Otto Köhlmeier für #kkl35 „Erwachen“
Vom Erwachen einer Generation
„Unkeuschheit ist eine Sünde. Unkeuschheit mit anderen, mit Mädchen und Tieren, ist eine Todsünde. Aber noch schlimmer, die Mutter aller Todsünden, ist Unkeuschheit an sich selber tun. Da kannst du nämlich krank werden, da kannst du blind werden. Also, lass es lieber sein!“. So hörte sich unsere Erziehung an.
Es war eine grausliche Zeit. Damals, nach dem Krieg. Väter, die mit siebzehn an die Front mussten und nur Kampf und Blut und Mord und Totschlag kennenlernten. Mütter, gezeichnet von Mangel und Entbehrung, missbraucht von männlicher Gier. Eltern, die uns niemals Eltern waren, niemals Eltern sein konnten. Wir wurden nicht von Menschen, wir wurden nicht mit Liebe, wir wurden von Priester und Kirche, von Lehrer und Schule erzogen. Sie lehrten uns die Angst vor der Hölle und züchtigten uns mit Worten. Und wenn die nicht halfen, mit Hieben.
Das Gebet war alles, was wir hatten. Es wurde uns als Allheilmittel eingetrichtert, eingebläut. Es wurde gebetet, wenn es draußen donnerte, auf dass der Blitz nicht einschlagen möge. Es wurde gebetet, wenn es trocken war, auf dass endlich Regen kommen möge. Es wurde gebetet, wenn er endlich kam, der Regen, auf dass er nicht zur einer Überschwemmung führe. Man betete und betete und betete. In jedem Haus hingen zwanzig, dreißig Kreuze an den Wänden. Vier, fünf in jedem Zimmer. Und über jedem Bett das Weihwasserkesselchen. Jeden Abend kam die Großmutter ins Zimmer, tauchte ihren Finger ins Nass und machte uns Kindern das Kreuzzeichen auf die Stirn. „Im Namen des Vaters …!“. Aber da war kein Vater. Keine Mutter. Keine liebevolle Umarmung. Kein Drücken. Kein Herzen. Die Kälte des Krieges wirkte lange noch nach.
Uns Kindern, entliebt und entleibt durch die Kälte des Krieges, wurden die banalen Weisheiten des Lebens mit Gewalt aufs Auge gedrückt, in die Schädel gehauen: still sein, brav sein, tüchtig sein, fleißig sein! Gemacht, lieblos, von Männern und Frauen, für die Sexualität Sünde war, gelehrt von Priestern, die wenige Jahre zuvor noch für den Endsieg Messen gelesen haben, von Lehrern, die ohne geringste Scham die Schulstunde nicht mehr mit einem „Heil Hitler“, sondern mit dem Morgengebet eröffneten, blieb es den Fliegen vorbehalten, die sich auf unseren Handrücken paarten, uns Liebe zu lehren, uns aufzuklären. Der einstige Sturmbannführer, jetzt Trainer im Fußballverein, drillte weiter. „Rennt, bis euch der Schweiß im Arsch zusammenrinnt!“. Und weil wir auch ganze Männer sein wollten, griffen wir die ordinäre Sprache der harten Männersportarten auf: Geil und Möse und Figgen und Vögeln.
Es dauerte, lange, bis wir erwachten. So Mitte der 60er-Jahre war es, als wir begannen, uns langsam zu lösen, uns aus den Fesseln der Priester und Lehrer und Ortsgruppenführer zu befreien, bis wir begannen, Dinge zu hinterfragen, die wir zuvor als selbstverständlich und unabänderlich hingenommen hatten. Heimlich begannen wir Radio Luxemburg zu lauschen, wo all die Lieder gespielt wurden, die von unserem Herrn Pfarrer verflucht, verteufelt und verboten wurden. Wenn wir mal in die Stadt kamen, dann kauften wir dort das Jugendmagazin „Bravo“, in dem uns ein gewisser „Doktor Sommer“ alles über den Zungenkuss, die Vagina, die Klitoris, die Schamlippen erklärte. Im Kino, vor dem Hauptfilm, also vor „Ben Hur“, einem Vierstundenschinken mit Pause dazwischen, sahen wir in der tönenden Wochenschau Bilder der blutjungen vier Pilzköpfe aus Liverpool und wie bei ihren Konzerten die Mädchen reihenweise in Ohnmacht fielen. Und im noch jungen Fernsehen – Schwarz-Weiß-Fernsehen mit einem einzigen Programm und zwei Stunden Sendezeit am Tag – im noch jungen Fernsehen wurde uns bewusst gemacht, dass die Mode der Zeit nicht nur aus der kurzen Lederhose und den wollenen Kniestrümpfen bestand. Also begannen wir uns auch ein klein wenig anders zu kleiden. Hosen, unten so weit ausgestellt. Hemden mit solchen Kragen. Und wir ließen uns die Haare wachsen. Und begannen zu rebellieren. Und „nein“ zu sagen, wenn die Dorfoberen „ja“ sagten. Und Mädchen zu küssen. Und uns selbst zu befriedigen.
1966 war es, da beschloss ich mit einem Schulfreund in den Osterferien nach München zu trampen. In den Englischen Garten. Der Englische Garten in München war damals für uns Jugendliche in halb Europa das Sinnbild für Freiheit. Für die ältere Generation war der Englische Garten in München das Sinnbild für Dreck, Schund und Drogen, für Gammler und Affen, langhaarige. Unsere Eltern durften nicht wissen, dass wir nach München trampten. Weil wir schon erste Erfahrungen im Widerstand gegen das verzopfte Weltbild der Alten hatten, belogen wir sie, kamen per Autostopp nach München und verbrachten drei Tage und drei Nächte im Englischen Garten. Und das war … faszinierend! Da lagen hunderte, ja tausende junge Menschen friedlich im Gras. Man herzte sich, umarmte sich, küsste sich. Man sang gemeinsam Lieder von Friede und Freiheit. Die Burschen mit langen Haaren und wallenden Bärten. Die Mädchen in bunten Kleidern. Manche zeigten ganz offenherzig ihre Brüste. Und über allem lag der Duft von frischem Gras. Es war – wie gesagt – faszinierend. Spätestens da wusste ich: ich muss weg aus dem Dorf! Und zwei Jahre später – 1968, in diesem wilden Jahr von „Peace, Love and Happiness“, von „Flower Power“ – war es dann soweit. Ich emanzipierte mich endgültig. WIR ERWACHTEN. Und begannen, die Welt zu verändern, die Welt zu verbessern.
Otto Köhlmeier. Geboren am 5. Oktober 1949 in Hard am Bodensee (Österreich). Studierte Tanz, Schauspiel und Regie an der Kunstuniversität in Graz. War jahrzehntelang mit einer eignen freien Theatergruppe im deutschsprachigen Raum unterwegs. Als Schauspieler, Regisseur, Dramaturg, Sprecher, Rhetoriktrainer, Kulturberater … tätig.
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