Christian Günther für #kkl35 „Erwachen“
Oma und ihre zwei Enkel
Vor der Bank verharrten wir kurz.
»Nich, dat wa de Kundens erschrecken«, befürchtete meine Partnerin Judith. Zwar trugen wir zivile Kleidung, darüber aber eine Schutzweste mit POLIZEI-Aufschrift und im Ohr einen Knopf für den Funk, damit die Umgebung nicht mithören konnte.
»Für ‘ne Bankräuberin siehsse zu freundlich aus, nö?«, beruhigte ich sie.
»Ach, und weshalb nennsse mich dann öfters blonder Bengel, Nick?« »Ähm …« »Zehn Jährkes älter, aber schon Wortfindungsstörungen, ne?« Sie zwinkerte mir zu und öffnete die Tür zur Bank, ihren Dienstausweis bereithaltend. Im Gegensatz zu Uniformierten mussten wir uns unaufgefordert ausweisen.
Ein Mitarbeiter kam gleich auf uns zu. »Da sind Sie ja!« »Reiter, Zivilfahndung Kettwig/Werden«, stellte sich Judith vor, »und der Kollege Fengler. Sie sind Herr Kramer, der Melder?« Er nickte bestätigend.
»Wo is die ältere Dame?«, fragte ich.
»Ich hab ihr erklärt, dass zehntausend Euro eine kleine Zeit dauern, bis wir sie bereitstellen können. Frau Keller wartet mit einer Kollegin in deren Büro.« »Sie braucht dat für ihren Enkel, sacht se?« »Als Kaution, ja. Er hätte einen Unfall mit einer Schwerverletzten verursacht und würde nun im Revier in der Innenstadt warten. Sie müsse jedoch nicht selber vorbeikommen. Ein ziviler Beamter hole das Geld ganz diskret bei ihr ab, damit sie keine Umstände hätte.« »Diese Anrufe ziehen leider öfter«, meinte Judith.
»Ich bringe Sie eben zum Büro.«
»Dat wär nett, danke. Toll, dat se so gut aufgepasst und uns informiert ham. Zehntausend, dat is schon ‘ne Menge Kohle.«
Frau Keller sprang direkt auf, als wir das Büro betraten. »Das ist aber nett, dass Sie hier vorbeikommen. So brauche ich das viele Geld nicht nach Hause transportieren.« Judith stellte uns zunächst vor. »Wir sind vom Revier Kettwig/Werden, Frau Keller«, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort.
»Dachte, er sei in der Innenstadt? Wissen Sie, wie es ihm geht?« »Rufen Se ihn domma ehm an und fragen«, schlug ich ihr vor.
»Telefonieren sei ihm nicht erlaubt, sagte der nette Kollege von Ihnen, der bei mir angerufen hat, um mir Bescheid zu geben? Er war sogar so nett, seine Forderung zu reduzieren, weil ich mehr Geld nicht habe.« Judith sah sie freundlich an. »Die Polizei würde niemals Geld oder etwas Materielles von Ihnen einfordern«, erklärte sie sanft und ruhig.
»Vertrauen Se mir«, bat ich die Seniorin, »und rufen ihn an?« Diese griff zitternd zu ihrem Seniorenhandy. Er schien das Telefonat entgegenzunehmen, doch mit der Zeit wurde Frau Keller schweigsamer und insbesondere trauriger. Etwas passte nicht, und ich tauschte einen Blick mit Judith. Die berufliche und private Partnerin nickte zustimmend.
»Darf ich ma?«, erkundigte ich mich bei der Dame.
»Ich geb das Telefon einmal kurz weiter, Markus.« »Fengler, Polizei Kettwig/Werden«, stellte ich mich vor. »Et is nix passiert, Ihre Oma hat et gut überstanden.« »Was macht die denn?«, erboste sich mein Gesprächspartner. »Die weiß, dass ich in Wuppertal arbeite, nicht in Essen, und ich bin ihr Einziger! Sie ist orientiert, dacht ich zumindest bis eben! Wie kann sie auf sowas nur hereinfallen? Ich zweifle langsam doch …« »Gehn Se nich so hart mit ihr ins Gericht«, unterbrach ich ihn. »Die, die diese Anrufe tätigen, machen dat regelmäßig und mit ‘ner unglaublichen Wortgewandtheit. Da schlackern Se mit de Ohren, wenn Se dat hörn, wie die sich ihre Opfer zurechtlegen.« »Ich schlackere wegen etwas anderem mit den Ohren, nämlich wegen ihrer Dämlichkeit! Wenn die in der Bank nicht aufgepasst hätten, wär ihr ganzes, mühsam erspartes Vermögen jetzt für immer weg. Ein teures Erwachen, wenn das klar wird, denn die Täter werden ja eh nie erwischt.« »Wir bringen Ihre Oma nach Hause. Versprechen können wa nix, aber wir geben unser Bestes, um ’nen Erfolg verbuchen zu können.« »Na, dann viel Erfolg! Aber mit Oma, da muss ich mir echt Gedanken machen. Die Situation hat mich aufgeweckt. Das ist ein schleichender Prozess mit dem Nachlassen der geistigen Fähigkeiten. Haben Sie noch eine Oma?« »Ich nich, nein, aber meine Frau. Da sind leichte Defizite, aber Ihre Oma hat ihren Irrtum eingesehen.« »Aber zu spät! Was kostet Oma der Einsatz?« »Gar nix.« »Zumindest hier finanziell kein böses Erwachen.« Er beendete das Gespräch und ich atmete einmal aus. Was für ein verständnisloser und unsentimentaler Stinkstiefel! Mir tat Frau Keller leid wegen ihrer Situation, in die sie geraten war, und die Reaktion ihres richtigen Enkels. Viele waren der Meinung, sie würden niemals auf solche Anrufe hereinfallen und konnten dieses daher nicht nachvollziehen.
Ob der Betrüger Frau Keller beobachtete, ließ sich nicht einschätzen. Versuchen wollten wir unser Glück dennoch. So hielt ich mich bei der Seniorin in der Wohnung auf, während Judith draußen hinter einem Busch kauerte. Ich führte ein beruhigendes Gespräch mit der nach wie vor geknickt wirkenden Dame. Als orientiert schätzte ich sie ein, denn über aktuelles Tagesgeschehen aus der ganzen Welt wusste sie im Gegensatz zu Judiths Omma Irmi Bescheid.
»Nick, für Judith?«, vernahm ich über Funk.
»Nick hört«, bestätigte ich. »Wat is ambach, Judith?« »‘ne verdächtige Person nähert sich.« »Okay, ich geh in Stellung. Hoff, er is et.« »Dito, et beginnt nämlich zu plästern.« »Samma, seit wann bisse wasserscheu, Judith?« »Pass auf, Nick, watte sachs! Hier steht ‘ne volle Regentonne. Da tauch ich Dich na‘m Einsatz drin ein, ganz tief.« »Et tut sich wat«, teilte ich Frau Keller mit. »Muss Sie kurz alleinlassen.« Über Judiths Androhung schmunzelnd verließ ich die Wohnung und betrat den Flur. Die Haustür war aus Holz, niemand konnte hineinblicken. Als es schellte, öffnete ich sie schwungvoll.
»Tach, Herr Kollege!«, grüßte ich.
In der Hand hielt er einen leeren Briefumschlag und einen Ausweis. Er sah mich einen Moment mit großen Augen an, bevor er herumwirbelte. Judith stand inzwischen hinter ihm und lächelte ihn an.
»Och, ein Engel!«, meinte er und wollte sie umstoßen, doch sie packte ihn am Arm und drückte diesen gnadenlos auf seinen Rücken, legte ihm Handschellen an. Umschlag und Ausweis fielen dabei zu Boden.
»Jau, aber mit ‘nem B davor«, grinste sie ihn an. »Unterschätzen Se nie alte Menschen und Blondinen. Dat könnt für ‘ne große Überraschung sorgen, ne? So, nun ab zum Auto!« Sie schob ihn zum zivilen 3er-BMW und öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite, während ich seine Utensilien aufhob, der Ausweis eine plumpe Fälschung.
»Selbsterkenntnis is der erste Weg …«, bemerkte ich, als die zehn Jahre jüngere Partnerin die Tür wieder schloss.
»Häh? Wat meinsse?«
»Dat mit ‘em B, nö?«
»Duuu alter Sack, Du! Hasse recht gute Ohren für et recht hohe Alter, ne?« »Jau, und da siehsse ma, wie mich mein blonder Bengel jung und fit hält, nö?« Schmunzelnd kniff sie die Augen zusammen und sah zur Regentonne. »Abkühlung gefällig?«
Christian Günther wurde 1979 in Essen geboren. Er ist gelernter Industrie-Technologe und examinierter Altenpfleger. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er Zeitungsartikel und Bücher.
Seit 2022 geht sein Essener Ermittlerduo Judith Reiter & Nick Fengler mit Ruhrpott-Slang und gleichberechtigt als »Die zivilen Fahnder/innen« auf Streife, als Krimiserie und in Kurzgeschichten.
Bereits erschienen sind Staffel 1 mit den ersten acht Fällen (2. Auflage, Mai 2023, 348 Seiten, neue ISBN 9783757867843) und eine begleitende Anthologie (1) mit kurzen Krimis (Juli 2023, 160 Seiten, ISBN 9783757840150).
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