Philipp von Bose für #kkl35 „Erwachen“
Der Pinien-Baum
Vergeblich versuche ich mich an den Tag zu erinnern, an dem es anfing zu regnen. Auch kann ich mich beim besten Willen nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal die Sonne auf- oder niedergehen sah. Es fehlt das Licht.
Betrübt setze ich meinen Spaziergang fort, nachdem ich für kurze Zeit innegehalten habe, um nachzudenken. Jeden Schritt, den ich tue, überhaupt jede Bewegung meines Körpers scheint isoliert und fremdartig. Der nie angefangene und nicht endende Regen scheint in der Luft zu stehen. Zwar höre ich die sonst so wohltuenden Klänge der hinabfallenden Wassertropfen, doch der Boden bleibt trocken. So auch meine Haare, mein Mantel, meine Hose und meine Schuhe. Wenn ich meine Schritte zähle, wenn ich sie ständig zähle und meinen Blick nicht hebe, dann kann ich für wenige Augenblicke vergessen; vergessen warum die Sonne nicht scheint, vergessen warum der Regen nicht fällt, vergessen warum alles grau und leblos ist, vergessen warum ich hier bin.
Ich zähle Einhundert Schritte.
Keine Menschen auf den schier unendlich verlaufenden Straßen. Ich könnte sie ohnehin nicht sehen. Mein Blick ruht auf dem Boden und ich zähle weiter, ohne Gespür in meinen Füßen.
Ich zähle Zweihundertfünfzig Schritte.
Auch wenn ich es vermeiden will, hebe ich dennoch manchmal den Kopf. Diesmal sehe ich etwas. Eine Andeutung von Farbe in der sonst so grauen Ferne. Ein Farbfleck, das ist neu, doch schon bald verblast. Manchmal bilde ich mir ein etwas Kaltes zu spüren. Einen Windzug vielleicht, oder sogar den Regen?
Ich zähle Vierhundertfünfzig Schritte.
Wann ich das letzte Mal gelacht habe, weiß ich nicht mehr. Gesprochen ja, aber nie hier. Mit wem sollte ich auch sprechen? Trotz der mir bewussten Sinnlosigkeit, rufe ich laut:
„Hallo!?“
Das Echo meiner Stimme hört sich mit jedem Mal fremder an. Ich habe Angst und möchte diese fremde Stimme nicht mehr hören. Lieber keinen Laut geben, wozu auch?
Ich zähle Siebenhundert Schritte.
So viele Schritte, und doch scheine ich keinen Meter vorangekommen zu sein. Es fühlt sich so an, als würde ich die ganze Zeit über im Kreis laufen, obwohl ich stets nach vorne gehe. Noch einmal bleibe ich stehen und schließe diesmal meine Augen, in der Hoffnung, dass diese ausgestorbene Stadt und ihre fensterlosen Gebäude vielleicht doch nur das Produkt meiner Fantasie sind. Ja!
Das alles muss ganz einfach ein furchtbarer Traum sein. So fest ich nur kann, so fest es nur irgendwie geht, kneife ich meinen Arm. Kein Erwachen. Ein stechender Schmerz bleibt. Ich verliere alle Hoffnung, und doch spüre ich für wenige Augenblicke wieder meinen Körper.
Ich zähle eintausend Schritte.
Undeutlich erkenne ich die Umrisse einer kleinen Gestalt in der Ferne. Ungeduldig renne ich los, obwohl ich mir ganz sicher bin, dass meine Fantasie mir erneut einen Streich spielt. Während ich laufe, merke ich, dass die gräulichen Häuser um mich herum zu verschwinden scheinen. Dass das Geräusch des Regens verstummt, versetzt mich in blanke Panik.
„Was auch immer hier gerade geschieht, ich muss wissen, wer oder was diese Gestalt dort vorne ist.“, flüstere ich leise in mich hinein, auch wenn es keinen Unterschied bedeutet hätte, hätte ich diese Worte geschrien.
Ich höre auf meine Schritte zu zählen.
Obwohl ich anfangs das Gefühl hatte, mich dieser kleinen Figur – trotz meines Tempos – nicht nähern zu können, erkenne ich jetzt, dass es nur noch wenige Schritte auf sie zu sind. Ich strecke meinen Arm aus, mein Gesicht verzerrt sich vor Anstrengung und gerade als ich diese menschenähnliche Gestalt an der Schulter berührte, geht das Licht aus.
Dunkelheit.
Wenige Augenblicke später, erleuchtet eine Straßenlaterne den Weg, auf dem ich stehe und ich kneife die Augen zusammen, erschrocken durch das plötzliche Licht. Die Umgebung gewinnt an Konturen, während meine Augen sich wieder an diese jetzt so grelle Helligkeit gewöhnen. Nun erkenne ich einen Menschen vor mir, der noch immer mir den Rücken zukehrt. Ein Kind.
Das Kind dreht sich langsam um und blickt mir mit großen blauen Augen und einem breiten Lächeln ins Gesicht. Die Haut es kleinen Jungen ist hell und unbefleckt, nur einige Sommersprossen stehen ihm im Gesicht. Seine Nase ist klein, seine Haare wuschelig und braun. Er trägt eine hellblaue Jeans und einen ihm etwas zu groß geratenen apfelgrünen Pullover, auf dem ein Frosch mit herausgestreckter Zunge zu sehen ist. Noch immer betrachtet mich der Kleine freundlich, er steht einfach reglos da und sieht mich an. Verwirrt neige ich meinen Kopf und stelle fest, dass dieses Kind mir bekannt vorkommt, aber woher nur? Mein verwirrter Gesichtsausdruck scheint den kleinen Jungen zu unterhalten, denn er kichert leise in sich hinein. Trotz meines momentanen Unbehagens versuche ich ruhig zu bleiben und blicke mich um, aber abgesehen von der hell leuchtenden Straßenlaterne über uns und der Straße unter uns, kann ich nichts erkennen. So als würde die Welt nur im Lichte dieser verdammten Laterne existieren und andere sei ausgelöscht.
Denn wenn etwas da wäre, wenn etwas in der riesigen Schwärze stehen, oder leben würde, dann müsste ich es doch sehen können. Oder etwa nicht?!
„Wo bin ich?“, frage ich den kleinen Jungen und merke, dass meine Stimme zittert und es mich fröstelt.
„Weißt du das denn nicht? Aber du müsstest es doch am besten wissen.“, sagt der kleine Junge und fängt wieder an zu kichern. Seine Stimme ist warm und freundlich. Trotzdem wird mir immer kälter. Ich gehe nicht weiter auf diese Antwort ein und frage stattdessen:
„Wer bist du?“
Das Menschlein sieht mich etwas entgeistert an und sagt mit hoher knabenhafter Stimme:
„Ich bin du. Sieh mich doch mal richtig an. Wir beide sind derselbe Mensch.“
Mit aufgerissenen fassungslosen Augen starre ich ihn an und weiß nicht, ob ich schreien soll. Eine fremde Hand scheint mein Herz festzuhalten, denn ich kann es nicht mehr spüren. Flucht! Ich muss weg, ganz schnell weit weg. Hauptsache ich muss dieses Kind nicht mehr sehen, denke ich, doch meine Beine sind wie angewurzelt. Meine Gedanken fliegen und schwirren mir weiter im Kopf, ohne dass ich einen von ihnen fassen und halten könnte. Und obwohl ich tief erfüllt von Angst und Kälte bin, weiß ich, dass dieses Kind die Wahrheit spricht. Doch noch bevor ich etwas sagen kann, läuft das Kind – läuft meine Kindes-Gestalt – fort und ruft, dass ich ihm folgen solle. Wie magnetisch angezogen laufe ich hinter ihm her, trotz meines eigentlichen Widerwillens. Überrascht stelle ich fest, dass der Lichtschein der Lampen dem kleinen Kind folgt und mich die Dunkelheit zu verschlucken droht, wenn ich nicht auf seiner Höhe mit ihm weiterlaufe. Meine Ausdauer scheint plötzlich grenzenlos, denn nun habe ich ein Ziel vor Augen: ich möchte wissen, was dieser kleine Junge mir zu sagen hat und wo er mich hinführt.
Während wir unseren Weg fortsetzen, scheint sich die Welt um uns herum erneut zu verändern:
Der Asphalt der Straße wird brüchiger und einzelne Grashalme und kleine Blumen strecken ihre so lang begrabenen Köpfe in die Luft; ein sanfter kühler Wind kommt auf und fährt mir, wie die unsichtbare Hand einer lang vergessenen Liebe, durch die Haare; das kalte elektronische Licht über meinem Kopf flackert noch ein letztes Mal, bevor es schließlich verblast und Platz für das Licht des wohl vollsten, schönsten und hellsten Mondes, den ich je sah, macht, der langsam, aber stetig, am Himmel emporsteigt.
Erst jetzt merke ich, dass auch die schäbigen Hochhäuser von zuvor verschwunden sind. Stattdessen sehe ich große starke Bäume mit prächtigen vom Wind bewegten Kronen und weitreichende Wurzeln, die an der Oberfläche verlaufen und sich bis zum Horizont erstrecken.
Der kleine Junge läuft noch immer voran und führt mich einen sich hoch schlängelnden Trampelpfad entlang.
Während des gesamten Weges empfand ich keinerlei Schwäche oder Atemlosigkeit, stattdessen durchströmt mich mit einer immer stärker werdenden Intensität ein Gefühl des Glücks und der Leichtigkeit. Der kleine Junge und ich laufen immer schneller den Berg hinauf, auf dem eine einsame sehr große Pinie steht. Beflügelt von diesem Anblick laufe ich dem Baum entgegen und vergesse alles andere um mich herum. Mein kindliches Ebenbild ist bereits oben angekommen und wartet dort auf mich, hell und unschuldig lachend. Vorsichtig berühre ich die Rinde dieses riesigen Baumes, Es fühlt sich so an, als wäre alles, was zuvor geschah, nicht mehr wichtig, denn dieser Moment, diese Szene des vollkommenen Glücks stellt alles andere in den Schatten. Der kleine Junge, der Baum, der weiß strahlende Mond und ich sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Kaum sichtbar zeichnet sich die Form eines Pferdes mit Flügeln und ohne Reiter dunkel auf der weißen Fläche des Mondes ab. Und während ich unter dem Pinien-Baum stehe und den Mond verträumt betrachte, spüre ich etwas Feuchtes und Kühles auf meinem Nacken. Aber nur für einen Augenblick. Noch einmal fühle ich es, und nochmal und nochmal bis ich schließlich bemerke, dass es angefangen hat zu regnen. Lächelnd blicke ich in den Himmel und lasse das lang ersehnte Nass mein Gesicht zärtlich berühren.
Mein Ich steht plötzlich in seiner Gänze vor mir und zeigt mit einem strahlenden Lächeln auf ein Fahrrad, dass, wie aus dem Nichts, plötzlich am Baum lehnt. Ich begreife, noch ehe er etwas sagen kann. Vorsichtig steige ich auf das Fahrrad und merke erst jetzt, dass ich nicht aufhören kann zu lächeln. Der Berg ist sehr hoch, doch noch ehe ich das Ganze überdenken kann, fährt es mit mir los. Rasend schnell über Äste und Steine, über Wiesen und große Wurzeln. Es ist holprig und äußert ungemütlich, doch ich kann nicht anders, als zu lachen. Ich lache und lach und kann nicht mehr aufhören. Der kleine Junge, noch immer unter der Pinie stehend, ruft:
„Ich bin so glücklich, dass wir uns endlich getroffen haben! Aber mach mir mein Fahrrad bloß nicht kaputt. Und besuche mich immer wieder!“
„Das mache ich, versprochen!“, erwidere ich, während eine Träne des Glücks sich ihren Weg nach draußen bahnt.
Im nächsten Moment wird das Licht hell und eine wohlige Wärme erfüllt meinen Körper. Das Fahrrad fährt immer schneller und ich fahre in eine bessere Welt. Ich habe keine Angst.
Ich bin frei!
Philipp von Bose, geboren am 30.03.1999 in München und wohnhaft in Zorneding.
Seine ersten Schreibversuche machte er schon in früher Kindheit. Besonders interessieren ihn die Darstellung und Erforschung psychologischer Archetypen und die allzu menschlichen und weltlichen Gefühle.
Bislang hatte er zwei Veröffentlichungen in der Studentenzeitschrift „Obskura“, wurde zweimal mit Gedichten in der Literaturzeritschrift „Schreibtisch“ vom Verlag „Edition Federleicht“ gedruckt, und einige Veröffentlichungen auf digitalen Plattformen und einige Lesungen in München in Zusammenarbeit mit dem „&Töchter-Verlag“.
Aktuell arbeitet er als Kinderpfleger, doch verfolgt die schriftstellerische Unabhängigkeit.
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