Es kommt der Tag des Gerichts

Wolfgang Weinlechner für #kkl36 „Anarchie“




Es kommt der Tag des Gerichts

„Sie trauen sich was. Sie fallen völlig aus dem Rahmen“, sagte der Richter.

Max stand vor dem Pult stramm, wie zuletzt vor dreißig Jahren vor dem Kompaniekommandanten beim Bundesheer.

Er hatte kaum auf sein Äußeres geachtet, als er wegen seiner Beschwerde vor dem Gericht erschienen war. Ein schwerwiegender Fehler. Das Gericht war irritiert, sowohl wegen seines Äußeren als auch wegen seiner Eingabe.

Der Richter war ein reiferer Herr in Max‘ Alter, von großer Ehrfurcht gebietender Statur. Sein langes graues Haar hatte er ganz der Tradition entsprechend zu zwei dicken Wikinger-Zöpfen gebändigt. Die Platin-Spangen mit Brillanten am Ende der Zöpfe betonten seine Würde.

„Was genau haben Sie sich dabei gedacht?“

Was hatte sich Max gedacht? Gar nichts. Er hatte nicht aufgepasst. Einem politisch korrekten Impuls gehorcht. Ganz spontan gehandelt. Er hatte einen impertinenten, um nicht zu sagen hoffärtig präzisen Schriftsatz verfasst. In wohlgesetzten Worten dargelegt, dass allnächtliche Ruhestörung gegen die Buchstaben der Hausordnung verstoßen würde. In einer Aufwallung von Trotz und wider besseres Wissen hatte er den Schriftsatz an die Hausverwaltung abgeschickt.

Seine Nachbar-Prolls ließen sich so etwas natürlich nicht gefallen. Sie beriefen auf der Stelle das Femegericht ein, and here we are, Scheinwerfer an, Kamera an, Aufnahme läuft.

„Herr Maximilian Muster“, begann der Richter. „Sie sind vierundvierzig Jahre alt, verheiratet, haben zwei Kinder?“

Max nickte.

„Von Beruf sind Sie…“ Der Richter blickte von seinen Unterlagen hoch, betrachtete Max kühl und forschend, als wäre er ein unerwünschtes Insekt. „…sind Sie stellvertretender Geschäftsführer einer Unternehmensberatung?“, fuhr er gedehnt fort.

„Das ist korrekt“, antwortete Max leise. „Noch. Ich mache gerade eine Umschulung zum Barkeeper.“

„Das hilft ihnen jetzt im Moment auch nicht weiter“, blaffte ihn der Richter an. Max fühlte, jetzt im Moment half ihm nur demütiges Schweigen. Folgerichtig hielt er den Mund und senkte den Blick.

„Was soll ich mit Ihnen anfangen?“ Der Richter seufzte. „Man muss Ihnen zugutehalten, dass Sie gegen kein explizites Gesetz verstoßen haben, doch es gibt ungeschriebene Gesetze. Einen Sittenkodex. Beschwerden zu schreiben ist ein Affront. Wie kommen denn ihre Nachbarn dazu? Die sich völlig im Rahmen des Üblichen verhalten haben, möchte ich gleich mal feststellen.“

‚Wie komme ich dazu? Ständig dieser Lärm!‘, wollte Max entgegnen, doch er verkniff sich diese Widerworte. Auch angesichts der Fernsehkameras, die jegliches Geschehen im Gerichtssaal penibel aufzeichneten.

„Sie sind ein Ärgernis“, fuhr der Richter fort. „Eine echte Spaßbremse. Außerdem: Im Wege einer Wertminderung des Wohnraumes wird sehr wohl ein Problem daraus, das gerichtliche Beachtung finden wird, wenn Ihre Nachbarn eine Zivilklage anstrengen. Klage-Hanseln, wie Sie, zersetzen die Basis unseres Zusammenlebens.“

Der Richter trug einen konventionellen Bikini aus Hermelin, die schwarzen Schwanzspitzen setzten würdevolle Akzente. Er füllte sein Oberteil mit schön geformten Bierbrüsten. Seine Brust war rasiert mit Ausnahme eines Bereiches, der den üppigen Haarschopf eines Tattoos, einer liegenden Schönheit bildete. Die Schönheit war nackt und hatte signifikante Ähnlichkeit mit der Schriftführerin. Die großflächige Tätowierung auf dem rundlichen Bauch des Richters, Justitia mit verbundenen Augen, mit Waage und Bierdose, wies ihn als Mitglied der Juristen-Bruderschaft aus. Die Füße des Richters steckten in groben, abgenützten Motorrad-Stiefeln. Die Stiefel hoben ihn zusätzlich hervor. Die anderen Beteiligten des Femegerichts trugen Sandalen oder Flipflops. Seine schwere, üppig mit Chrom-Totenschädeln, Messingflammen und Kristall-Dollarzeichen verzierte Harley-Davidson Fat Boy vor dem Eingang der Gerichtsbaracke, verlieh ihm endgültig seinen Status als Dominator dieser Gerichtsshow.

Der Staatsanwalt, ein wenig muskulöser, nervöser Spargel in klassischen Bermudas und einem konservativen Feinripp-Trägertop meldete sich zu Wort. Brust, Schultern, Hals zeigten Solarium-Bräune. Seine Rotgold-Panzerketten, die sich um seinen Hals drängten, zeugten von Konformismus. Bis auf ein §-Zeichen auf jedem Handrücken waren keine Tätowierungen zu sehen. Max hielt ihn für einen schwach getarnten Normalo.

„Diesmal lassen wir Sie vom Haken, Herr Muster. Nehmen Sie dies hier als Warnung. Aber ich rate Ihnen: Sparen Sie sich in Zukunft derartige Provokationen.“

Max nickte. Er würde sich hüten, weitere Beschwerden entgegen dem Zeitgeist zu schreiben.

„Verstehen Sie? Normal regelt man das anders. Man haut mal auf den Tisch. Man schreit herum. Burschen, wie wir, hauen sich auch mal in die Goschen, dann ist die Sache erledigt. Man wird nicht immer gleich offiziell. Wenn Sie so ein Beschwerde-Hansel sein wollen…“ Max schüttelte den Kopf. Sich mit den Sitten dieser neuen Zeit anzulegen war riskant. Bierdosen-dellenden Grillweltmeistern, die Gröl-Arien über ihren letzten Thailandurlaub schmettern, hatte er nichts entgegenzusetzen.

Die Schriftführerin blickte tadelnd und anklagend von der Richterbank zu im herab. Sie war ein fülliges älteres Mädel. Ihr roter Bikini schmeichelte ihren Kurven. Vor allem ihre Rückfront war spektakulär. Man sah die Spitzen ihres keltischen Arschgeweihs aus dem Höschen hervorblitzen. Der String betonte auf dezente Art ihre Hinterbacken, wie Max mit bewunderndem Blick feststellte, als sie leere Bierdosen vom Richtertisch räumte und sich dann zur Kaffeebar aufmachte. Max pfiff ihr nach.

„Na also. Geht doch“, brummte der Richter versöhnlich. „Noch ein Tipp für die Zukunft. Wenn Sie keinen unnötigen Stress erzeugen wollen, dann vermeiden Sie es, im Anzug und gar mit Krawatte hier vor mir zu erscheinen. Manchmal ist es ratsam, mit den Wölfen zu heulen, wenn Sie verstehen.“

Max Muster verstand nur zu gut. Moral musste sein. Selbstverständlich war es immer die Moral derjenigen, die gerade das Sagen hatten.

Political Correctness antäuschende Menschen in dreiteiligen Anzügen hatten die Bankenkrise ausgelöst. Aufsichtsratsvorsitzende in feinstem Zwirn verramschten Waffen in großem Stil, ließen die Meere leerfischen, bezahlten Thinktanks, um Atomkraftwerke, Kreuzfahrtschiffe, billige Flugreisen zu entschuldigen. Kühle Rechner im Business-Outfit maximierten den Shareholder-Benefit ohne jede Rücksichtnahme. Für einen zusätzlichen Cent Gewinn pro Turnschuh akzeptierten sie Erpressung und Prügel. Nicht gegen sich selbst, gegen die Gewerkschafter. Sharp Dressed Men and Women ließen Frauen und Kinder in Bangladesch in den Sweatshops schwitzen und bluten. Für das zehntel Prozent mehr Profit waren sie bereit, jedes menschliche, religiöse, ethische Gesetz in den Schmutz zu treten. Ein fetter Typ im Dreiteiler hatte die Welt mit alternativen Fakten überflutet und die USA in Rassenunruhen gestürzt. Für einen zusätzlichen Prozentpunkt in den Meinungsumfragen war er bereit gewesen, Milizen zu unterstützen, deren Hauptprogramm in der Beurteilung der Hautpigmentierung begründet war. Sein Nachfolger war schlimmer. Er verschickte bunte Grußkarten mit flotten Flugzeugträgern, winkte lässig mit Raketen, arbeitete intensiv am dritten Weltkrieg.

Anzugträger tranken Blut, fackelten den Regenwald ab, verbreiteten schlimmstes Finanz-Chaos, um ihre Interessen durchzudrücken. Ließen Frauen und Kinder sich nackt im Dreck wälzen, um ihre Produkte zu verkaufen. Hielten Impfdosen zurück, um die Marge hoch zu halten.

Tätowierte in Badebekleidung und Flipflops mit Hang zu Bier und Anarchie würden solche grausame, unethische, unmoralische, nur auf kurzfristigen Gewinn zielende Dinge niemals tun. Der Aufwand, aus der Hollywoodschaukel hochzukommen, wäre ihnen zu groß.

Die Welt wäre mutmaßlich ein besserer Ort, wenn tätowierte Prolls ein mächtiges Wörtchen mitzureden hätten.

Ganz klar, dass das Pendel in die andere Richtung ausschlagen musste. Unvermeidlich. Diesen gewissenlosen Schweinen im Anzug musste Bescheid gesagt werden. Klartext war nötig.

Reality-TV war nur der Anfang. Der Bachelor war nur der Anfang. Prince Charming

war nur der Anfang. Pop Up-Promotion in der FuZo war nur der Anfang. Next Top Werbe-Huren war nur der Anfang. Salz-Zucker-Fett-Todesspiralen-Convenience Food war nur der Anfang. Promi-Shopping-Life war nur der Anfang. Die Flatulenz Partei Österreichs war nur der Anfang.

Die tätowierte Bademoden-Leichtigkeit des Seins wird uns alle ereilen. Die meisten von uns werden dagegen nichts einzuwenden haben.




geboren am 15.9.1963 in Linz

aufgewachsen in Kirchberg-Thening

1982 Matura in Linz

seit 1982 in Wien

Verheiratet. Ein Sohn.

Studium Germanistik und Geschichte.

Schwarzplakatierer, Nachtwächter, Kellner, Müllwerker, Statist, Entwicklungszusammenarbeitswanderausstellungschauffeur, Fahrlehrer,

Charterskipper (Karibik, Mittelmeer)

Seit 2000 selbständig.

Schreiber von Geschichten, Gedichten und Romanen

Amateur in vielen Dingen.

Veröffentlichungen

2023 Der Essay über Künstliche Intelligenz Fragen und Antworten erscheint in der Anthologie „Die letzten Tage des menschlichen Denkens“, Wiener Verlag für Sozialforschung;

ISBN 978-3-99061-029-9

2022 Nun musst du dich entscheiden ist Preisträger des Literaturwettbewerbes „In Teufels Küche“ der Stadt Feldbach 2022 und erscheint in der gleichnamigen Anthologie.

2021 Judge Dreadnought erscheint im der „AnXt“-Anthologie des gleichnamigen Literaturwettbewerbes des muc Verlages, München; ISBN 978-3-9820886-2-4

2021 Die gute Stunde in der Anthologie „Mensch sein, Herz haben, sich empören!“ zu den 8. Berner Bücherwochen; Gesst-Verlag (D); ISBN 978-3-86685-861-9

2021 Wassertiefe in „Verlockung – Kleine Gaunergeschichten“ des Pohlmann Verlages, Bad Laer (D); ISBN 978-3-948552-17-6

2021 Stayin´ Alive erscheint in der Anthologie „Spiegel“ des gleichnamigen Schreibwettbewerbes des Schweizer Litac Verlages. ISBN 978 3 9524849 4 4

2021 Extreme Maßnahmen  ist der Siegertext März des Schreibwettbewerbs «Die Grossen Zwölf» des Literaturhaus Zürich und erscheint Ende des Jahres in der Anthologie zum Wettbewerb.

2021 Das Irving-Projekt (Auszug aus einem Roman, an dem ich arbeite) schafft es ins Best of Literatur zwischen den Hasen 2021 von Radio 889 FM Kultur, Berlin.

2021 Pietät Salut Geleitcorp.com schafft es in die freie Ausgabe „SPAM!“ der Literaturzeitschrift HALLER 17. ISBN 978 3 95765 249 2;

ISBN 978 3 95765 848 7 – E-Book

2021 Anton und Pünktchen erscheint in der Anthologie zum Literaturwettbewerb „Mein Hund… und ich“ im Papierfresserchen + MTM Verlag, Winnert (D).

ISBN: 978-3-99051-028-5 – Taschenbuch, ISBN: 978-3-99051-029-2 – E-Book

2020 Backdoor Man reiht sich in die Shortlist der Sparte Krimi der Berliner Wortrandale von Radio 889 FM Kultur, Berlinund erscheint 2021 in der Anthologie des Wettbewerbes.

2020 Lohengrin schafft es in der Sparte Queer auf die Longlist der Berliner Wortrandale von Radio 889 FM Kultur, Berlin.

2020 Die Geschichte Wer ist die Schönste im ganzen Land wird in der Anthologie Märchen für Erwachsene‘ des Verlages Textgemeinschaft veröffentlicht.

Textgemeinschaft (Hrsg.): Frühlingserwachen im Märchenland: Märchen für Erwachsene. Anthologie; Wiesbaden 2020. ISBN/EAN 978-3-7502-7054-1

2019 Die Geschichte Rätsel erreicht das Finale des Badener Literaturwettbewerbes ‚Zeilenlauf‘, wird mit dem dritten Platz preisgekrönt und erscheint 2020 in der Anthologie des Wettbewerbes.

Vision 05 (Hrsg.): Sammelband 2019. Baden 2019

2019 Die Literaturzeitschrift &Radieschen druckt die Kurzgeschichte Sie haben ihr Ziel erreicht in ihrer offenen Ausgabe.

Radieschen. Zeitschrift für Literatur (Hrsg.): Räuber und Gendarm. Wien 2019

2019 Geträumt wird beim OKAY-Literaturwettbewerb „3. Ybbser Schreibfeder“ preisgekrönt. http://www.okay-ybbs.at

2017 Aufnahme der Geschichte Löschen in die Anthologie des Literaturwettbewerbs Forum Land.

Forum Land (Hrsg.): Durst. Literatur aus Österreich. Wien; Österreichischer Agrarverlag; 2017. ISBN 978-370402501-2

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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