Der Regen fließt

Olaf Urban-Rühmeier für #kkl36 „Anarchie“




Der Regen fließt

Stickige Luft, ein gelber Himmel. Schwefelgelb, denkt Justin. Das hat er mal irgendwo gelesen. Aber wie sieht Schwefel wirklich aus? Drückende Hitze im Büro. Die Klimaanlage mit halber Kraft. Kosten sparen. Gleich ist es vier. Um fünf beginnt der Termin. Accounting und Controlling Standards Arbeitsgruppe. Jemand hatte den Club Al-Accsa genannt. Witzig.

Ein tiefes Geräusch, ein Dröhnen. War das Donner? Justin packt das Band-T-Shirt ein, nimmt Jacke und Handy und macht sich zum Gehen bereit. Er flieht aus dem Glasturm am Rand des Stadtparks. In Gedanken geht er die Wege ab: S-Bahn in die Stadt, der Arbeitskreis bei einem Partnerunternehmen. Dann zurück zum Stadtpark zum Konzert. „Open minded“. Die richtigen, um diesen Tag abzuschließen. Er freut sich auf die Bässe und die Gitarren. Laute Musik und Bier.

Draußen trifft ihn der erste Tropfen. Scheiße. Das Outfit wird leiden, aber was soll`s. Heute Abend wird gefeiert. Er geht zur S-Bahn, die Tropfen werden größer. Das Handy summt. Nicht jetzt, im Regen, gleich wird er es lesen. Dann donnert es. Der Regen bricht los, in Sekunden ist er nass, rennt in den S-Bahn-Eingang. Die anderen mit ihm. Spaziergänger, Pendler, Jogger. Prasseln auf dem gläsernen Vordach. Ein Murmeln, Rauschen, Brausen, Schlurfen, Lachen.

Justin drängelt sich zum Gleis vor, quetscht sich in den Zug. Überfüllung, Überdruck. Dunst von nassen Jacken, Rucksäcken, Regenschirmen drückt auf seine Brust. Die Geräusche brodeln. Füße scharren. Langsam fährt der Zug an. Der Regen hämmert gegen die Scheiben. Manchmal blitzt es. Der Zug rollt  am Stadtpark entlang, ruckelt, wird langsamer, stoppt. Ein Moment der Stille, dann fährt der Zug wieder an, nimmt Fahrt auf, rollt auf der hochgelegenen Trasse am Park entlang, dazwischen nur die vierspurige Straße.

Der Zug bleibt wieder stehen. Murren hängt über den Köpfen der Passagiere. Die Zeit dehnt sich, dann eine Durchsage: „Der Zug kann aufgrund einer technischen Störung nicht weiterfahren.“ Die Fahrgäste werden gebeten, auszusteigen, vorsichtig die Böschung hinab zu gehen und andere Verkehrsmittel zu benutzen. Die Türen öffnen sich, die ersten steigen aus. Plötzlich ist eine aufgekratzte Stimmung, wie bei einem Schulausflug. Die Passagiere steigen vorsichtig abwärts.

Am Fuß des Bahndamms trifft Justin auf eine Gruppe Männer mit einem Bierkasten und Band-T-Shirts. Gegenseitiges Erkennen. Er bekommt ein Bier. Im strömenden Regen stehen sie an der Straße und lachen. Er denkt, ich komme mit einer Bierfahne zu dem Arbeitskreis. Er denkt, was soll’s. Er spürt Ruhe, während das Wasser gurgelnd abfließt. Eingehüllt in den Regen, der alle Farben und Geräusche dämpft.

Justin fühlt, wie die Gedankenkaskaden in seinem Kopf langsamer werden. Die Aufträge, Anweisungen, Besprechungen, die Excel-Tabellen, Berichte und Präsentationen, die Abteilungsleiter, die Bereichsleiter. Der Schaum sinkt wie in einem Topf, der vom Herd genommen wird. Dann kommt eine neue Nachricht auf dem Handy. Aufgrund der politischen Ereignisse werde die Arbeitskreissitzung kurzfristig abgesagt. Welche Ereignisse? Er will sein Handy jetzt nicht hervorholen. Der Regen fällt auf Menschen und ihre Telefone.

Ein schwarzer SUV pflügt durch das Wasser, lenkt in eine Vertiefung. Eine Welle klatscht über die Gruppe. Die Ruhe ist vorbei. Flüche. Justin wischt sich das Wasser aus dem Gesicht. Einer wirft dem Wagen eine Flasche hinterher.

Der Wagen fährt noch ein paar Meter, stoppt, die Lichter des Rückwärtsgangs scheinen im Regen auf. Der Wagen rollt näher und bremst wieder. Zwei Männer steigen aus und gehen durch den Regen langsam auf die Gruppe zu.

Justin spürt, wie sein Herz rast. Geräusche, vom Regen verzerrt. Klappern. Etwas fällt auf den Boden. Hat der einen Baseballschläger? Das Herz klopft im Hals, der Blick verengt sich. Justin dreht sich um, rennt los, hinein in den Park. Die anderen sind neben ihm. Schweiß und  Regentropfen auf der Stirn. Immer schneller laufen.

Sie rennen über die weite Rasenfläche, das Wasser der Pfützen klatscht gegen die Beine. Alles ist nass. Erst bei einem großen Zelt kommen sie zum Stehen. Sie sehen sich. Wo sind sie eigentlich? Fünf Männer stehen unter dem Dach des großen leeren Zelts gegenüber der Freilichtbühne und sehen sich an. Gegenüber wird abgebaut. Kein Konzert, so sieht es aus.

Justin holt sein Handy heraus und sucht Nachrichten. In Berlin soll es Anschläge gegeben haben, liest er. Anschläge, Mehrzahl. Politiker wurden bedroht, der Innenminister. Die anderen sind auch über ihre Telefone gebeugt. Ähnliche Anschläge auch in Paris und Wien. Autofahrer auf großen Plätzen, Sturmgewehre in Clubs. Die Lage sei unübersichtlich, liest er.

Der neben ihm, die Bierflasche noch in der Hand, meint, dann gibt es bestimmt auch was mit Flugzeugen, wie damals. Die anderen Männer murmeln Zustimmung. Es gäbe eine Gefährdungslage, liest Justin. Was ist das, eine Gefährdungslage? Unbekannte Flugzeuge in der Luft?

Gemeinsam gehen die Männer im Regen über die weite, große Wiese zur nächsten S-Bahn-Station. Ein Zug kommt mit zwanzig Minuten Verspätung, sie kommen zum Hauptbahnhof. Die alte, graue Halle aus Stahl und blindem Glas. Sie ist stiller als sonst. Justin sieht Polizisten mit Schutzwesten und Maschinenpistolen. Auf einer großen bunten Wand läuft ein Nachrichtenticker, der immer das gleiche erzählt. Anschläge, große Autos, Berlin, Wien, Gefährdungslage. Der Innenminister. Alle Geräusche sind gedämpft, als wenn die Halle selbst Angst hätte. Die Mauern flüstern.

Justin hört schwere Schritte, zwei bewaffnete Polizisten kommen von rechts. Ohne zu denken drängt er sich in eine Nische an der Wand. Die plötzliche Bewegung macht ihn sichtbar. In Sekunden sind die beiden Uniformierten neben ihm und nehmen ihn in den Polizeigriff. Sie fragen nicht und er kann nichts sagen. Ihm bleibt die Luft weg. Ihm wird schwarz vor Augen.

Aus Schwarz wird Flimmern, wird Licht. Eine Neonröhre. Um ihn Stahlwände. Seine Hände sind mit Kabelbindern gefesselt. Er lehnt an einer Wand. Ein Polizist ohne Maschinenpistole sieht ihn an, macht eine Geste. Er soll aufstehen. Er kann nicht. Die Beine sind eingeschlafen. Er stolpert und fällt fast, der Polizist zieht ihn hoch, schiebt ihn in einen kleinen Raum mit Tisch und zwei Stühlen. Ein Mann in Uniform sitzt und zeigt auf den anderen Stuhl. Langsam lässt Justin sich runter.

„Warum wollten Sie sich vor der Polizei verstecken?“

„Weiß nicht.“

„Warum wollten Sie sich vor der Polizei verstecken?“

„Weiß nicht.“

Unvermittelt brüllt der Mann ihn an: „Warum wollten Sie sich verstecken? Was wollen Sie verbergen?“

Justin muss warten, sich sammeln. Das alles ist seltsam. Wie kommt er hierhin? Was ist das für ein Raum? „Es gibt keinen Grund.“ Er kommt langsam zu sich. Er fixiert den Uniformierten. „Aber niemand mag die Polizei. Und niemand mag Maschinenpistolen.“ Pause. „Verstehen Sie das?“

Der andere stiert ihn an. Justin sieht an sich hinunter. Seine Hose ist noch feucht, übersät mit Grasflecken und Grasschnipseln. Seine Jacke hängt nass am Leib. Er spürt die feuchten Strähnen seiner Haare. Er sieht aus wie jemand, der sich verstecken muss.

Der Mann brüllt wieder. „Es gibt also keinen Grund? Aber sie mögen keine Polizisten. Haben Sie eine Ahnung, was gerade los ist? In Berlin geht die Welt unter und wir müssen uns mit ihrer Pubertierendenscheiße beschäftigen!“ Er dreht sich nach hinten. „Schafft mir diesen Knallkopf weg! Raus! Raus!“

Ein Polizist kommt von hinten. Justin steht auf und sieht sich um. Am Ende eines grauen Gangs leuchtet blass eine Türöffnung. Der Polizist schiebt ihn zur Tür und über die Schwelle. Dabei sagt er kein Wort.

Draußen geht die Abenddämmerung in die Nacht über. Die Autos auf dem Steindamm schlurfen durch den Regen. Justin blickt auf ein Loch, das sich immer weiter dehnt. Ich sollte auf einem Konzert sein, denkt er. Ich sollte von einer Arbeitsgruppe kommen. Ich sollte wissen, was ich tue und was passiert ist. Stattdessen – ein nasser, schwarzer Abend ohne Konturen schluckt stumm seine Gewissheiten.

Er geht an der Rückseite des Bahnhofs auf und ab, seine Füße denken für ihn. Sie kicken den Tag hin und her und tragen Justin zu einer abgelegenen Bushaltestelle. Ein Mann sitzt dort, mit einer großen Aldi-Tüte, einem speckigen Rucksack. Er trägt einen dunklen Hoodie und raucht. Justin setzt sich zu ihm. Die digitale Anzeige sagt, dass hier lange kein Bus fahren wird.

„Schlechten Tag gehabt?“ fragt er. Justin murmelt Ja. Sie blicken auf die Straße. Das Wasser fließt in dicken Strömen in die Gullys. Die Oberfläche der kleinen Ströme hat kleine Unebenheiten. Es sieht aus, als wenn Haarsträhnen aus dunklem Glas auf dem Boden liegen, sich ringeln, zum Leben erwachen. Justins Gedanken beginnen wieder zu wandern.

„Du warst bei den Bullen im Container, ich hab´s gesehen“, sagt der Mann. „Was hast du gemacht?“

„Nichts“, sagt Justin, obwohl er eigentlich nicht reden will.

„Das ist so, manchmal. Dann sacken sie dich ein. Kannste nichts machen.“ Er zieht an seinem Zigarettenstummel. „Die funktionieren nach ihren eigenen Regeln. Gefahr oder nicht Gefahr. Wenn Gefahr, dann verhaften. So einfach ist das. Was fürn Job hast du?“

„Controller.“

„Buchhalter. Das ist für die nicht interessant. Geld oder nicht Geld, das ist nicht deren Problem. Ich sag ja, das System ist geschlossen. Kommste nicht rein. Wenn du  Anwalt bist, das ist was anderes. Paragraphen, das versteht die Polizei. Das nennt man strukturelle Koppelung. Controller – das wird nix. “ Justin hat keine Ahnung, wovon der Mann spricht.

„Alle leben in ihrer eigenen Welt“, fährt der Mann fort, ohne auf Justin zu achten. „Jeder sieht nur das, was er sowieso schon kennt. Menschen nehmen nichts Neues auf, weil sie es nicht können. Wir sind kleine, geschlossene Welten.“

Justin hat den Faden verloren. Sein Nacken schmerzt. Wahrscheinlich haben die Polizisten ihn irgendwie verbogen. Seine klammen Sachen kleben am Leib. Er friert. Er zittert. Für einen Moment gibt es noch einmal Ruhe. Er blickt auf das Wasser, das im Rinnstein fließt.





Olaf Urban-Rühmeier

Geboren 1965 in Schleswig-Holstein. Studium der Germanistik, Politik und Publizistik. Literatur ist das Instrument, mit dem ich Dinge verarbeite. Was ich schreibe reflektiert Erlebtes oder Beobachtetes. Neben dem beruflichen Schreiben wird  eigene Prosa für mich immer wichtiger. Die erste Veröffentlichung gab es 2020 in der Anthologie zum dritten Literaturpreis Harz. 2021 habe ich bei den Berner Bücherwochen einen Preis für meinen Text über Erich Mühsam erhalten. Zuletzt wurden Kurzgeschichten von mir beim Erfurter Federlesen und beim vierten Literaturpreis Harz ausgezeichnet.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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