Stine Wetzel für #kkl35 „Erwachen“
Elvira
Die Kinder aus dem Dorf machten auf dem Weg zur Schule einen großen Bogen um ihr Haus. „Putt, putt, putt, putt“, sagte Elvira. Ihre Haare leuchteten in der Sonne. Sie öffnete das Tor zum Auslauf. Egon, der Pfau, reckte seinen Hals. Der Mann hatte Egon angeschleppt, das arme Tier. Viele arme Tiere hatte er mit nach Hause gebracht. „Putt, putt“, machte Elvira wieder. Die Hühner wussten, was jetzt kam: Futter, immer nur Futter.
Da, am Apfelbaum hatte er gehangen. Im Hintergrund die Forsythien, deren Äste sie zu Ostern mit Plastikeiern geschmückt hatte. Die Eier tanzten immer noch im Wind, als wäre das Leben ein großes Fest, auch wenn die Sommersonne sie ausgeblichen hatte.
Das Haus war marode gewesen, damals. Aber sie mussten es unbedingt haben. Wegen der Aussicht. Das hatte sie von früher: Dass man schöne Aussicht braucht. Für den Fall, dass das Leben sonst nirgends hinreichte. Im Tal trafen sich die Hügel, alles war Feld oder Wiese. In so eine Landschaft hinein konnte man freier atmen. Unten war das Moor, ausgemergelt, die letzten Sommer waren zu trocken gewesen.
Über den Apfelbaum hatte sich der Feuerbrand hergemacht. Eigentlich hätten sie die Krankheit dem Pflanzenschutzamt melden und den Apfelbaum fällen müssen.
Morgens ging sie als allererstes zum Fenster, um am Apfelbaum vorbei die Stimmung im Tal zu betrachten. Sie sah die Nebelschwaden, die über dem Moor standen, den düsteren Himmel, der verkündete, dass es heute den ganzen Tag nicht richtig hell werden würde.
Elvira mochte das. Wenn die Tage rau waren und feuchte Kälte in der Luft hing, die Finger klamm wurden, sobald sie vor die Tür trat und sich mit dem Ärmel der Wattenjacke den Tropfen von der Nase wischen musste. Wenn es so kalt war, dass sie eigentlich einen Grund hatte, zu schreien und sie versucht war, den Kopf zu schütteln, als wäre sie verrückt, sie aber hart blieb.
Er hatte den neuen Strick genommen, kein einziges Mal hatten sie die Schafe damit angepflockt.
Im Dorf hatten sie schon lange über sie geredet. Das können sie in Dörfern: über die anderen reden. Weil der Horizont nur dann über die Landstraße reichte, wenn man zum Einkaufen in die Stadt fuhr. Elvira hatte kein Auto mehr. Sie nahm den Bus, wenn sie etwas brauchte.
„Mensch, Ludwig.“ Der Neufundländer drängelte sich an ihren Beinen vorbei, schnupperte in den Hühnerstall. Elvira konnte viel ab, beim Ausmisten aber kroch ihr der Ekel den Nacken entlang, den Hinterkopf hinauf und blieb dort sitzen. Wenn nur keine Milben da sind, dachte sie; eigentlich war es an der Zeit, mal wieder die Stallwände zu weißen.
Mit der Schippe kratzte sie das dreckige Stroh zusammen, lud den Mist auf die Schubkarre, holte die Kiepe mit dem Stroh, das noch nach Sommer roch.
Danach schrubbte sie ihre Hände in der Regentonne mit der Bürste, bis sie rot waren.
Sie setzte sich auf die Bank neben der Haustür. Der Kater Paul schnurrte um ihre Stiefel, stieß seinen Kopf gegen das Gummi, eine Annährung mit Anlauf. Elvira versuchte mit der Sohle über sein Fell zu streichen, anfassen mochte sie den Kater mit seinem räudigen Fell und den zerfetzten Ohren nicht.
In der Küche schnitt sie eine Scheibe vom Brotlaib ab. Den Linoleumboden mit den schwarz-weißen Karos hatten sie ausgelegt, als die Tochter elf war.
„Damit man immer nur die Hälfte vom Schmutz sieht?“, hatte die Tochter gefragt und an ihrer Haarsträhne genagt. „Lass das“, hatte Elvira sie ermahnt.
Auf der Scheibe verteilte Elvira Butter, nahm Salz zwischen Zeigefinger und Daumen und ließ die Bröckchen auf die Stulle rieseln.
Die Tochter. Die Tochter, die gegangen war und wegblieb, selbst von der Beerdigung. Gerade von der Beerdigung.
Wie oft sie alleine gewesen war mit dem Vater, wenn Elvira Schicht hatte. Wenn Elvira ehrlich war, hatte sie etwas geahnt. Wie oft war Elvira erstarrt gewesen, hatte die Luft angehalten, bis die Momente vorbei waren, in denen sie hätte fragen müssen, handeln müssen. Sie sind alle vorbei gegangen, die Momente.
Wenn Elvira spätabends aus dem Betrieb gekommen war, hatte sie sich an das Bett der Tochter gesetzt und sich ihren Kopf in den Schoß gelegt, ihr über die Haare gestrichen, bis sie eingeschlafen war.
Elende Hoffnung, dass es anders würde. Elvira riss das Fenster auf, vor ihr das Tal. Sie schrie: „Krepieren sollt ihr endlich!“ Wie die Schafe. Bei denen war es schnell gegangen.
Ludwig erhob sich von seinem Platz unterm Apfelbaum, stand da, guckte in ihre Richtung mit seinen tränigen Augen und ließ sich wieder ins Gras fallen wie ein behäbiger Alter in den Sessel.
Am Abend stand sie am Bügelbrett. Das Telefon. Sie ließ es klingeln, bügelte die Falten aus den blauen Karos der Geschirrtücher. Dann setzte sie sich vors Kreuzworträtsel, Dünkelhafter Mensch, vier Buchstaben, Schändlich, fünf Buchstaben, Kalter Wind an der Adria, vier.
„Ludwig“, rief sie am nächsten Morgen ins Tal, „Ludwig“, die Hügel hinauf. Die Kinder am Waldrand guckten zu ihr herunter, kicherten, während sie durch die schöne Aussicht stapfte und nach dem Hund rief.
Sie drehte sich um, sah das Gerippe, das der kranke Apfelbaum war, das Haus mit dem Wellblech, das sie über den Dachziegeln befestigt hatten. Egon hatte seine Federn zum Rad aufgespannt, stolzierte herum, als gäbe es einen Preis zu gewinnen.
Sie lief das Moor entlang, „Ludwig, du Köter“, lief über die Wiese, über das Feld. Den eiskalten Himmel durchzogen rosarote Schlieren. Das hatte die Tochter besonders gemocht: Wenn der Himmel aussah, als wenn dem Maler die niedlichen Farbtöne ausgekippt wären.
Elvira lief. Sie lief davon.

Stine Wetzel, 1985 geboren, aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Brandenburg, lebt in Zürich. Die studierte Kulturpublizistin arbeitete einige Jahre im Journalismus, seit 2019 ist sie in der Kommunikationsabteilung einer Behörde tätig. 2000 war sie Preisträgerin des Treffens Junger Autorinnen und Autoren, weitere Auszeichnungen bei Wettbewerben für literarische Texte folgten. Einige ihrer Erzählungen erschienen in Anthologien.
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