Hendrik Fischer für #kkl36 „Anarchie“
Warum die Schafe (wieder) mähen
Ursprünglich lebten nur Schafe auf der Wiese. Sie sahen für andere zum Verwechseln ähnlich, auch die Wiese sah fast immer gleich aus. Mal war sie etwas grüner, mal trockener, mal abgegrast. Immer wenn dies der Fall war, suchten die Schafe sich woanders Futter. Die Wiesen, die sie sich dann aussuchten, sahen eigentlich genauso aus wie die vorherige. Auch das Mähen, ihre Sprache blieb immer gleich.
Irgendwann kümmerten sich die Menschen um das Futter für die Schafe. Die Schafe mussten sich demnach nicht mehr auf die Suche begeben, um zu überleben. Zwar grasten sie immer noch Wiesen ab, nur war dies nicht mehr lebensnotwendig, viele machten es nur aus Gewohnheit oder auch Tradition.
All diese kannte das junge Schaf Humpty nur aus Erzählungen. Genauso ist es bereits mit anderen Tieren aufgewachsen, die auf der Wiese lebten. Früher soll es nur Schafe in dieser Gegend gegeben haben. Schon lange lebten Ziege, Widder, sogar Hühner mit auf der Wiese. Bis auf ein paar Streitigkeiten, die es wohl überall gab, lebten sie recht friedlich miteinander zusammen.
Es kam sogar zu einer gemeinsamen Sprache, ein Gemisch aus den Lauten aller Tiere, die auf der Wiese lebten.
Da sie nicht mehr darauf angewiesen waren, sich Futter zu suchen, hatten sie viel Zeit. Also unterhielten sie sich.
Irgendwann waren alle Gesprächsthemen aufgebraucht, so schien es. Über das Grün des Grases, die Klarheit des Wassers, die Weichheit der Wolle sogar über das Wetter schien alles gesagt zu sein.
Eines Tages begann einige Schafe und andere Tiere sich ein naheliegendes Thema zu unterhalten: die Sprache.
Humpty sprach wenig, war mehr in sich gekehrt und trug deshalb wenig zu diesem Thema bei. Es wunderte sich nur, wie leidenschaftlich manche Tiere sich darüber unterhalten, wenn nicht gar aufregen konnten.
Die meisten Tiere standen in Gruppen auf der Wiese und unterhielten sich über die Sprache der Tiere. Humpty aber ging seinen Gedanken nach und auf der Wiese hin und her, bekam aber trotzdem etwas von den Diskussionen mit.
Eines der älteren Schafe, es war älter, aber nicht eines der ältesten, rief besonders laut in die Runde.
Früher kannte die Schafe nur das Mähen und nichts anderes. Es habe die Schafe ausgezeichnet, kein anderes Tier konnte mähen. Es herrschte Ordnung, keine Anarchie wie heute, meinte dieses ältere Schaf.
Anarchie ist das jetzt nicht gerade, fand Humpty. In anderen Gruppen wurden zu einem diskutiert, dass z.B. weibliche Schafe anderes angesprochen werden sollten als männlich. Noch mal anders, wenn weibliche zu weiblichen und männliche von weiblichen. Die Tiere, die keine Schafe waren, sollten noch einmal anders angesprochen werden. Humpty blickte dabei nicht durch. In anderen Gruppen wurde nicht mehr diskutiert, es wurde verlangt, anderes zu reden.
Humpty verstand das alles nicht. Sie lebten doch alles in Frieden miteinander, wieso auf einmal diese Aufregung? Zwar blieb alles friedlich, niemand klaute den anderen sein Futter, aber der Ton, der in diesen Gruppen bereitet Humpty Bauchschmerzen.
Besonders aggressiv war der Ton der Gruppe, die forderten, so zu sprechen, wie früher:zu mähen.
Immer größer wurden die verschiedenen Gruppen, immer lauter ihr Geschrei; vor allem das Mähen.
Humpty trottete über die Wiese und grübelte weiter. Lag es daran, dass sie sich kaum noch um ihr eigenes Futter sorgen mussten, dass sie nicht wussten, was mit ihrer Zeit anzufangen? Warum konnten sie stattdessen nicht spielen oder sich über das Wetter unterhalten? Vielleicht lag es auch an etwas anderem. Solange er auch grübelte, Humpty kam auf keine Antwort.
Die Zeit verging, man konnte nicht sagen wie viel aber sie verging. Man konnte auch nicht sagen, ob die einzelnen Gruppen größer oder einfach nur lauter wurden. Humpty kümmerte sich nicht mehr darum, ging seiner Gedanken nach oder spielte ab und zu mit anderen Tieren. Irgendwann war es auffällig, dass immer weniger Tiere spielen wollten. Stattdessen diskutierten, redeten, mähten immer mehr und lauter. Manche Gruppen schlossen sich zusammen, obwohl es den „Mähern“ leichter gelang, sich zu vereinen.
„Die Sprach-Anarchie der verzogenen muss aufhören!“, war noch der netteste Ausruf, den Humpty wahrnahm.
Er versuchte sich rauszuhalten, das Gemähe und laute Rufen zu ignorieren, aber irgendwann konnte man es nicht mehr ignorieren.
Eines Tages sprach ein Widder zu ihm; rempelte ihn fast an. Er fragte Humpty direkt, ob er Mähen wollte oder nicht. Humpty schüttelte überrascht den Kopf, wollte gerade sagen, dass ihm das alles egal sei, bevor er aber seinen Mund aufmachen konnte, rempelte ihn der Widder erneut an und rief: „Du mähst gefälligst!“, und trappte davon.
Humpty war verstört und wusste nicht, was er tun sollte. Allerdings wurde dadurch selbst ihm klar, dass es nicht beim Diskutieren bleiben sollte.
Gewalt war immer öfter zu sehen. Mäher griffen andere Tiere an. Mit Vorliebe Nicht-Schafe allerdings auch Schafe.
Irgendwann war es allen zu viel und eine Abstimmung wurde veranschlagt.
Entweder mähen oder Sprach-Anarchie? An der Formulierung war klar zu erkennen, dass ein Mäh-Schaf diese Abstimmung formuliert hatte. Nach dem Vorfall mit dem Widder stimmte Humpty für die „Anarchie“. Er fand es zwar ziemlich kompliziert, auf die moderne Weise zu sprechen, wie es manche Tiere wollten und schon gar nicht wollte er, dass man gezwungen wurde, so zu sprechen, aber bevor alle gleich sprechen, war ihm das doch lieber.
Die Abstimmung viel knapp für die moderne Sprache aus. Die Freude war groß und Humpty war erleichtert. Er hatte die Hoffnung, dass die Gewalt weniger würde.
Das Gegenteil war der Fall Die Mäh-Schafe, Widder und wer sonst auf ihrer Seite stand, brachen in Gewalt aus.
Erst nach und nach, dann wurden ganze Gruppen angegriffen. Alle Versuche, sie zur Vernunft zu bringen, schlugen fehl. Die anderen bunt gemischten Tiere setzten sich zur Wehr; auch erfolgreicher, als die Mäher gedacht hätten.
Dann geschah das entscheidende, wodurch endgültig entschieden war, wie in Zukunft gesprochen werden sollte: Die Mäh-Schafe taten sich mit den Hunden zusammen.
Humpty wusste nicht, ob diese Hunde intelligent waren oder nicht, aber sie waren stark und sie liebten Befehle.
Als sie eines der alten Schafe als Befehlsgeber anerkannt hatten, wurden alle überwacht; wie sie sprechen. Sogar das Wort sprechen war verboten; es gab nur noch Mähen.
Das Gras schmeckte gleich, das Wetter war gleich, nur manche Spiele waren nun verboten, aber nicht die meisten nicht nur Spaß machten sie keinen mehr. Alles klang gleich. Schafe mähten nur noch und andere Tiere ließen sich kaum noch mit ihnen ein. Zu einem aus Angst vor den Hunden, zum anderen, weil die Schafe als dumm galten. Wie konnte es anders sein, wenn sie nur noch ein Wort können.
Humpty war wieder in seine Gleichgültigkeit verfallen. Nur manchmal träumte er noch von der alten Zeit, als jeder gesprochen hat, wie er wollte.
Selbst beim Träumen wurde er vorsichtig; nur ein Gedanke kam ihm zwischen all den Mähen in den Sinn:
Die Schafe argumentierten, dass früher alles besser war, auch das Mähen. Wenn aber vor kurzem noch sogenannte Anarchie herrschte, dann würde es diese Zeit irgendwann auch als früher gelten und zurückkehren.
Humpty träumte lächelnd weiter und mähte dabei noch ein bisschen.
Hendrik Fischer
Studium, Angewandte Philosophie und Historische Studien, Universität Duisburg – Essen
Industriekaufmann
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