Michel Gerhold für #kkl35 „Erwachen“
Wenn du schläfst
Wir stehen in Klagenfurt. Der Bahnhof ist hell, leer und malt schaurige Gestalten an die Wände unseres Abteils. Ich kann nicht schlafen und verfolge, aus dem Augenwinkel, eine Frau, die sich trunken vor Müdigkeit über den Bahnsteig schleppt. Die dickliche Frau mit grauem Afro hat sichtlich mit ihren vielen Einkaufstüten zu kämpfen. Vielleicht humpelt sie sogar, vielleicht ist eine der Taschen auch nur schwerer als die Anderen. Ich wende mich ab. Der Gedanke, dass fremde Menschen eigenständige Leben leben und vor ähnlich komplexen Entscheidungen stehen wie ich selbst, überfordert mich. Mein Abteil ist still, und ich suche vergeblich eine Beschäftigung, um mich abzulenken. Ich schließe meine Augen, kann aber nicht schlafen und öffne sie deshalb wieder.
Der Zug ruckelt kurz und kommt dann wieder in Bewegung. Wir fahren. Die Lichter beginnen an uns vorbeizufliegen, als ob wir eine Raumkapsel sind, die aus dem All in die Erdatmosphäre eindringt, um die sich ein Feuerschweif aus Gas gebildet hat. Nur die Außenwand schützt uns vor dem elendigen Verbrennen. Wie Ikarus rasen wir auf die Erde zu. Kaum denke ich zu Ende, verlassen wir Klagenfurts letzten Ausläufer, und Dunkelheit breitet sich im Abteil aus. Nur im Gang glimmt ein schwaches Lämpchen. „Wieder im endlosen All“, denke ich. „Vielleicht stürzen wir doch nicht ab, sondern fliegen von Planet zu Planet.“ Gerade treiben wir allerdings im leeren Raum, bis wir an einem winzigen Asteroiden oder Zwergplaneten vorbeikommen, deren einzelne Bäckerei, Friseursalon, Hofer oder Billa kaum einen Halt rechtfertigen. Endlos wirren wir ohne Kontrolle im Nichts herum, bis wir landen oder abstürzen. Wann stürzen wir ab?
Ein alter Mann in Jogginghose und beflecktem Tanktop streift beim Vorbeischleichen die Tür unseres Abteils. Ich schrecke hoch. Wir überholen einen Güterzug, Volkswagen, Ford, Renault, Seat und ein einziger Opel. Wieder Dunkelheit und Stille. Ich schließe wieder die Augen. Ich stelle mir vor, im Frankfurter Hauptbahnhof anzukommen. Ich lächle. Zuhause. Auf einem Werbeplakat begrüßt mich eine Frau im schwarzen Kleid mit schwarzem Kopftuch, modisch umgebunden. Sie trägt eine Sonnenbrille, hat diese allerdings auf ihre Nasenspitze gezogen, um mich mit warmen, braunen Augen leicht spöttisch zu beäugen. Sie mustert mich von oben bis unten. Bin ich gut genug für sie? Sie scheint zu keinem Schluss zu kommen. Sie hat ein weiches Gesicht mit rosigen Wangen und einer spitzen Nase, das schwarze Kleid gleitet leicht und geschmeidig an ihrem Körper herab und endet erst an ihrem Knöchel. Die Füße versteckt sie in schwarzen Stiefeln, die sich wiederum unter dem Kleid verstecken. Sie hat die Hüfte leicht nach rechts eingelenkt und ihre schlanke Hand darauf abgelegt. Sie ist surreal perfekt, gleicht einem Filmstar, der sich gerade mit gewinnendem Lächeln auf einem roten Teppich einer Premiere des eigenen Oscar-verdächtigen Films von dutzenden Kameras ablichten lässt. Wie die Blüte einer Van-Gogh-Blume streckt sie ihr Gesicht dem Licht entgegen. Sie räkelt sich auf ihrer Leinwand und beugt sich zu mir herunter, bis sie kurz vor meinen stierenden Augen innehalten und mir verschmitzt zuzwinkern, bevor sie ihre Brille wieder hochschiebt und mir die Sicht auf die honigfarbenen Tropfen puren Goldes in ihrem Gesicht verwehrt. Nun richtet sie sich zur Gänze auf und überragt mich um einige Zentimeter, rafft ihr Kleid und steigt mit einer flüssigen, graziösen Bewegung aus dem Plakat, geht ein paar Schritte und dreht sich noch einmal zu mir um, bevor sie um die Ecke biegt.
Dann blitzt und donnert es vor dem Fenster des Abteils und auf dem Gang. Winde reißen an der Kapsel, und Geister versuchen mich aus meinem Sitz heraus in die vernebelte Kälte zu ziehen, sodass ich zu Eis gefroren, orientierungslos in lebloser Unendlichkeit schwimmen muss. Ein Geist schlägt im Eifer des Gefechts einen Koffer von der Ablage, der krachend zu Boden fällt. Ein weiterer Geist zieht mir den linken Schuh aus, und ein Dritter vergräbt seine Klauen in meinem Fleisch. Überall strömt Blut über meine Unterarme, ich verliere das Gefühl in meinen Fingern, ich gebe nach und empfange des Geistes knochige Umarmung. Kein Puls schlägt mehr, und an den Rissen der Fensterscheibe haben sich Kristalle gebildet. Die Geister heben mich mit Leichtigkeit, drehen mich kopfüber und bereiten mit einem satanistischen Ritual meine Reise vor.
Licht.
Erst eine rote Ampel, dann eine Straßenlaterne, dann weitere Laternen, eine Siedlung, in der wenige Zimmer erleuchtet sind, Autoscheinwerfer, die ein Zuhause suchen, ein weiterer Zug auf parallelen Schienen, der Bahnhof und die Taschenlampen der Zuginspekteure auf den Gleisen. Die Geister fliehen, die Kristalle an den Fenstern schmelzen, die Risse verschwinden, meine Wunden verwachsen, und ich setze mich, als wäre nichts gewesen, zurück auf meinen Platz. Irgendwo im Nirgendwo, auf einem kleinen Zwergplaneten, regnet es gerade. Wir sind nur gelandet, noch nicht abgestürzt. Ich drehe mich nach links. Geschlossene Lider, regelmäßiger Atem…
Du schläfst.
Vielleicht sitzen wir weder in einem Zugabteil noch in einem Raumschiff, sondern in einer Flugzeugkabine mit hunderten anderen Passagieren und warten auf den Takeoff. Ein dicker Mann mit ebenso voluminösem Koffer zwängt sich durch die Kabine und stößt bei jeder Gelegenheit an. Ein kleines Kind schreit jetzt schon, aber ich stecke mir Kopfhörer in die Ohren und schaue mit leerem Blick und von der Ankunft träumend aus dem kleinen Fenster. Auf dem Rollfeld laufen wie Ameisen Arbeiter mit gelben und orangefarbenen Warnwesten herum oder fahren mit absurden Fahrzeugen durch die Gegend. Ein großes, unübersichtliches Chaos, schon in diesem kleinen Mikrokosmos. Wie soll man es erst verstehen, wenn wir abgehoben sind und weit weg von all dem Treiben auf dem Boden? Beim Gedanken an Ameisen bekomme ich das unangenehme Gefühl von tausenden über mich krabbelnden Beinchen, und ich beginne auf dem Sitz herumzurutschen. Bereits jetzt sehne ich die Ankunft herbei, um diesen Flug endlich hinter mir zu haben.
Neben mir schläft ein Mann. Er schnarcht. Die Flugbegleiterin macht die üblichen Ansagen, und wie üblich hört ihr keiner zu. Ich wende mich wieder dem Fenster zu. Die Ameisen sind verschwunden. Alles ist leer, und wir rollen auf die Startbahn zu. Jetzt wünsche ich mir die tausenden Beinchen zurück, aber es ist unumgänglich, mein Körper ist außerhalb meiner Kontrolle. Ich drücke mich fest in den Sitz, kralle mir die Armlehnen und gelobe mir, sie nicht mehr loszulassen. Auf der Sitzreihe vor mir haben sich drei junge Frauen mit guter Laune breitgemacht. Ungewollt erfahre ich, dass es sich bei unserer gemeinsamen Reise um ihren „Girlstrip“ handelt.
Wir werden schneller. Heben ab. Das erste Luftlöchlein und die erste kleine Achterbahn in meinem Bauch. Ich starre krampfhaft aus dem Fenster und versuche, mich durch das regelmäßige Schnarchen meines Nebensitzers zu beruhigen. Unter mir wird erst der Flughafen klein, dann die Stadt, der kleine Zwergplanet, der mich für kurze Zeit gerettet hatte. Das Flugzeug steigt weiter, und die ersten Passagiere stehen, das kleine Nicht-Abschnallen-Symbol ignorierend, auf und wandeln stümperhaft im Gang herum. Die Flugbegleiterin, auf die vor dem Abflug schon nicht gehört wurde, dringt auch jetzt nicht zu den Leuten durch, und es entwickelt sich eine kleine Seidenstraße zwischen den Toiletten und den Reihen vor mir.
Wir steigen immer noch.
Billigfluglinien steigen häufig auch auf Kurzstrecken besonders hoch, um Sprit zu sparen, aber wir sind jetzt schon so hoch, dass der Himmel unter mir blau strahlt und über mir dunkel das Licht absorbiert. Ich schaue mich wieder in der Kabine um. Die Flugbegleiterin hat die Passagiere gebändigt, und jetzt müssen sie auf ihren Plätzen verharren. Es ist irgendwie ruhig geworden. Hin und wieder beschwert sich noch einer der ehemaligen Seidenstraßenhändler über die Nicht-Aufhebung der Anschnallpflicht.
Ich müsste mich jetzt beruhigen, aber wir steigen immer noch, und ich bemerke vier Reihen vor mir eine junge Frau an einem Fensterplatz, die irgendwie auch unruhig wirkt, und sofort schießt die Panik in mir hoch. Auf dem Bildschirm in der Rücklehne vor mir kontrolliere ich die Flughöhe. Mit jedem Meter, den wir weiter steigen, atme ich ein Stückchen schneller. Der Mann neben mir schnarcht mir monoton ins Ohr.
Ein Passagier steht wieder auf und redet energisch auf die Flugbegleiterin ein. Beide verschwinden hinter dem Vorhang zur ersten Klasse. Ich starre aus dem Fenster. Langsam beruhige ich mich wieder. Wir sind mittlerweile fast gänzlich von Dunkelheit umgeben. Irgendwie hätte ich Auswirkungen auf das Flugzeug erwartet, aber das steigt unaufhaltsam ins All. Ich schaue hinab auf die Erde, auf meine Familie, Freunde, Verpflichtungen und Stress.
In der Kabine ist nun pure Panik ausgebrochen. Männer in Anzügen rennen auf der Suche nach Lösungen hektisch durch die Gegend, Eltern schreien mit voller Kraft, ihre Kinder gucken verängstigt und perplex zu ihnen hoch, die Flugbegleiter versuchen die Tür zum Cockpit aufzubrechen. Ein schlaksiger Mann mit schwindendem Haar rüttelt an der Notfalltür. Nichts passiert. Ich schaue aus dem Fenster. Seitdem es alle wissen, bin ich ruhig. Ruhig wie der Schläfer neben mir, der sich gerade umgedreht hat, um jetzt auf meine Schulter zu sabbern. Ich gleiche meinen Atem wieder an das Schnarchen des Schläfers an.
Einatmen, Ausatmen, Einatmen, Schreie, Ausatmen, fehlgeschlagene Anrufe bei den Liebsten, Einatmen, Weinen, Ausatmen, Leute schlagen sich ein letztes Mal die Köpfe ein, Einatmen, ein Sitz fliegt durch die Kabine, Ausatmen, wimmernde Durchsagen des Bordpersonals, Einatmen, es brennt, Ausatmen, Schnarchen neben mir.
Der Zug kommt wieder zum Stehen, ich öffne meine Augen und schaue zu dir rüber…
Du schläfst.
„Ich bin Michel Gerhold, 19 Jahre alt, schreibe vornehmlich Drehbücher, aber hatte mit Kurzgeschichten begonnen.“
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