Kevin Yves Fonding für #kkl35 „Erwachen“
Sieben Sekunden
Sieben Sekunden braucht es, bis eine Entscheidung, die das Unterbewusstsein abgewogen und gefällt hat, in das Bewusstsein eines Menschen vordringt.
Ich glaube eine Entscheidung gefällt zu haben. Der Feind wütet mit jeder vergangenen Sekunde stärker in mir. Die Ärzte rieten mir, nicht aufzugeben. Meine Chancen auf Genesung seien durchaus realistisch. Nur wissen sie nicht, dass ich bereits aufgegeben hatte, bevor der Feind meinen Körper befiel. In sieben Sekunden werde ich meine Entscheidung sehen.
Ein Kratzen schabt in meinem Hals. Mit aller Kraft versuche ich es gefangen zu halten, für immer verbannt in mir zu verschließen. Husten überkommt mich. Ich versuche das Husten mit meiner Hand an der Flucht zu hindern. Es gewinnt. Ein Rinnsal Blut formt sich in meiner Handfläche.
Die Skyline bricht aus der bewölkten Nacht. Riesige Gebilde, die sich hellleuchtend in den Himmel erstrecken. Ich türme über ihnen und blicke auf ihre Dächer herab. Die Menschen sehnen sich immer noch nach dem Himmel, dabei haben sie ihn schon lange erobert, vergeblich auf der Suche nach Absolution.
Ich stelle mir vor, in meinen letzten Momenten an den Himmel zu glauben, komme mir dabei jedoch verlogen vor. Mein gesamtes Leben fällte ich meine eigenen Entscheidungen, trug die Verantwortung, ohne Rücksprache mit dem Kerl im Himmel zu halten. Zumindest glaubte ich immer, der Herr über meine eigenen Entscheidungen zu sein. Wie ich mich irrte. Sieben Sekunden trennen mich von meiner Entscheidungssouveränität.
Es vibriert in der Innentasche meines Mantels, da wo ich schon lange keine Regung mehr spüren konnte. Mein Handy. Jemand hat also meinen Brief gefunden. Ich presse mit meiner Hand gegen meine Brust, in der Hoffnung das Handy zu ersticken. Es war nicht mehr genug Zeit für Erklärungen.
Es riecht nach Regen. Der Nachtwind zerrt an meinem Gleichgewicht. Er möchte mir die Entscheidung abnehmen. Ich blicke in den Abgrund, der Ruf der Tiefe verführt mich. Er ist getrübt vom Nichts. Ein Schritt und ich müsste keine Entscheidungen mehr treffen. Nie mehr. Ein Schritt, um die Ketten der sieben Sekunden zu sprengen. Mein Weg in die Freiheit.
Der Himmel weint. Die schweren Tropfen fallen mir auf die Wangen. Man könnte sie mit Tränen verwechseln. Ich schmecke den Tabak an meinen Lippen. Bloß noch eine letzte. Mich ein letztes Mal der Inkarnation meiner Sünden hingeben. Ich führe das Feuerzeug an die Zigarette. Die Flamme erwacht, aber die erwartete Befriedigung bleibt aus. Auch die weiteren Versuche bleiben erfolglos. Regen tropft von der Zigarette. Ich starre auf meine Hand, von der er das Blut spült.
Versteinert, wie eine Galionsfigur, ziere ich den Sims des Daches. Sieben Sekunden sind verstrichen. Die Entscheidung wurde enthüllt. Ich blicke in die Tiefe und taumle zurück. Der Regen hat aufgehört. Er hat die Luft gereinigt, ebenso wie meine Gedanken. Am Horizont drängen sich die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages durch die weichende Dunkelheit der letzten Nacht. Sie brechen aus der grauen Wolkendecke heraus. Die Sieben Sekunden hatten sich einen unerwarteten Verbündeten gesucht. Die Welt will das ich lebe.
Kevin Yves Fonding oder mit bürgerlichem Namen Kevin Henne ist am 28.01.1995 in Hagen geboren. Momentan lebt er in Dortmund und arbeitet als Lehrer für Geschichte und Philosophie an einer Gesamtschule in Wuppertal, wo er regelmäßig eine AG für Kreatives Schreiben anbietet, um seine bisher gesammelten Erfahrungen didaktisch aufbereitet an die zukünftige Generation von potenziellen Autoren und Autorinnen weiterzugeben.
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