Cogito, ergo sum periculosus

I. J. Melodia für #kkl36 „Anarchie“




Cogito, ergo sum periculosus

Ich bin Anarchist. Wer jetzt weiterliest, ist entweder neugierig oder konnte sich des gängigen Vorurteils erwehren, nach dem Anarchisten chaotisch, faul, ständig besoffen und gewalttätig sind, während sie am Bahnhof sitzen, um Passanten anzuschnorren. Dieses Klischee trifft auf das Bild, die einige Menschen von Punks haben, die zwar in der Tat oft ein aufgesticktes, großes „A“ auf ihrer Kleidung tragen, erfahrungsgemäß aber selbst oft dem oben genannten Vorbehalt erlegen und somit der eigentlichen Bedeutung von Anarchie nicht gewahr sind. Ein Kreislauf.

Dieses negative Bild ist historisch und politisch zu erklären. Am Ende des 19. Jahrhundert kam der Gedanke von „der Propaganda der Tat“ auf, der in diverse Attentate seinen Ausdruck fand. Diese wurden jedoch stets von Einzeltätern oder kleineren Gruppen verübt und hatten nie die Unterstützung der ganzen Bewegung. Viele dieser Anschläge könnte man heute als Rachehandlungen bezeichnen, da sie meist die Antwort auf Massenentlassungen, Polizeigewalt und Ähnliches waren. Gewalt erzeugt Gegengewalt, bzw. auf Aktion folgt Reaktion, um es weniger brachial auszudrücken.

Für den Anarchismus war es paradoxerweise schlecht, dass viele der Attentate Erfolg, oder zumindest bedeutende Persönlichkeiten, wie Staatsoberhäupter, zum Ziel hatten. So wurde beispielsweise der französische Präsident Carnot 1894 erstochen und auch Elisabeth von Österreich-Ungarn, besser bekannt als „Sissi“, fiel 1898 dem Messer eines Übermotivierten zum Opfer. Daraufhin kam es zu einer internationalen Konferenz gegen den Anarchismus und zur Überwachung von namhaften Anarchisten, während Parteien, Politiker und Staaten selbst Angst und Propaganda so weit schürten, dass Unschuldige verurteilt und hingerichtet wurden. Dies zeigte sich beim Haymarket Riot 1886 sowie bei Sacco und Vanzetti, die beide 1927 auf dem elektrischen Stuhl kamen. Es sind wohl die bekanntesten Justizmorde, die weltweit für Entrüstung und Demonstrationen gegen die USA sorgten.

Nun sollte man meinen, dass nach all den Jahren und in unserem modernen, gebildeten Zeitalter, dieses verzerrte Bild zurechtgerückt wurde. Dem ist aber nicht so, im Gegenteil. Jeder setzt Anarchie mit Zerstörung und Chaos gleich. Dabei bedeutet Anarchie lediglich die Abwesenheit von Herrschern und mal ehrlich, wer wünscht sich nicht hin und wieder, die politischen Holzköpfe würden mitsamt ihren Termiten von dannen ziehen? Man hat den Eindruck, dass diese Angst so tief in den Menschen verankert ist, dass der Vergleich so leicht wie das Atmen fällt. Den Begriff für dieses Chaos, den alle suchen, ist übrigens die „Anomie“: Ohne Gesetz, ohne Ordnung.

Denn allmählich bekomme ich Zustände, wenn mir Redewendungen wie „in Chaos und Anarchie verfallen“ zu Gehör kommen. Mal abgesehen davon, dass es dasselbe wäre und daher semantisch redundant. Fielen solche Sätze ausschließlich bei irgendwelchen Stammtischreden, könnte es mir relativ gleichgültig sein. Aber man findet diesen Fehler überall wieder, egal ob in einem Buch über die Geschichte Italiens, das sich ansonsten wie ein Fremdwörterlexikon liest oder in der Serie The Big Bang Theory, die für wissenschaftliche Exaktheit bekannt ist. Noch dazu, wenn es dem Supergenie Sheldon, der alles weiß, mehrfach aus dem Mund fällt. Sogar in Dokumentationen über Asteroiden wird von „Chaos und Anarchie“ gesprochen. Und das sind bei Leibe nicht alle Beispiele dieses inflationären Missbrauchs.

Es ist nicht schwer, vorher die Fakten zu prüfen. Gerade durch eine so erfolgreiche Serie wie The Big Bang Theory wäre es doch möglich gewesen, diesen in den Köpfen verankerten Trugschluss zu korrigieren. Mal abgesehen davon, dass ich mich angesichts der aktuellen Weltpolitik ohnehin frage, wovor die Menschen noch Angst haben? Kapitalismus, Ausbeutung, Rechtsruck, Finanzkrise und Inflation. Das sind keine rosigen Aussichten. Ja, es geht schlimmer, aber das sind Staatssysteme, die von sich selbst nicht behaupten, demokratisch zu sein. Und wenn doch, ist das die Höchstform von Zynismus und Menschenverachtung. Deutschland ist ein freies Land, in dem wir Meinungsfreiheit genießen. Die Entwicklungen der letzten Jahre finde ich jedoch alles andere als positiv: Fingerabdrücke im Pass, Gesichtserkennung, Kameras an jeder zweiten Ecke, Meldegesetz und zuletzt die neuen Regelungen zur Abschiebung. Von einer vermeidlichen Arbeiterpartei initiiert. Wohlfühlen sieht anders aus.

Das Wahlsystem ist auch so ein Thema. Alle vier Jahre dürfen wir unter vorausgewählten Kandidaten, die meist den Sympathiegehalt einer fauligen Kastanie haben, ein Kreuz setzten, worauf diese dann nach eigener Moralvorstellung und Fraktionsdisziplin handeln. Und wohin das führt, brauche ich nicht aufzählen. Die Nachrichten und die Geschichte sprechen für sich. Dabei ist es mittlerweile vollkommen egal, in welcher Partei man seinen Blödsinn treibt. Die Unterschiede sind nur noch marginal. Oder hätte jemand von euch der CDU zugetraut, die AKWs abzuschalten? Man muss flexibel bleiben. Wer braucht da schon feste Überzeugungen? Die Dogmen sind Geld und Macht.

Vielleicht sehe ich das zu schwarz oder radikal. Aber Sorgen kann man sich durchaus machen. Anarchie ist in meinen Augen die/eine Lösung. An dieser Stelle werde ich dann oft darauf hingewiesen, dass eine Anarchie nicht umsetzbar wäre, da es unvorstellbar ist, dass sich alle Menschen auf eine tatsächliche Basisdemokratie einigen. Das finde ich schon traurig genug, aber andere Voraussetzungen sind eine Grundbildung und ein ethisches Selbstverständnis, was ich in Zeiten von Talk- und Realityshows, Klingeltonwerbung, TikTok und sprachlichen Auswüchsen wie „Geiz ist geil“ leider nicht sehe. Wie sollen da Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Selbstverwaltung auch nur ansatzweise einen Weg finden? Freiheit und Selbstbestimmung werden mit Geld gleichgesetzt, die Gleichberechtigung haben wir natürlich schon längst und wer übernimmt schon gern Verantwortung? Also überlassen wir das den Profis in Berlin und anderswo. Fast alles Juristen. Und wie sagte bereits Ludwig Thoma: „Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand“.

Aber wäre eine Anarchie mit einer Utopie gleichzusetzen? Wer diese Frage mit „ja“ beantwortet, dem empfehle ich einen kurzen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen. In Teilen Spaniens und der Ukraine war sie Wirklichkeit. Während des Spanischen Bürgerkrieges (1936-39) wurde das Gebiet des heutigen Kataloniens anarchistisch geführt, frei nach dem Motto „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Es gab nicht mal Geld. Trotz Krieg, Armut und Lebensmittelknappheit gelang eine beträchtliche Steigerung der Produktion in allen Wirtschaftsbereichen. Doch durch die Einmischung der Kommunisten, den vermeidlich Verbündeten und später durch den Sieg General Francos, was nur mit der Hilfe von Hitler und Mussolini möglich war, konnte das Gebiet nicht gehalten werden. Tausende wurden erschossen, inhaftiert oder als „Terroristen“ gebrandmarkt.

Ähnliches geschah einige Jahre zuvor in der Ukraine während des russischen Bürgerkrieges (1917-22). Eine Partisanen- und Bauernbewegung mit anarchistischer Ausrichtung verbreitete sich zügig über den Südosten des Landes und konnte vergleichbare Erfolge aufweisen wie später die Genossen in Katalonien, obwohl man unentwegt gegen die zarentreue Weiße Armee kämpfte. Als die Bolschewiki ihre Macht in Russland gefestigt hatten, wandten sie sich 1922, wie später in Spanien, als vermeidliche Verbündete, letztendlich gegen die Anarchisten. Diese wurden auf dem gesamten Gebiet der Sowjetunion vernichtet oder vertrieben.

Es ist korrekt, dass die Gebiete weder so groß waren wie das heutige Deutschland, noch dieselbe Anzahl an Menschen beherbergten. Aber das sind die einzigen Argumente, die ich als „Schwierigkeiten“ für eine Umsetzung durchgehen lassen würde. Leider sind wir davon ohnehin weit entfernt, um nicht zu sagen, dass wir politisch eher in die entgegengesetzte Richtung rennen, angefangen beim europaweiten Rechtsruck der letzten Jahre.

Darüber hinaus gab es diverse Grundrechtseinschränkungen infolge von Corona, inklusive Ausgangssperren, die mir bis dahin lediglich aus repressiven Staaten oder Kriegsgebieten bekannt waren. Über die Wirksamkeit der Maßnahmen, lässt sich im Nachhinein definitiv streiten. Aber Politik und Medien hielten und halten am alten Narrativ fest, verhindern gar eine Evaluierung. Was viele Betriebe, Künstler und Selbstständige, aber auch Pflegekräfte erlebt, nicht nur finanziell verloren haben, ist ein eigenes Thema. Den Reichen scheinen diese Jahre eher entgegengekommen zu sein.

Aktuell herrscht eine beinahe euphorische Kriegsrhetorik, die unverantwortlich ist. Wenn man im Radio Sendungen zur Funktionsweise von Panzern sowie anderer Waffen hört und man mitbekommt, wie viel Geld dafür plötzlich vorhanden ist, nicht jedoch für gesellschaftlich relevante Bereiche, wie der Bildung, sollte dies Fragen und Sorgen aufwerfen.

Das trifft auch im kleinen Kreis zu, wie z. B. auf den neuen, digitalen Feudalismus, der in Form von Netflix und Co. Einzug ins private Wohnzimmer erhalten hat.

Angesichts dieser Entwicklungen, erscheint einem die Option „Anarchie“ vielleicht doch als sinnvoll. Zumindest sollte man sie in Betracht ziehen, auch in langsamen Schritten. Was hätten wir schon zu verlieren? Im schlimmsten Fall ist es kein Heilmittel, aber zumindest eine Kur.

Ob ihr in die Kästchen des Wahlzettels ein Kreuz macht, ein großes „A“ hineinschreibt oder es mit rosa Einhörnern bemalt: Es wird sich erst was ändern, wenn die Menschen mitdenken und sich für die Geschehnisse um sie herum interessieren.

Also bitte versucht, nach der neuen Folge Bachelor oder dem nächsten McDonald‘s-Besuch daran zu denken, eurem Geist auch andere Dinge konsumieren zu lassen.

Mir würde es schon reichen, wenn die Menschen sich wenigstens die Mühe machen würden, den Begriff „Anarchie“ nicht mehr zu schänden. „Anomie“ ist genau so kurz und noch dazu korrekt.

Wort, Ausdruck und Bildung fügen sich zu einer Entität, mit der man sich nicht nur Gehör verschaffen, sondern auch Fehler aufweisen kann.

Ich denke, also bin ich gefährlich.




I. J. Melodia *1985 in Padua (Italien), lebt in Freiburg (Breisgau), Magister Artium der Sinologie und Geschichte.

Vorsitzender von KeinVerlag e.V.

Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift neolith und 16 Seiten sowie des YouTube-Kanals 16 Minuten.

Mitorganisator des Zusammen/Kunst!–Kulturfestivals und dessen digitalen Ablegers, dem Kein/Kalender.

Auf Einladung Mitherausgeber der 63. Ausgabe des Dichtungsring zum Thema »Zorn« (Juni 2023).

Erster Lyrikband erscheint 2024.

Mehr auf: ijmelodia.com






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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