Harald Birgfeld für #kkl35 „Erwachen“
Luisa, Primaballerina
Luisa ist eine erwachsene junge Frau und würde zu gerne öfter ins Theater gehen. Weil die normalen Theaterkarten aber für sie nicht erschwinglich sind, geht sie also auch zu OpenAir-Veranstaltungen. Die sind oftmals günstiger. Dabei dürfen auch Freilichtbühnen, z.B. Kindertheater, sein. Lieber, aber als das alles, hat sie den Übergang zwischen „richtigem“ Theater und „Märchentheater.“ Am liebsten allerdings hat sie Ballett. Ballett ist für sie das Allergrößte. Aus dem TV und wegen ihrer Begeisterung, kennt sie die bekanntesten Aufführungen so gut wie auswendig. Da gibt es für sie aufregende Stücke, die sie wohl nie live wird besuchen können, weil, naja, sie muss eben bescheiden bleiben. Wenn es denn doch, selten genug, zu einem Besuch kommt, tanzt sie in Gedanken mit, als gehörte sie zum „Corp. de Ballett.“
Eine ganz liebe Nachbarin musste kürzlich auf einen Ballettbesuch verzichten. Nicht, weil sie das Stück schon kannte, sondern aus gesundheitlichen oder sonst welchen Gründen und bot ihr die Karte einfach an. So etwas ist ein wahres Geschenk für sie. Sie fragte nicht, was gespielt würde, sondern geriet gleich in Glückseligkeit.
Theaterbesucher und vor allen Dingen, Besucherinnen, kleiden sich für einen solchen Anlass festlich. Das verstand Luisa sehr gut, weil auch sie dieses Bedürfnis empfand. Zum Glück hatte sie ein Kleid. Das war nur noch nicht zusammengenäht, denn es stammte aus ihrer eigenen Kleiderwerkstatt. Es war ein durchgehend weinroter, zauberhafter Stoff. Sie hatte zwar immer noch keine Nähmaschine, war aber fest entschlossen. Alle Nähte „heftete“ sie deshalb mit großen und sehr großen, vergoldeten Sicherheitsnadeln zusammen. Zwei der sehr großen Nadeln saßen links und rechts außen auf den Schultern. Das Kleid hatte einen dezenten Ausschnitt, der verlief nicht spitz nach unten, sondern endete in einer kleinen Quernaht. Die machte das Dekolleté raffiniert und aufregend. Sonst war das Kleid knapp knielang, ärmellos, etwas höher tailliert, und schwang nicht zu weit aus. Es schob sich bei großen Schritten leicht in die Höhe. Sie trug kein Unterkleid. Das machte sie eigentlich nie. Zu dem ganzen passten ihre schwarzen Ballerinas sehr, sehr gut. Luisa hatte ihr leicht lockiges, blondes Haar meistens offen. Manchmal flocht sie es aber auch, vielleicht aus Kindertagen, wie heute zum Zopf. Der war dann ziemlich lang, so dass sie ihn hochsteckte.
Mit dem Fahrrad fuhr sie nun die kurze Strecke zum Theater und stieß gleich im Vorhof auf eine Gruppe fein gekleideter Leute, die ziemlich erbost diskutierten. Sie stellte das Fahrrad ab und wurde belehrt: „Heute soll die Aufführung ausfallen. Ein Mäzen hat die ganze Aufführung aufgekauft. Wir sollen aber unser Geld zurückerhalten.“ Luisa war schrecklich enttäuscht. Bevor sie weiter Fragen stellen konnte, wurde sie angesprochen: „Gehören Sie zum Ensemble? Wer sind sie?“ Darüber erschrak sie zwar, blieb aber cool. Sie sah an den Wänden riesige Schilder und Plakate, darauf stand immer wieder derselbe Name. Statt die Frage zu beantworten, las sie wie verzückt laut: „Giselle“ und lächelte verschmitzt. Darauf der Fragende: „Natürlich, du bist Giselle! Du bist die Neue. Das sieht man doch! Das ich nicht gleich darauf gekommen bin. Du gehörst zum Ensemble, also rein mit dir.“
Sie wurde vorbei an den aufgeregten Leuten direkt auf die Bühne geführt, wo man sie schon zu erwarten schien. Es standen dort mehrere Tänzerinnen und Tänzer, ganz entspannt, in sehr engen Kostümen. Als sie aber den Raum betrat, begann sekundenlang ein erstauntes Raunen. Luisa war verunsichert und hätte gerne mehr gewusst. Einer der Tänzer sprach sie an: „Vergiss alles, was du über Giselle weißt, alle Schritte, alle Bewegungen, einfach alles. Wir werden gleich beginnen, und du lässt dich führen. Wenn ich dir ein Zeichen gebe, hast du einen Solopart. Den füllst du aus, wie du fühlst und empfindest. Achte auf nichts weiter und niemanden, nur auf die Musik. Die kennst du ja. Beide Akte spielen wir mit nur einer Pause durch. Du siehst wunderbar aus. Du trägst ein Kleid, wie man es sich nicht besser für Giselle wünschen könnte. Wunderbar.
So, es geht los. Ach, noch eines, wenn es gut läuft mit dir, übernimmst du die Primaballerina, ok?“
Das Orchester begann zu spielen, und nach wenigen Augenblicken war Luisa in Giselle verwandelt und tanzte unter der Führung erst des einen, dann eines anderen Tänzers und schließlich und immer öfter als Solistin.
Nach dem ersten Akt kam eine Frau, die ihr die vergoldeten Sicherheitsnadeln richtete. Die sagte: „Dein Kleid ist eine Überraschung und so überzeugend. Ich gratuliere dir.“ Die Tänzerinnen und Tänzer waren in kleinen Tanzpausen sehr besorgt um sie. Alle zeigten irgendwie großen Respekt und bei einigen Hebefiguren wurde sie nicht zu sehr unterstützt, weil sie in ihrer Rolle ja keine Tänzerin sein sollte, sondern ein armes Bauernmädchen.
Publikum war nicht da. Es saß nur ein einziger Mann im Zuschauerraum. Am Ende der Aufführung kam der auf sie zu und gratulierte: „Herzlichen Glückwunsch. Das wird ein Riesenerfolg. Sie sind eine echte Bereicherung. Warten Sie es nur ab.“
Als sie sich verabschieden wollte, gab eine der Tänzerinnen ihr ihr Handy zurück. Das hatte sie aus der Hand geben müssen. Sie hatte aber auch einen Zettel. Darauf standen die Aufführungstermine: „Sei bitte pünktlich und wundere dich nicht, denn von nun an wird dich der Sohn unseres Mäzen zu jeder Aufführung vor deiner Tür erwarten und chauffieren wollen. Ich glaube, der möchte dich unbedingt kennenlernen.“
Tatsächlich stand an jedem der Abende ein großes Luxusauto vor ihrer Tür und ein junger, freundlicher Mann fragte, ob er ihr Fahrer sein dürfte. Anfangs lehnte sie das ab, später aber, als sie merkte, dass sie wirklich zum Ensemble gehörte und dreimal die Woche auftrat, ließ sie sich doch von ihm fahren.
Luisa war auffallend begabt mit natürlichen und tänzerischen Bewegungen der Hände, aber auch des gesamten, schlanken und geschmeidigen Körpers. Zum Beispiel versteckte sie mädchenhaft beide Arme auf dem Rücken, beugte sich dabei nur wenig vor und hob ihr Gesicht weit nach hinten. Sie machte auch anmutige Sprünge. Das Publikum beobachtete genau, wie sie die Füße streckte, die dann eine gerade Linie mit den Beinen bildeten, und dass sie für Sekundenbruchteile zu einer schwebenden Tänzerin wurde. Luisa konnte schnelle, rückwärts gerichtete Trippelschritte machen. Sie kam zwar nicht voran, die Zuschauer hatten aber den Eindruck, dass sie die Schritte auf Spitze liefe. Darin war sie geradezu perfekt. Ihre Arme hielt sie dabei streng nach vorne gegen den Rocksaum und die Knie gedrückt. Sie kokettierte mit den Augen, die sie verschämt hinter ausgestrecktem Handrücken niederschlug. Das Publikum stöhnte auf vor Mitgefühl.
Ihr Kleid wurde zu jeder Aufführung neu, aber originalgetreu, in die Garderobe gelegt. Das erste hatte sie bei sich zu Hause und hütete es liebevoll und sorgsam.
Es wurde ihre Begabung zur eigenwilligen Sprache durch Gestik deutlich, und die vielen traumhaften, musikalischen Stücke im Dreivierteltakt schienen ihr auf den Leib geschrieben zu sein. Beim Tanzen zählte sie den Takt gerne mit. Das alles war neu, das erregte sehr.
Wenn Luisa ins Theater kam, las sie mit Stolz aber auch innerem Erröten über dem Eingang und an den Wänden auf den Plakaten: „Giselle“ und darunter „Luisa, Primaballerina.“ Sie hielt ihr neues, überstürztes Leben zeitweise für einen unwirklichen Traum. Sie fürchtete auch, dass es so tragisch enden könnte wie „Giselle“ in dem Ballett. Diese Angst aber konnte ihr schon nach kurzer Zeit der umsichtige Fahrer nehmen. Den hatte sie sehr lieb gewonnen, und sie vertraute ihm in allem.

Harald Birgfeld, geb. 1938 in Rostock, lebt seit 2001 in BW, 79423 Heitersheim. Von Hause aus Dipl.-Ingenieur, befasst er sich seit 1980 mit Lyrik.
Veröffentlichungen hauptsächlich im Verlag: „Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik“, Leipzig, ISBN: 3-937264 ca. 40 Bücher.
Es erschienen mehr als 27 Gedichtbände, 2 Epen, mehrere Sachbücher.
In über 30 Anthologien ist Harald Birgfeld vertreten.
Fundorte: Deutsche Nationalbibliothek,
Sächsische Landesbibliothek sowie
Leipziger Lyrikbibliothek/Online-Katalog(OPAC), Stand: 2019
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im Internet unter: www.Harald-Birgfeld.de
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