigen Dienst bewundert zu werden (eine solche Prädestination beherrschte das Gemüt! denn Sascha und Milena waren keinesfalls bescheiden veranlagt) – ebenda war die Zeit, der eigenen Biographie Glanz zu verleihen und, so würden sie es einrichten, in das Gedächtnis der Nachwelt einzutreten. Ist eine dermaßen grandiose Zielsetzung eitel? Sie ist gerecht. – Die ursprüngliche Absicht, der bestehenden Schülerzeitung am Gymnasium beizutreten, erübrigte sich nach den ersten Eindrücken: die Mitglieder waren nur mittelmäßig begabt und ihr Takt mühselig und ziellos, ihr Sprachstil allesamt so herkömmlich, dass es unmoralisch sei. Die Abscheu auf die Halbherzigkeit der Redaktion couragierte den Ehrgeiz der anstrebenden Genies nur, und gab es keine ehrwürdige Schülerzeitschrift, müsse man eine etablieren.
Die Vision der eigenen Literaturzeitschrift schwebte im Abstrakten himmelhoch. Sascha und Milena schmiedeten noch während den Schulstunden Entwürfe für philosophische und belletristische Texte auf Papieren, die unter ihren Unterrichtsmaterialien hervorschlüpften. Josef, der auf mehreren Arbeitsblättern Saschas den Satz „mein Herz habe ich allein!‟ erhaschte, hatte in seiner wissenschaftlich-analytischen Veranlagung bereits eine Charakteranalyse von Thomas Manns Helden Hieronymus und einen komischen Text über die Schulzeit Schillers aufbereitet. Allein die Namensgebung, und diese identitätsgebende Frage war in den Herzen der jungen Wilden zunächst die höchste Priorität der Agenda, hatte einen Anklang auf Klassik und stürmischen Umschwung zu bedeuten, dabei hatte Sascha den Frühlingssturm zum Musterbeispiel erhoben.
Folgendes Fragment eines Kommentars, den Milena verfasst hatte, verrät alles, was man über die Literaturzeitschrift wissen musste:
„So viel behaupte ich, die Hölderlin nicht studiert hat, aber seine Poesie gefühlt und erlebt. Ist diese These falsch? Ist es moralisch vertretbar, dass eine modische Dilettantin zu Hölderlin Stellung nimmt? Sollen seine ehrenvollen Experten alles, was ich nun über ihn verschriftlicht, widerstreiten? Ein Gedicht bedeutet nur, was der Leser darin sieht: jeder kann wissen und glauben und denken dir beibringen, fühlen kann jeder nur für sich. Hat der Dichter es mit dem Ziel verfasst, seine Leser möchten etwas erleben und so, wie die Erfahrung es vorsieht, eine neue Wahrheit in sich finden, – damit ihr es trocken zergliedert, bis nichts an Gefühl mehr übrig bleibt? Die beste Gedichtanalyse ist eine Spiegelung.‟
Nur mäßig überraschenderweise hatten sich die Gäste zur Feier als recht uninteressant und ansonsten als an den Schülern uninteressiert herausgestellt, an wertvollem Konnex kam letzten Endes nichts zustande. Der Genugtuung der Betrachtung einiger antiquarischer Exemplare zuhauf, verließ man das Ereignis recht früh, als es bereits dunkel geworden war. Mit Straßenlaternen, mit Schaufenstern und vereinzelten Werbetafeln (die in jener Gegend zwar die Minderheit darstellen) ahmte München des Abends Schein der goldnen Welt nach, um seine Nächte zu schmücken. In gewissen Gemütsstimmungen war man sich dessen sehr bewusst – München leuchtete. Die Expedition war aufschlussreich genug, was den Wettbewerb anbelangte: angesichts der Experten, der großen Persönlichkeiten unserer Zeit, war es für den Nicht-Frühlingssturm keinesfalls eine Frage des Mithaltens.
II.
Josef kam an diesem Abend nach Hause, nachdem er den ersten Bus zu jenem bescheidenen Vorort Münchens verpasst und fast eine Stunde lang auf den nächsten gewartet hatte, die er auf Empfehlung Saschas mit der Lektüre Ligeias zubrachte. Eine seelenerschütternde Erfahrung. Die Fahrt über war er so aufgeregt und enthusiasmiert von der Ligeia, sodass er sich eiligst nach seinem Schreibtisch sehnte, damit er – warum denn nicht? – gleichfalls etwas verfassen könnte. Sascha und Milena, die seligen Genien, würden sich darüber freuen.. Zu Hause war er von der Erschöpfung und den zusätzlichen Kopfschmerzen dermaßen befallen, dass er sich zu Bette legte und dort zwei Stunden lang wach lag. (Gewagte, extraordinäre Ideen sind unverzichtlich, um ein guter Dichter zu werden, lieber Leser, aber reichen sie dazu?) Gegen Mitternacht schluckte er ein Paracetamol, setzte sich an seinen Schreibtisch und betrachtete die „Materialien‟, die ihm Sascha „für die Arbeit‟ aufgedrängt hatte, als sie sich an seiner Haustür nahe der Universität verabschiedeten. Die Metamorphosen in deutscher Übersetzung, Ausgabe datiert ‘99, ungeheuer vergilbt, auf der Titelseite ein Text in unentzifferbarer Handschrift, die nach Sascha aussah. Darin gelagert ein ausgeschnittener Zeitungsartikel über eine filmische Adaption eines Virginia Woolf-Romans. Phantastische Erzählungen Edgar Allan Poes, printed in Czech Republic 2005, in gutem Zustand, Ligeia im Inhaltsverzeichnis mit einem Herzen umrahmt (Josef wollte die wortlose Lobpreisung gerne mit einem weiteren Herzen ergänzen) – „und behalte sie solange, wie du brauchst, aber lies sie nur!‟ Josef hatte ja nichts dringenderes zu tun. Er, in den Armen der Dunkelheit und der Schreibtisch von einer kleinen Lampe illuminiert, ging dem Vorhaben von einigen Stunden zuvor in mühseliger Konzentration nach.
Der Körper, der jeder Heiligsprechung trotzt, ist bis in den Tod von ungeheurem Schlaf heimgesucht. Er gestattet nicht, das Geschehene ungeschehen zu machen. Josef war zum Dichter destiniert, die Vorstellungskraft allein war dazu bevollmächtigt, seine Seele zu der eines Dichters zu schlagen, wenn sie sich gestattete. Sind Götter nicht spätestens durch den Glauben geschmiedet, ist der Glaube nicht der ausschlaggebende Beweis ihrer Existenz? Was ist eine ungelesene heilige Schrift, wenn nicht ein unvollendeter Roman oder ein Manifest, von einem hoffnungsvollen Schriftsteller in einer Schublade hinterlassen und vergessen? Er sehnte sich nach den Palästen des Eros, er, der im Schoß der Götter lieben gelernt, auf der Erde stürzten geistlose und qualvolle Obliegenheiten ihn wie Wasser von Klippe zu Klippe und gewährten ihm nie, nach Stift und Papier zu greifen. Zahllose Götter brannten unter seinen Fingerspitzen, aber den Menschen war gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn und immer mit etwas Unsagbarem beschäftigt zu sein, womit alles orchestriert war, das seiner Seele ihre Natur gewaltsam enthielt. Zwar, hieß es, seitdem jene Göttin das Vorbild setzte, die Destination aller auf der Erde umherirrenden Seelen müsse der Tod sein, wo Körper und Geist den Einklang mit der Schönheit fanden. Habe ich allein eine Seele? Liegt es nicht unter eines Menschens Würde, sich Stunde um Stunde ins Ungewisse zu stürzen? Lieber Leser, ich suggeriere, ein Mensch, der sich nicht daran sehnt, etwas Größeres zu sein als er selbst und dem Leben in seinem Bestreben nicht trotzen kann, ist eine Hülle. Die Massen glauben nun mal nicht an ihre Seele und bringen sie somit um und das ist ihnen Genugtuung; wie jeder Gläubige bin ich ein Patron der Seelengöttin. Es lag nichts näher, als sich umzubringen. Nur die Stille des Äthers verstand und liebte er, und nur der schwere Körper hielt ihn von ihm fern. All die Bilder, die sein inneres Auge beschwörten, brachte er in stürmischer Eile zu Papier, vivide Bilder, die alle Sinne in ihren Bann zogen, wollte man ihm wirklich widerstreiten, dass er nicht selbst die Wärme des Eros kannte und nicht ruhen würde, bis er zu ihm wiederkehre? Reichte sein Wille dazu nicht, in den Göttern Mitleid und Ehrfurcht zu wecken? Der Höhenflug musste im Wort seine Form finden, wurde er auch unrein artikuliert, bevor sein Gedächtnis den Griff darauf verlor. Er schrieb zusammenhanglose Phrasen nieder und Ansätze von Versen, genoss den Luxus der Inspiration, sich keine Gedanken über die Leserlichkeit des Ganzen zu machen.
Josefs Vater schlüpfte durch den Türspalt, bekundete nur milde Überraschung, dass er noch wach war. Er habe Josef nicht heimkommen bemerkt und erkundigte sich geniert nach der Einweihungsfeier. „Es war ganz nett.‟ – „Mit Sascha und…?‟ – „Milena.‟ – „Natürlich.‟ Na dann, er würde ihn nicht weiter stören wollen und wünschte eine gute Nacht. Die Tür war mit einem Knarren geschlossen.
Josef hatte zwei Bogen beschrieben, die seine Seele nicht zurücknehmen konnten, nun hatte er sich ausgeschrieben und sein Kopf war leer. Der Preis einer produktiven Stunde waren zehn andere, die nichts zustande brachten und er gleichgültig, höchstens entfernt nervös abzusitzen hatte.
III.
„Ich weiß nicht, wann die Trambahn um diese Tageszeit vorbeikommt, aber das wird sich schon noch zeigen… Milena kommt nach der sechsten Stunde von selbst nach, schreibt sie.‟ – Das allgemeine, halbwache Abwarten des Wochenendes zu Freitags mittags, das sich des Gymnasiums bemächtigt, war der Schülerzeitung keine Einladung zum Müßiggang, der zufällige Entfall der letzten Unterrichtsstunde Sascha und Josefs währenddessen eine willkommene Möglichkeit, dem Wochenende einen tüchtigen Takt zu geben. Freilich war nur so viel zu tun, wie man sich selbst auftrug, aber man war eifrig, am Nicht-Frühlingssturm viel zu arbeiten; schulische Obliegenheiten waren hastig zu erledigen, um sie beiseite geschaffen zu haben. Sascha, zur Belustigung Josefs, versuchte vergebens, die Handlung des Großen Gatsby zu erklären, und war auf gutem Weg, den roten Faden endgültig zu verlieren. Sie wussten nicht, wie lang man abseits gewartet hatte, bis die Trambahn entfernt auftrat und sie geradewegs durch die Menge der Schüler, die sich in der Zwischenzeit gesammelt hatte, stolzierten, Sascha, der sich luftig-graziös zu navigieren wusste, mit Josef im Schlepptau.
„Wie machst du das?‟ erkundigte sich dieser, der sich jeden Moment woanders anstoß und mit Sascha schlecht mithielt.
„Ich stelle mir mein Ziel vor Augen – die Trambahn, klar – und lasse keinen anderen durch,‟ strahlte Sascha ihm entgegen. „Ich bin nunmal ein meisterhafter Dichter und muss mich als ein solcher durchsetzen.‟
„Wolltest du nicht mal Mathematiker werden?‟ neckte ein wohlgeachteter Kommilitone, der ein paar Schritte zuvor auf das stückweise überhörte Gespräch neugierig wurde, indem er sich von seiner Gruppe kurzweilig abwandte. Sascha, rückwärts weitereilend, rief ihm frohlockend nach: „Das wird sich hinten anstellen müssen! Ich werd’ zur Wiedergutmachung natürlich einige Mathematiker verschriftlichen. Warum denn in nur einem Feld Karriere machen, wenn man Dichter werden kann?‟
„Sascha,‟ verwies Josef, „die Tram.‟
„Allenfalls, – le vent se lève!‟ sang Sascha zur Verabschiedung mit einem Winken aus.
Ebenda gingen sie an, der bedrohlich vollen Straßenbahn entgegen zu rennen, die in solcher Entfernung jede Sekunde hätte ohne sie abfahren können. Der Wind, wie es an solchen Frühlingstagen üblich ist, spielte mit ihnen, und Josef spürte im Luftzug den Kunstwillen der seligen Genien, die sich seine Koliteraten nannten, wie Propheten in den Lüften des Himmels Gott spürten, und hätte nicht eingesehen, das eine von dem anderen zu unterscheiden. – und die seligen Augen blicken, da, in stiller Klarheit.
Mit unbeholfenen Schritten brachte man es schon seicht schnaufend fertig, in die Trambahn einzusteigen. Die Fahrt, schenkte man ihr Achtung, war eine angenehme; Josef stand mit Sascha unter der Sonne und würde das noch für eine Weile, die ihm ebenda die ganze absehbare Zukunft war. Schon als sie eingestiegen waren, hatte Sascha wieder angefangen, von etwas zu reden.
„Wie gesagt, das liegt ganz bei dir. Ich hab’ einen Band deutscher Gedichte, Echtermeyer, der dich zweifelsohne amüsieren wird; wie wäre es mit Kunststädten? sehr schön, da gibt es Dokumentationen und Videoessays zur Genüge, und wenn wir schon dabei sind, bringe ich dir ein Buch von alten Gemälden europäischer Städte mit, das mir neulich in die Hände gefallen ist. Die Texte dazu sind wirklich gut, wenn auch in geniertem Stil geschrieben – das nur so als Anregung…‟
Sascha hatte womöglich selbst sich ausschweifen bemerkt, was ihm zu widerfahren unansehnlich gewesen wäre – womöglich.
„Ach… Alles Inspiration ohne Ende. Ich unterrichte dich ja ganz zugrunde; müsst’ es nicht reichen, einen Blick nach draußen zu werfen? (An den Straßenrändern lagen vereinzelt Kolonnen von nassem Schnee, der in der Mittagssonne glitzerte. Aus den Fenstern von Geschäften reichte der ruhige Schein des menschlichen Lebens, Leute wandelten zwischen Müh und Ruh – hier und dort Familien, große Blumensträuße, Jugendliche, die Hand in Hand gingen. Josef empfand sich nicht insbesondere angesprochen, in Saschas Gerede meinte er den Ton eines Verliebten – eines selbstgefälligen derselben – zu hören.) Ich kann nicht glauben, dass dir das langweilig ist.‟ Er versuchte allenfalls, der ziellosen Aufmerksamkeit des Romanciers zu folgen.
„Wir haben uns so viel vorgenommen,‟ fuhr Sascha fort, „dass es entwürdigend wäre, als kriechender, mittelmäßiger Dichter zu sterben – wenn wir doch Genies sind. Haben wir unser Los nicht verspielt, wenn wir nichts in der Welt hinterlassen? (Er, meinte Josef, hatte augenblicklich aufgehört zu träumen, um ihm ebendies mitzuteilen.) – Ich bin mir nicht sicher, wie es Milena dabei geht, ich glaube ja, sie will sich mit Kafka und Tolstoi in eine Reihe stellen.‟
„Ich glaube, dass sie derzeit viel Spaß hat.‟
„Ja, das auch.‟
„Aber was meinst du? Hast du sowas wie – wie Werte? Für deinen nächsten Text.‟
„Hm.‟ Josef lächelte sein müdes Lächeln. Die Frage war lustig genug. „Wirtschaftliche Freiheit, sozialer Ausgleich…‟
„Findest du? Auch recht.‟ Sascha lächelte genügsam, und wusste und ahnte nichts von den Stürmen, die Josef auf dem Herzen lagen.
IV.
Auf den Bögen, die die Nacht der Einweihungsfeier produziert hatte, war zuletzt die Struktur zum Verlust geworden. Es war ihm darum gegangen, Bilder in Worten zu zeichnen, bis er vollständig in einen fragmentarischen Fließtext abschweifte; unübersichtlich und unleserlich wie sie waren, sahen sie unantastbar aus. Für Josef, der die Idee dahinter kannte, mussten sie das schönste Gedicht aller gewesen sein. Eine neue Nacht und sein Entschluss schwankte. Er hatte eingesehen, was zu tun war, er hatte keine Angst mehr, er betrachtete die Tafil- und Bromazepampackungen, die Tequilaflasche auf seinem Schreibtisch und den Zettel, auf dem stand: „Ich bin kein Kreuzritter, sondern ein Gott. – und ich bin nicht der Einzige. Ich rechne nicht groß auf besondere Teilnahme. Es kommt in den Leben von euch vielen nicht häufig vor, das ist für mich ein recht spannender Aspekt.‟ – und wartete auf einen Impuls.
Die alten Griechen, unterrichtete Sascha ihn einst exaltiert, hätten in Dichtern und Propheten das Innenleben eines Gottes in der Seele gedeutet – Josef war vom selben Schlag und Sascha hatte ihm unwissend prophezeit, dass ein Gott sich seiner selbst bemächtigt habe. Woher kam die Eloquenz, die er ansonsten nie bekundet hatte? war es seine? durfte er sich die Gabe seines Gottes aneignen oder hatte er, wenn es so geschah, die heilige Pflicht dazu? O all ihr teuren freundlichen Götter! Verpflichtet der Glaube allein mich nicht, mich umzubringen, um ihn rechtzufertigen und ihn mir selbst zu beweisen? Habe ich eine Wahl? Er wusste, er müsste andernfalls blindlings mit dem Leben ringen und keinen Hunger kennen, sein Kunstwillen würde sich nie entfalten können, nicht heute und nicht zwanzig Jahre später – aber in einem morbiden Zustand der Natur widerstrebt es allem Lebenden, zu sterben. Er fühlte sich von seinem Glauben verstoßen und weggeworfen.
Der weiche Boden, den jenes schönste Gedicht preist, war unter dem Sturm der Ideen untergegangen – in den Ozean der Welten aller. Allenfalls galt, seinen Anteil am wachen Leben in Anspruch zu nehmen, dort oder anderswo sollte er nicht mehr ruhen. Der Entschluss war seinem Dasein zuvor fremd und unverständlich gewesen. Er legte seine Ellenbogen auf den Schreibtisch und schluchzte.
Jona Englert
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