Paralysen

Julia Heß für #kkl35 „Erwachen“




Paralysen

Es war die Dunkelheit. Und es war das Prasseln des Regens auf Asphalt. Es war die Wärme. Und es war das Rauschen des Heizkörpers. Das Geräusch der eigenen Atmung. Das Bewusstsein um einen sich stetig hebenden und senkenden Brustkorb. Das Betttuch: warm. Die Decke, die schwer auf dem Körper lag, ihn herunterdrückte, ihn lähmte. Es waren die Gedanken, die sich immer wieder im Kreis drehten.

Im amerikanischen Militär gab es eine Methode, um schneller in den Schlaf zu finden, hatte es im Internet geheißen. Man solle sich seine Zehen bewusst machen und diese bewusst entspannen. Dann die Füße. Weiter mit den Beinen. Beim Becken merkte man meist schon, dass es angespannt war. Warum? Keine Ahnung. Man musste entspannen. Die Kraft rausnehmen. Nun lag das Becken auf dem Betttuch. Weiter ging es am Körper hinauf. Bis zum Kiefer. Der Kiefer war meist immer unbewusst angespannt. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht stand es irgendwo in dem Artikel, vielleicht auch nicht. Aber es war so. Entspannen. Und dann: warten, nichts tun. Fünf Minuten und man sollte eingeschlafen sein.

Er wartete lange, bestimmt länger als fünf Minuten, aber nichts passierte. Verdammt, irgendwann musste er doch einschlafen können! Er lag bereits seit Stunden wach, drehte sich unruhig von einer Seite auf die andere, vegetierte in der Dunkelheit und bemerkte viel zu spät, dass er vergessen hatte, seine Augen zu schließen. Und dabei musste er doch morgen früh raus. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich mal eine Nacht ohne Einschlafprobleme zu erleben. Sich endlich mal ins Bett zu legen, die Augen zu schließen und einzuschlafen. Friedlich.

Stattdessen aber war er hellwach. Sein Körper war voller Energie und sein Kopf weigerte sich, sich auszuschalten. Der Hopfentee, den er zuvor getrunken hatte, lag wie ein bleierner Schleier über seinen Gedanken. Alles in seinem Kopf wollte schlafen, aber er konnte es einfach nicht. Mal wieder nicht.

Resigniert stand er auf und aktivierte das Home-Display seines Handys. Zwei Uhr fünfunddreißig. Er würde nur kurz ins Bad gehen und sich dann sofort wieder ins Bett legen. Um den Fortschritt, den er beim Einschlafen bereits erzielt hatte, nicht zu verlieren. Gesagt, getan.

Als er zurückkehrte blieb er wie angewurzelt vor seinem Bett stehen. Er konnte sich nicht bewegen, konnte nicht sprechen, nicht schlucken. Er konnte nur still vor seinem Bett stehen und sich selbst darin beim Schlafen beobachten. Ja, da lag er. Friedlich schlummerte er, unwissend, dass er dort gerade stand und sich beobachtete.

Er sah sich zucken, die dicken Augenbrauen zusammenziehen, so als störe ihn etwas. Er hatte Angst, sich aufzuwecken, wo er jetzt doch gerade so friedliche schlief. Endlich nach all der Zeit schlief er endlich. Er nahm all seine Willenskraft zusammen und versuchte, sich vom Bett wegzubewegen. Nichts. Er kniff die Augen fest zusammen und versuchte es erneut, wieder nichts.

Dann öffnete er die Augen und erwachte.

Er erwachte in der Dunkelheit. Um ihn herum war gähnende Leere, ein verschlingendes Nichts. Da war nur er selbst, der schwer atmete, vom Gewicht seiner Bettdecke zerdrückt wurde. Er spürte, sein Herz pochen. Es pochte in seiner Brust, in seinem Bauch und seinem Hals. Das Atmen und Pochen erfüllte das leere Nichts. Hatte der Regen schon aufgehört?

Langsam gewöhnten seine Augen sich an die Dunkelheit. Er erkannte seine weiße Zimmerdecke, die im farblichen Kontrast zu seiner dunkelblauen Wand stand. Er war aufgewacht. Verdammt! Nicht schon wieder! Er musste unbedingt wieder einschlafen, bevor es hell wurde.

»Das kann doch nicht so schwer sein«, flüsterte er. »Augen zu und durch.«

»Augen zu und durch«, hörte er es direkt neben seinem Bett.

Er schluckte schwer und Angsttränen schossen ihm in die Augen. Bloß nicht bewegen, bloß nichts sagen. Wer war dort? Was war dort? Wie nah war es? Spürte er eine Präsenz? Wahrscheinlich schon, ja, aber vielleicht auch nicht.

Er starrte an die Decke. Er hätte schreien sollen, er hätte viel, viel früher schreien sollen. Jetzt war es zu spät.

Er wagte es kaum, zu atmen. Wagte es kaum, zu blinzeln. Sekunden verstrichen, vielleicht auch Minuten. Vielleicht könnte er so ausharren, bis es hell wurde, vielleicht würde er aber auch verschlungen werden. Vielleicht würde er jeden Moment spüren, wie die Matratze unter einem zweiten menschlichen Gewicht nachgab, sich der Unbekannte über ihm aufbäumte und mit einem Messer auf ihn einstach. Oder seine Hände um seinen Hals legte und zudrückte, bis er elendig erstickte. Vielleicht sollte er doch nicht ausharren.

Sollte er kämpfen? Sollte er versuchen, zu fliehen? Für jede Aktion war es nun zu spät, er hatte zu lange gewartet, war zu zögerlich gewesen. Mal wieder. Vorsichtig bewegte er den kleinen Finger. Vielleicht konnte er sich ganz langsam fortbewegen, sodass es niemand merkte. Den kleinen Finger sein ganzes Körpergewicht schleifen lassen.

Aber nein, er musste etwas tun. Er brauchte Licht. Sein Handy! Es lag auf der Kommode neben ihm, er musste nur den Arm ausstrecken, danach greifen, es packen, entsperren, die Taschenlampe öffnen und die Taschenlampe anschalten. Was, wenn er das Handy nicht sofort beim ersten Versuch zu greifen bekam? Musste er dann sterben?

»Dann musst du sterben«, erklärte die Stimme

Er war noch immer dort und er hatte seine Gedanken gelesen. Oder hatte er sie laut ausgesprochen?

Dann musste er sterben? War das etwa ein Spiel?

»Das ist das Spiel.«

Ein Versuch also. Er kniff die Augen kurz zusammen, das tiefe Lufthohlen jener, die nicht gesehen werden durften, und dann wartete er noch lange. Dann plötzlich, blitzschnell, langte er zur Kommode, fuhr mit der Handfläche über die Ablage und ertastete … nichts. Wo war es? Wo zur Hölle war das gottverdammte Handy? Er strich die Kommode erneut entlang. Nichts.

»Dann musst du jetzt sterben«, erklärte die Stimme ruhig.

Hektisch drehte er den Kopf zur Seite, wo der Unbekannte direkt neben seinem Bett stehen müsste, aber dort war niemand. Kein einziger Schatten zeichnete sich in der Dunkelheit ab. Er war allein.

»Du bist allein.«

Panisch setzte er sich auf, spürte, wie der kalte Schweiß, der aus jeder Pore seines Körpers schoss, seine Augenlider beschwerte und versuchte, sie zu schließen. Aber so nicht! Er würde nicht einschlafen, er würde wach bleiben und leben. Er presste den Rücken gegen das Bettgestell und ließ seinen hektischen Blick durch den Raum huschen. Dort stand sein Schreibtisch und sein Stuhl. Darauf saß etwas, jemand, aber vermutlich nur seine alte Kleidung vom Vortag. Der Schrank, die Kommode und der Sitzsack. Wo war er? Wo war der Unbekannte? War er allein?

»Du bist allein.«

Oder versteckte er sich gar unter dem Bett?

»Ich verstecke mich unter dem Bett.«

Er schluckte schwer. Er versteckte sich unter dem Bett. Er war genau unter ihm, immer wenn er schlief, war er dort, hörte, wie er sich umdrehte und wartete darauf, ihn zu packen, unter das Bett und ins Verderben, in den Tod, zu zerren. Er konnte sich nun nicht aus dem Bett bewegen. Das Bett war wie seine sichere Insel, die er nicht verlassen konnte, auf der er allerdings verhungern würde.

Er harrte einige Zeit aus, schaukelte auf der Insel, spürte seine Seekrankheit in sich aufkommen, als er plötzlich einen Schatten wahrnahm. Er stand starr zwischen Schrank und Kommode, lugte hervor, beobachtete ihn. Die ganze Zeit hatte er dort gestanden und ihn beobachtet, wie er sich sicher auf seinem Bett fühlte und auf den Moment gewartet, in dem er ihn erspähen würde. Dann würde der Schatten hervorschnellen und ihn fesseln und fressen.

Noch schien der Schatten nicht bemerkt zu haben, dass er ihn bereits gesehen hatte, weshalb er weiter vortäuschte, auf der Insel zu sein. Oder auf dem Boot, denn er wurde ja seekrank. Auf Inseln konnte man nicht seekrank werden, aber auf Booten schon. Er schwenkte mit dem Oberkörper hin und her, immer weiter, immer ausfallender, um die Wellen zu imitieren, bis er mit der Seite seines Körpers mit einem lauten Knall auf der Matratze aufschlug. Er richtete sich wieder auf und ließ sich zur anderen Seite fallen. Auf und zur Seite, auf und zur Seite.

Der Schatten beobachtete das Spiel und schien zu glauben, dass er sich noch immer auf dem Boot wägte. Er musste nur weitermachen, bis Morgengrauen, dann würde der Schatten im Licht zerspringen. So lange musste er seekranker Matrose spielen und tatsächlich wurde ihm vom permanenten Aufschlagen irgendwann schlecht.

»Dir ist schlecht, du solltest schlafen.«

Die kalten Schweißtropfen drückten seine Augenlider immer weiter herunter, bis sie zufielen. Der Schweiß drückte sie herunter und egal welche Kraft er auch aufwendete, er konnte sie nicht öffnen. Und so schlief er, auf der Seite liegend, ein.

Und er erwachte.

Er erwachte mit einem Körper aus Blei. Als seien all seine beweglichen Glieder in einem hautengen Sarkophag aus Blei gefangen. Seine Augen lagen frei, sein Mund stand offen, aber seine Nasenlöcher waren verschlossen, mit Blei zugegossen, sodass die Luft, die er durch den Mund einsog, seine Lippen austrocknete, seine Bleilippen begannen sich wie eine verschrumpelte Weintraube zusammenzuziehen und er konnte nichts dagegen tun. Er war betäubt.

Seine Augen suchten unruhig den Raum ab, so weit sie eben über seinen starr liegenden Körper blicken konnten, bis sie den Schatten in der dunklen Ecke neben dem Schreibtisch ausmachten. Dort stand er. Hatte er eine Sense? Im Nachhinein vermochte er es nicht mehr zu sagen, aber dort stand der Schatten und beobachtete ihn.

Es vergingen Stunden, wenn nicht gar Tage, bis er die Augen wieder schloss, nur kurz blinzelte und als er sie wieder öffnete, war der Schatten verschwunden. Wo war der Schatten hin?

»Wo ist der Schatten nur hin, Junge?«

Woher kam die Stimme, aus welcher Richtung? Er musste ganz genau hinhören, sich gut konzentrieren, es ging um Sekunden, wenn nicht gar weniger.

»Du hast nur Sekunden, wenn nicht gar weniger.«

Bis?

»Bis …«

Der Schatten ihn töten würde.

»… ich dich töten werde.«

Er blickte neben sich und starrte auf eine dunkle Wand. Da war der Schatten, direkt neben seinem Kopf. Der Schatten beugte sich über ihn, sodass er sein Gesicht sehen konnte. Der Schatten hatte ein verschrobenes Gesicht, es wirkte so, als gehöre es nicht wirklich dorthin, wo es war, aber es war zu beliebig, um die Front seines Kopfes zu verlassen und sein Glück woanders zu versuchen. Vorsichtig schloss der Schatten mit den Fingern die Augen seines schmackhaften Opfers. Sobald er die Finger absetzte, öffnete jenes allerdings blitzschnell die Augen.

Und erwachte. Er riss die Augen auf, hielt sie starr auf. Licht schien durch die halboffenen Jalousien und in seinem Zimmer roch es nach Schweiß. Sein Bett roch nach Schweiß und er tat es auch. Die Überbleibsel des Schattens tanzten in Form von schwebendem Hausstaub über seinem Gesicht.

Es war morgen, sehr früh, und er hatte mal wieder viel zu wenig geschlafen. Es schien ihm, als habe er kaum geschlafen. Morgen Abend würde er Bachblüten nehmen.




Mein Name ist Julia Heß, ich bin 22 Jahre alt und wohne in Köln. Ich studiere Germanistik und schreibe in meiner Freizeit gerne kleine und große Geschichten. Dabei ist mein größtes Werk das 2022 erschienene Buch „Der Garten“. Ansonsten gehe ich gerne mit meinem Hund spazieren und genieße die Natur.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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