Martin A. Völker für #kkl36 „Anarchie“
Keine Freiheit ohne Gegenzauber
Es ist kaum möglich, mehr Neues zu schaffen, als dies lange vor uns die Alten, nämlich die antiken Dichter und Philosophen, taten. Könnten menschliche Leidenschaften stärker den Himmel und die Erde erschüttern als bei Homer? Wer will komischer sein als Apuleius in seinem Roman „Der goldene Esel“? Welche Fragen entlarven Scheinwissen besser als die des Sokrates? Wird eine:r so vermessen sein, den Weg zu sich selbst ohne Marc Aurel zu suchen? Wir können die Alten nur kopieren und wissen es nicht einmal. Das ist gut, weil wir wissend noch frustrierter wären als sonst. Auch das Doppelthema der Freiheit und Unfreiheit ist aus der Antike zu uns emporgewachsen. Wir tanzen auf den junggrünen Blättern dieser Urpflanze, blicken nach unten und können den Stamm sowie die Wurzeln nicht mehr erkennen. Oft habe ich den Eindruck, als ob das, was wir heute Freiheit nennen, die Alten das Chaos genannt haben. Schaue in die „Theogonie“ des Hesiod, oder richte einen besonderen Blick auf die „Metamorphosen“ des Ovid: Dort benennt das Chaos das Rohe und Ungeordnete, die im Widerstreit befindlichen Dinge, welche sich noch in samenartiger Vorform befinden. Alles ist da ohne Zusammenhang, nichts fühlt sich zugehörig, es ist überhaupt nichts vorhanden, was fühlen kann. Es liegt fernab der Natur des Universums, die Dinge und Vorformen der Dinge sich selbst zu überlassen, sie in ihrer Ungeschlachtheit, Grobkantigkeit und Verbindungslosigkeit zu vergessen. Es ist wahr, dass alles mit dem Chaos beginnt. Aber wäre da nicht eine Kraft, die den Streit schlichtet, die das Unförmige formt, das Ungeschlachte verschönt und in ein zivilisiertes Sein überführt, würde der Anfang zugleich das Ende bedeuten. Freiheit ist es nicht, wenn die Dinge bloß sich selbst umkreisen, sie hier und dort anschlagen und keinen Ruhepunkt, keine freundschaftliche Anziehung finden. Freiheit ist es nicht, wenn ausschließlich auf das eigene träge Gewicht geachtet wird, ohne das Gewicht der anderen tragen zu wollen. Im anarchischen Chaos herrscht die absolute Freiheit, eine Freiheit ohne Gegenpol und ohne Grenze, eine Freiheit, die gar nicht weiß, dass sie eine solche ist, die nicht weiß, was sie kann, was sie darf, was sie muss. Die absolute Freiheit ist ein Ich ohne Du. Diese harte Freiheit durchschlägt alles Weiche, welches sie doch beschützen sollte, damit es sich stärken und behütet fortentwickeln kann. Und wenn alles Weiche ebenso hart und durchschlagend werden möchte? Wer beschützt die Freiheit vor sich selbst? Das freiheitliche Chaos, wie du es bei den Alten mustergültig beschrieben findest, ist die Keimzelle aller Dinge und aller Geschichten, es muss vom Zauber der Unfreiheit berührt werden, damit es nicht zum Tod aller Dinge und zum vorzeitigen Ende aller Geschichten wird. Dass wir uns nicht falsch verstehen: Die Unfreiheit, die ich meine, ist keine, die den Schwachen unterjocht, weil er schwach ist und unterjocht werden kann. Sie kennt keine Sklaven, sie duldet keine Pushbacks, sie will nicht herrschen, sondern regieren, nachdem sie auf gleicher Augenhöhe beraten hat. Sie legt der Freiheit Zügel an, damit die Freiheit zu sich selbst kommt, sie ihre Grenzen und ihre Verantwortung, ihr Paradiespotenzial sowie ihre Zerstörungswut erkennen kann. Jedem Anfang des freiheitlichen Chaos muss ein Gegenzauber innewohnen. Ob Dichter wie Ovid die wahren Sachwalter dieser verzauberten Freiheit sind? Ja, weil sie auf anschauliche und mitreißende Weise die Freiheit mit der Humanität verbinden.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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