Lina Wagner für #kkl35 „Erwachen“
Elisabeth
Verloren
Im Leben
Auf einsamen Pfaden
Zwischen Rot und Schwarz
Verschwindend
»Mirabella, sitz gerade!« Ihre Schultern wurden zurückgezogen. Es zupfte an ihrem Haar. Ein Hut wurde aufgesetzt.
»Ich heiße Elisabeth.« Ein rebellischer Gedanke, aber kein Ton kam über ihre Lippen. Sie sprach zu sich selbst, aber der Gedanke bewirkte, was die unerbittliche Hand auf ihren Schultern nicht hatte bewirken können. Sie setzte sich gerade auf. Wunderte sich. Sie hatte noch nie rebelliert.
»Mehr Rouge!«
Pinsel strichen in hektischen Bewegungen über ihr Gesicht.
»Es ist zu viel Rouge, Mutter.« Wieder ein rebellischer Gedanke.
»Mehr Licht! Wo ist der zweite Scheinwerfer?«
Ihre Mutter wandte sich ab. Der Fotograf rollte die Augen. Elisabeth lächelte ihm entschuldigend zu. Er lächelte zurück. Beruhigend, als ob er sie trösten wollte. Er kannte Elisabeth ausschließlich unter ihrem Künstlernamen Mirabella Tanios und die wenigen Bilder, die er heute von ihr schießen sollte, waren nicht von Bedeutung. Ein Gesicht im Hintergrund. Eine unbedeutende Nebenrolle in einem unbedeutenden Film. Ihre Karriere war vorbei. Obwohl – Elisabeth lachte leise vor sich hin – sie hatte nie eine Karriere gehabt. Nur kleine Rollen in Filmen, die niemand beachtete.
Sie hatte hingegen eine Mutter. Eine kreischende, aufmerksamkeitsheischende Mutter, die sich der Illusion hingab, eine Schauspielertochter zu haben – Mirabella. Klang das nicht wundervoll?
»Nein, das klingt grauenhaft.« Elisabeth seufzte. Seit zwanzig Jahren trug sie diesen Namen mit sich herum. Einen Namen, den sie nie gemocht hatte, der aber wohl bühnentauglich war. Elisabeth fragte sich, für wen genau der Name bühnentauglich sein sollte. Für sie jedenfalls nicht.
Sie sah an sich herunter. Das glitzernde Kleid mit funkelnden Pailletten umschmeichelte ihre immer noch gut erhaltene Figur. Das grelle Rot schmerzte in den Augen, aber es musste sein. Ihre kreischende Mutter wusste um ihre unbedeutende Rolle in dem unbedeutenden Film und wusste auch, dass die Nebenrolle Mirabellas in der Fotomontage für das Filmplakat verschwinden würde. Die Signalfarbe Rot war die einzige Möglichkeit, Mirabella vom Plakat her ein wenig strahlen zu lassen.
Das Smartphone klingelte schrill. Ihre kreischende Mutter ging ran, lauschte einen Moment und begann dann, sich lebhaft mit der Person am anderen Ende zu unterhalten. Sie unterbrach sich einige Male und bat laut um Ruhe im Studio, aber niemand achtete auf sie, also verließ sie wütend den Raum. Elisabeth fühlte sich befreit.
»Sind Sie soweit?«, fragte der Fotograf.
»Ja.« Er hob die Kamera. »Nein.« Elisabeth zögerte. »Warten Sie.«
Der Fotograf senkte die Kamera.
»Gibt es in der Garderobe ein schwarzes Kleid?«, fragte Elisabeth die Kostümdesignerin. Diese warf ihr einen fragenden Blick zu, dann lächelte sie und nickte. Sie verstand. Verließ mit hastigen Schritten den Raum. Wenige Minuten später betrat sie wieder das Studio mit einem schlichten langen schwarzen Kleid. Elisabeth nahm sich nicht die Zeit in die Garderobe zu gehen, sich ordentlich umzukleiden und wieder ins Studio zu kommen, denn sie wusste nicht, wie lange ihre Mutter mit dem Telefonat beschäftigt sein würde. Sie zog sich das glitzernde rote Kleid über den Kopf und schlüpfte schnell in das samtige, bodenlange Abendkleid.
Die Kostümdesignerin musste nur wenige Handgriffe tun, um das Kleid an Elisabeth anzupassen. »Wie angegossen«, sagte sie fröhlich.
Elisabeth lächelte und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Sie fühlte sich viel besser. Sie sah das Bild, das sie abgab, auf den großen Kotrollmonitor links von ihr und das Bild gefiel ihr. Der Fotograf nickte ihr anerkennend zu. Ihm gefiel die neue Elisabeth auch viel besser. Nur der rote Hut und die weißen langen Handschuhe waren vom alten Kostüm übriggeblieben. Elisabeth hob die Hand.
»Nein“, hielt der Fotograf sie auf. »Es ist perfekt. So bleiben.«
Elisabeth verharrte in der Bewegung, eine Hand erhoben, ein befreites Lächeln im Gesicht. Sie sah sich auf den Monitor und lächelte sich selbst zu. Elisabeth – ich bin Elisabeth.
Der Fotograf schoss eine Serie von Bildern. Er war zufrieden. Ja, sie sah endlich so aus, wie sie aussehen wollte: schlicht und von edler Eleganz. Sie würde auf den Plakaten fast verschwinden. Nur der rote Hut würde sie noch als Teil des Films identifizieren.
»Bitte etwas nach links drehen und ein wenig nach unten schauen«, sagte der Fotograf. Elisabeth stutzte. Mehr als eine Serie von Bildern war für die Nebenrollen nicht vorgesehen, aber der Fotograf wollte offenbar noch eine Serie schießen. Elisabeth drehte sich. Stellte keine Fragen. Sie sah auf ihre Hände, die in weißen Handschuhen steckten – ein Trick, um ihr wahres Alter zu verbergen. Am Hals und an den Händen sah man einer Frau das Alter immer sehr gut an. Sie war seit Jahren nicht mehr ohne Handschuhe fotografiert worden.
Während die Kamera klickte, zog sie langsam ein Handschuh aus. Sie sah die Hand einer alternden Frau mit einem verlorenen Leben. Ihre Wünsche, ihre Träume, ihre Sehnsüchte – alles war auf der Strecke geblieben, zurückgesetzt auf der Jagd nach diesem einen Traum, den ihre kreischende Mutter rigoros verfolgt hatte. Elisabeth – Künstlername Mirabella Tanios – war dafür aber nicht gut genug. Noch nie gewesen, aber ihre Mutter hatte das nie verstehen können oder wollen.
Die Kamera klickte. Der Fotograf lächelte. »Sie sehen wundervoll aus.«
»Danke.« Elisabeth sah ihr Bild auf den Monitor – eine verträumte Frau, im schwarzen Kleid und rotem Hut. Elisabeth betrachtete das Bild lange und aufmerksam. Das Bild zeigte sie, so wie sie war: zerrissen zwischen dem Wunsch, endlich zur Ruhe zu kommen und dem gnadenlosen Antrieb ihrer Mutter. Rot und schwarz – schriller Schrei und drückende Stille – Ruhe und Hektik – Kampf und Niederlage.
»Wir sind hier fertig, Mirabella.«
»Elisabeth“, sagte sie fest. »Ich heiße Elisabeth.«
„Die Autorin wohnt in der Rheinmetropole Köln und arbeitet zurzeit in der Verwaltung der Stadt. Unter dem Pseudonym „Lina Wagner“ hat Sie im Oktober 2023 ihre erste Kurzgeschichte im Kriminalband „Der Mörder im Bahnhofscafé“ veröffentlicht.“
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