Der Sonnenwinkel

Katharina Zanon für #kkl36 „Anarchie




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Der Sonnenwinkel

Bespitzelt meine ihn auf der Stelle verpfeifende Nasenspitze. Spechtelt durch das Heu des Sonnenhutes. Nicht derselbe, aus dem dir der Rücken gegrillt wird, während du am Bauch im Steinchenmeer liegst.

Schnüffelnd stößt du auf eine gerade erst vergrabene Dungkugel. Erstaunt begutachten die frisch daraus geschlüpften Skarabäen die zwei Luftlöcher. Integrieren die neuen Gänge geschickt in ihr Labyrinth aus Fresswegen. Liegst du auf diese Weise, um deine Talismane leibhaftig nah bei dir zu tragen? Oder willst du dir anschauen, wo die Sonne hingeht, wenn sie dem Mond Platz macht?

Z: „Erinnerung aus meiner Kindheit. Halb eingegraben in der milden Abendsonne, um in den tieferen Sandschichten den verbrannten Körper zu kühlen.“

P: „Heimweh?“

Z: „Kaum. Sommer meiner Kindheit in Abadan: 51 Grad. Keine Seltenheit.“

P: „Wehes Heim. Kann ich nur mutmaßen. Denn die Bedeutung der Ziffer in Verbindung mit Wärme entzieht sich meinem Verständnis.“

Z: „Ich, 14-jährig, von Kopf bis Fuß dunkel gebratener Souvlaki – Stecken, dünn und groß, sonnengebacken. Laufe halbnackt in dicken Wollsocken über den glühenden Sandstrand. Hechte dem Ball nach: Nur nicht hinfallen! Das weiße Leder darf: Die feinen Körnchen und das Salz haben es großflächig abgefeilt. Seine Oberfläche ist so weich wie meine Handinnenseiten.“

P: „Ein Material wie die Haut eines Delfins. Kann ich nur annehmen, weil ich noch nie einen streicheln durfte. Dich zum Glück schon.“

Z: „Die Delfinhaut auf meinem Kopf wird von den wilden Locken geschützt. Die Strahlen verlaufen sich in den vielen Rundungen der Krausefrise und finden nicht mehr heraus. Bleiben bis tief in die Nacht drin und geben Wärme ab, die mich in den komatösen Schlaf begleitet. Kopf voraus stecke ich in der Düne. Von oben bis unten salzig, von Schweiß oder Meeresbrise oder Schweiß mit Meeresbrise. Ich war ein guter Stürmer im brennenden Mittelfeld und bin es geblieben.“

P: „Meine Kindheit in den Alpen: Schnüffelnd im Wald. Wenn er warm wird, beginnt er zu dunsten. Das riecht wie Weihnachten im Sommer. Ich kicke den Volleyball barfuß durch zwei Tannen, hechte ihm nach und halte ihn kurz vor dem Naturtor. Stechende Baumnadeln und Astspitzen. Ich kühle die akupunktierten Sohlen an den von Wässerchen überzogenen Felswänden. Schmecke das süße Quellwasser aus dem Handteller. Färbe den großen Zehen blau, weil ich die schroffe Kante übersehe. Jetzt also Wasserball: Im Becken des Sturzbachs. Wie gern würde ich ihn berutschen, um gemeinsam mit dem Ball unterzutauchen. Nur einer würde es zurück an die Oberfläche schaffen. Aber selbst der hat genug vom wilden Wasser und versucht, den Damm zu durchbrechen: Er entwischt mir nicht. Und schwinge mich mit ihm gleich Tarzanin in luftige Höhen. Wer auf die mutige Idee kommt, mir seine Äste zu reichen, wird erklommen. So schnell und hoch wie möglich. Verbaue mir den Rückweg: Dem Baum breche ich genau den hilfreich entgegenstreckten Arm.“

Z: „Von Verzweigungen und holzigen Gebrechen verstehe ich nichts. Den brennheißen Sandkörnchen meiner Gefilde entwachsen nur armlose Palmen. Die sind alles andere als bekletterbar! Sagen meiner Auserkorenen die aufschneiderischen Klimmzüge nicht zu, knallt sie mir eine harte Nuss auf die matschmusige Birne. Ein gebrochener Arm wäre mir lieber!“

P: „Schon damals wurden wir von derselben Sonne geweckt.“

Z: „Aber wir erwachten nicht zum gleichen Sonnenaufgang.“

Jahre später trafen wir uns auf halbem Weg und ließen uns einen Sommer lang aus demselben Winkel bräunen. Nicht so verbrennend wie in deiner, aber in jedem Fall aufheizender als in meiner Kindheit trafen uns die Strahlen. Sie machten keinerlei Unterschied, aus welchen Himmelsrichtungen wir kamen. Wussten wie wir: Heimat war nicht unser Herkunftsort. Die Umgebung deiner Kindheit war Schauplatz einer längst abgespielten Theatervorstellung, in der du die Hauptrolle spieltest. Und meine Ursprungsquelle versiegte leise plätschernd hinter den schneebedeckten Bergspitzen. Heimat war das, wonach wir gemeinsam suchten. Erst hoffnungsvoll, dann verzweifelt. Die griechische Hauptstadt erkoren wir zum Setting unseres Dramas. Intensives Zusammenleben auf kleinstem Raum in den besetzten Häusern des anarchistischen Stadtteil Exarchias. Wo alles möglich schien. Diese Grenzenlosigkeit, anfangs etwas überfordernd, befeuerte bald unsere Phantasie. Kreativ wurden wir vor Allem im Erdenken immer neuer Süchte und Lüste. Im Rausch wurde Unberechenbarkeit nicht selten zur Bedrohung und Regellosigkeit nicht selten zum menschenfeindlichen Chaos. In unseren Häusern kriselte es. Auf den Straßen brannte es.

Ausgelaugt brodelnd vom Überdruss der Großstadt flüchteten wir in die Natur. Dort, wo der Griechische Daumen den Saronischen Golf berührt, fand uns etwas. Die Sandsteinhöhle, in die wir unser Zelt stellten. Die natürliche Quelle, unter die wir den Süßwasserpool bauten. Wir waren zwei LandstreicherInnen mit langen Fingern und unbezahlbarem Tagelohn. Das Gold des Abendbrotes bröselte uns die Lumpen voll. Die Seevögel nahmen es mit sich in den Sonnenuntergang. Wir lebten von der Hand in den Mund. Darin aufgebrochen lagen frisch geerntete Paradiesäpfel, deren Kerne zwischen den Zähnen explodierten und deren roter Saft übers Gesicht spritzte. Ein kurzer Blickwechsel. Aber die Molotowcocktails der Demos in Exarchia berührten uns nur mehr als Teil der gemeinsamen Vergangenheit. Anarchismus oder Faschismus: Wer von ihnen beherrscht die Stadt? Imperialismus, Nationalismus, Xenophobie, Homophobie und wie sie alle heißen. Die Tumore, die munter wuchern und genauso munter blutig bekämpft werden. Genarrt vom ununterdrückbarenZweifel am Besserwissen der Menschheit und der hellen Verzweiflung an ebendiesem pfiff die Stadt aus dem letzten Loch. Rauchte wie ein unterirdisch brennendes Feuer. Fernab lasen wir ihre grauen Zeichen: Getrieben vom Verurteilen und gejagt von der Angst stampfte das Leben dort. Und zermarterte sich die Sohlen. Die Brandblasen auf unseren aus der Zeit in ihrer Mitte. Gewaltbereit wie sie? Gewaltbereit wie sie! So verroht in der Grobschlächtigkeit waren wir, dass wir unser Leben darin nicht mehr hinterfragten. Ein friedvolleres Dasein? Kein Platz in unseren von Aufbegehren zugedröhnten Birnen, um das zu imaginieren. Den entscheidend schwungvollen Arschtritt, der uns endlich vom Moloch ins Meer bugsierte, gaben wir uns selbst.

Aus dem Squat vertrieben, am allermeisten selbst von unserer Wüterei bedroht, fanden wir uns am heißen Asphalt des Stadtrandes wieder. Hielten nach einem weicheren Untergrund für unsere Allerwertesten Ausschau. Spazierten, bis der Beton zu Steinchen wurde und die zu Sand. Bis die Mülltonnen nicht mehr mit Molotowcocktails sondern mit den leicht verdaulichen Überresten der Hyperkonsumgesellschaft gefüllt waren. Bis die Sonne ohne milchigen Smogdunstüberzug strahlte.

Z: „Weißt du, dass es im Jahr 1816 ein Jahr ohne Sommer gab?“

P: „Achtzehnhundertunderfroren meinst du? Der gesamte Erdball war umhüllt von Vulkangasen aus Indonesien. Die Sonnenstrahlen wurden abgelenkt und verloren ihre lebensspendende Kraft. In großen Teilen Europas und Amerikas herrschte ungewöhnliche Kälte. Es kam zu Ernteausfällen und Hungersnöten.“

Z: „Glaubst du, die Menschen würden einander in einer solchen Situation wegen Nichtigkeiten verhetzen und bekämpfen wie sie es jetzt gerade tun?“

P: „Ich denke eher, der Hunger, die Kälte und die Dunkelheit würden ihnen die Kräfte dafür rauben.“

Z: „Die Sonne könnte uns an unser Glück erinnern. Sich ein paar Tage lang hinter dem Mond verstecken. Nur um uns zu erschrecken. Wachzurütteln. Und für Abkühlung der erhitzten Gemüter in dieser Stadt sorgen. Aber nicht einmal in der Unsichtbarkeit der Sonnenfinsternis und nicht einmal beschützt von drei paar Wollsocken würde ich noch einmal in dieses herumschreiende Höllenloch zurücksteigen.“

P: „Absurd. Erscheint mir unser Leben dort. Verkünstelt. Unlogisch. Unnatürlich. Unmenschlich. Und dann reichte ein einziger Blick auf die simple Ganzheit des Meeres, um uns von der Freiheit des Lebens in seiner Gegenwart zu überzeugen. Nach der wir uns in der Stadt so sehr sehnten. Die wir erkämpften. Der wir nie näher kamen. Ein einziger Atemzug, um uns zur Vernunft zu bringen.“

Z: „Erst jetzt verstehe ich: Ein Leben muss nicht ohne Regeln gelebt werden, um frei zu sein. Es muss nur nach sinnvollen Regeln gelebt werden. Wenn der Mensch in Verbindung ist mit seinem Umfeld, wenn er sich einfügen kann, wenn er versteht, warum er tut, was er tut, dann wird die Unterordnung zur Einordnung.“

P: „Sie wird zum Erkennen der Umgebung als Heimat.“

Z: „Zum Erkennen, dass man selbst ein Teil dieser Heimat ist.“

P: „Vielleicht sogar zum Erkennen, dass man selbst diese Heimat ist.“

Am Meer ist es still. Meine Unsicherheit und Überheblichkeit verloren sich in seiner Weite. Sie gingen Hand in Hand. Meiner Kampfeswut wurde der Wind aus den Segeln genommen. Auch in mir wurde es still. So wie man vergisst, den eigenen Atem wahrzunehmen, wurde auch das Rauschen der Wellen zu unserem ständigen Begleiter und verstummte. Revolution? Wogegen sollten wir uns hier auflehnen? Der Ozean war ein unveränderlicher Soundteppich. Das entspannende Wasserbett, wenn wir rasten wollten. Und beglückte uns mit Surffunktion, wenn uns nach Auszucken war. Anarchismus? Hier taten wir, worauf wir Lust hatten. Ohne es zu benennen. Und hörten auf das, was wir hören wollten. Ohne Anführer. Die Sonnenstrahlen und ihr Einfallswinkel, der Mond, der Wind und das Wasser bestimmten unseren Alltag. Ihren Gegebenheiten ordneten wir uns vorbehaltlos zu jeder Tages- und Nachtzeit unter. So wie mir die Sonne jeden Morgen lachte, folgtest du mir auf Schritt und Tritt. Und ich dir. Bis wir nicht mehr wussten, wer anführte und wer folgte. Wir wurden zum Schatten des Anderen. Und fanden uns darin selbst.


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Katharina Zanon

freischaffende Künstlerin und Schriftstellerin

www.katharinazanon.com

1990 geboren und aufgewachsen in Osttirol, Studium der Bildenden Kunst an der Kunstuniversität Linz und der Guangzhou Academy of Fine Arts, China. Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien, Auszeichnung des Südtiroler Künstlerbundes und Reisestipendium des Bundeskanzleramtes für die Erzählung „Dr. Oscar“, Top 15 Shortlist des B. Traven Preis für Kurzprosa 2020 für die Kurzgeschichte „Die Katze“.

Publikationen

2023 Kurzgeschichte “In Swiner’s Leckermäulchen” 9. Bubenreuther Literaturwettbewerb, BoD-Verlag ISBN-13: 9783758307065

2023 Kurzgeschichte “Spielerleben” in Facetten 2023, Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, edition linz

2023 Auszug aus der Erzählung “Igor” in Textland Oberösterreich, kuvee, Verein zur Förderung Kunstschaffender in Oberösterreich

2023 Kurzgeschichte “Poschtbustrip” in DUM Das Ultimative Magazin 106/2023, Dialektausgabe

2022 Kurzgeschichte “Der Gaumenkitzel“ 8. Bubenreuther Literaturwettbewerb, paperback, tredition Verlag

ISBN: 978-3-347-76237-4

2022 Kurzgeschichte “Li” in der Wiener Literaturzeitschrift Syltse Nr. 6 2022 | Kurven_Kröten_Kandelaber, S.31

2022 Kurzgeschichte “Kein Anfang in Sicht” Freiraum Dialog Archiv Ausgabe 03, Sommer 2022

2022 Kurzgeschichte “Innehaben” in Facetten 2022, Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, edition linz,

ISBN: 987-3-99126-182-7

2022 Kurzgeschichte „Die Eistonne“ Freiraum Dialog Archiv Ausgabe 02, Jänner 2022

2021 Kurzgeschichte „Der Swiner“ 7. Bubenreuther Literaturwettbewerb, paperback, tredition Verlag

ISBN: 978-3-347-42751-8

2021 Kurzgeschichte „Die Ausrangierten“ in Facetten 2021, Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, edition linz,

ISBN: 978-3-99126-070-7

2021 Lesung aus dem Text „Dr. Oscar“, Stadttheater Bozen

2021 Kurzgeschichte „Die Schneeuhr“, Lienzer Wandzeitung

2020 Kurzgeschichte „Jack The Tropical Fruit“  6. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2020, Paperback, tredition Verlag, ISBN: 978-3-347-17503-7

2020 Collage und Gedanke „Über Monde Gehen“ im UND 9, Heft für Alternativen, Widersprüche und Konkretes

2020 Kurzgeschichte „Im Rauchwald“ in  2020 Facetten, Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, ISBN: 978-3-99028-974-7

2020 „Corongensaft“ in der Ausgabe Coronakrise: Kommentare von Tiroler Autorinnen und Autoren, im Literatur Tirol Online Magazin literaturtirol.at

2020 Artikel „Rojda und Samet basteln Schutzmasken in Athen“ im Dolomitenstadt Online Magazin, Rubrik Weltbilder, 1. April 2020

2019 Kurzgeschichte „Schmettermann“ in der Wiener Literaturzeitschrift Syltse,

Winterausgabe 003/2019

2019 Kurzgeschichte „Stoa und Schiefer- die vatrogn si“ in der Linzer Literaturzeitschrift

„Die Rampe“ Heft 4/2019 Adalbert-Stifter-Institut Linz, ISBN: 978-3-99062-435-7

2019 Traumsequenz „Skurriler Typ in der Bar“, 5. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2019,

Paperback, tredition Verlag, ISBN: 978-3-7497-7135-6

2019 Kurzgeschichte „Flatterhaft“, im Ausstellungskatalog der Werke Benjamin Zanons, RLB Atelier Kunstbrücke, Lienz

2018 Kurzgeschichte „Lovely Puff“ 4. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2018,

Paperback, tredition Verlag, ISBN: 978-3-7469-9245-7

Theater und Hörspiel

2021 Theaterperformance „WHAT ARE YOU WAITING FOR“ mit Wenzel Brücher, Stadtpfarre Linz, Spitalskirche Innsbruck

2020 Hörspiel „Der Schmetterer“ im Freifenster auf Radio Freirad, Innsbruck

2020 Theaterperformance „Der Schmetterer“ mit Wenzel Brücher, im Schloss Bruck, Lienz in Osttirol

Stipendien / Preise

2021 Arbeitsstipendium des Landes Tirol in der Sparte „Bildende Kunst“ für das Projekt „Animaliaison“

2020 Top 15 Liste des B. Traven Preis für Kurzprosa, Edition Samisdat, für die Kurzgeschichte „Die Katze“

2020 Arbeitsstipendium des Landes Tirol in der Sparte „Bildende Kunst“ für das Projekt „Der Schmetterer“

2020 Reisestipendium Literatur 2020 des Bundeskanzleramtes Österreich

für die Recherchereise nach China, zur Fertigstellung der Erzählung „Dr. Oscar“

2019 Literaturwettbewerb des Südtiroler Künstlerbundes,

Auszeichnung für die Erzählung „Dr. Oscar“

2017 Auslandsstipendium der Kunstuni Linz

2017 Förderstipendium der Kunstuni Linz

2017 Subvention des Fördervereins der Kunstuni Linz

2017 IPS Land Oberösterreich






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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