Der Zerfall

Adalan Grebenuk für #kkl36 „Anarchie“




Der Zerfall

     Du nimmst einen Schluck Whisky, der nicht besonders gut runtergeht. Aber es ist teurer Whisky, und es wird für eine Weile der Letzte von guter Qualität sein. So wie die anderen Getränke auf der Karte. All-inclusive, aber unbezahlbar, sobald der Galaabend ein Ende findet, und man reuevoll sein Spiegelbild in der Kloschüssel betrachten muss.
     Du wischst dir den Schweiß von der Stirn und beobachtest die glücklichen Masken der anderen Gäste. Mach die Krawatte locker, es macht ohnehin keinen Unterschied mehr. Es ist gelaufen. Die Zahlen sind rot. Das Minus ist real. Dein Chef hat es dir am Telefon unmissverständlich klargemacht. Das Beileid deines Kollegen war höflich, aber nicht ehrlich. Nicht das Mitgefühl eines Freundes, den man schon seit dem Studium kennt. Eher eine heimliche Schadenfreude, dass endlich ein Platz freigeworden ist. Denn es gibt keine Freunde im Geschäft.
     Auf einmal ist das Wissen, dass deine Fiancée mit deinen Kollegen schläft doch nicht so irrelevant. Plötzlich fressen sich die Gedanken wie kleine Larven ins Gehirn, nachdem sie endlich geschlüpft waren. Es reicht nicht mehr selbst untreu zu sein. Nun war die Erkenntnis ein Versager zu sein unvermeidlich. Denn wenn das Liebesleben nicht läuft, dann die Karriere. Aber wenn sie auch nicht läuft? Weil man sein ganzes Leben lang damit beschäftigt war, die endlosen Treppenstufen hinaufzusteigen, um den Ausblick auf dem Dach genießen zu können. Und dann wird das Haus eingerissen, bevor man oben ankommt. Was nun?
     Dein Herz rast und du glaubst für einen Moment dich übergeben zu müssen. Du siehst die anderen anstoßen. Sie berühren sich beim Lachen. Schießen Selfies für ihre Eintagsexistenzen. Was würdest du nicht dafür geben, genauso eine giftige Fliege sein zu können wie sie? Hast du nicht schon alles gegeben? Dir kommt der Gedanke den schnellsten Weg aufs Dach zu nehmen und den Asphalt zu küssen. Der Gedanke ist so furchtbar einladend, dass du kurz lachen musst. Du merkst, wie eine Träne dein Auge verlässt, die du dir hastig mit den offenen Ärmeln wegwischst. Du weißt nicht mehr, wann du das letzte Mal geweint hast.
     Eine Gänsehaut bringt dich zum Schütteln. Der Geschmack einer Batterie liegt dir Mund. Es wird immer wärmer im Raum. Die Sicht verschwimmt ein wenig. Du fasst dir an den Hals und spürst den Ruhepuls.
     „Ist alles in Ordnung?“, fragt ein junger Gentleman. Ein sonderbares Tattoo auf dem Hals erhascht deine Aufmerksamkeit. Es scheint ein Eigenleben zu haben.   
     „Ja, alles in Ordnung“, sagst du heiser und stößt an sein Glas. Auch ein Whisky-Fan. Gemeinsam trinkt ihr einen.
     Er lehnt sich an die Bar und schaut sich im Raum um.
     „Heute haben viele Leute Geld verloren“, erklärt er.
     „Ach, ja?“, du runzelst die Stirn.
     „Schau dir die Maskerade doch genau an, wie langsam sie dahinschmilzt“, dann schauen dich seine eisigen Augen an „Auch deine ist so gut wie dahin.“
     Dein Atem stockt und du musst dich setzen. Die Lichter blenden und du kneifst die Augen zusammen. Dein Glas bläht sich auf, atmet wie ein lebendes Wesen. Auf der Haut bilden sich vertraute Muster, als würdest du mit einem Mikroskop hindurchsehen. Es überrascht dich, wie ruhig du bleibst. Die Tische sind schief. So wie die Stühle aussehen, dürften sie nicht stehen. Farben verschwimmen mit den Bewegungen im Raum. Die Musik dringt in dich ein. Auf einmal wirken die Menschen bedrückt, als seien alle vom selben Wahn getroffen. Ein Juckreiz hier, eine Allergie dort. Jemand bricht in unkontrolliertes Gelächter aus.
     Der junge Gentleman schüttelt den Kopf.
     „Es beginnt.“
     „Was beginnt?“, fragst du mühevoll, denn auch du kannst dich kaum noch auf dem Platz halten.
     „Der Zerfall. Für einen Moment wird der Schleier gelüftet und man wird hinter die Konzepte blicken“, er macht sich eine Zigarette an, „Es hält nicht lange an. Wird für mehr Verwirrung als Erkenntnis sorgen, aber für manche wird es reichen.“
     Dein Hemd ist mit Schweiß durchtränkt und klebt an deiner Haut. Du siehst wie andere Leute ihre Kleidung runterreißen. Ein alter Mann schreit auf und andere stimmen mit ein.
     „Für einen kurzen Moment werden sie alles verlieren“, sagt der junge Gentleman.
     Alles verlieren? fragst du dich. Was haben wir denn eigentlich? Warum besitzt jemand etwas? überlegst du.
     „Es ist ein Spiel“, antwortet der junge Gentleman, als lese er deine Gedanken, „So sind die Regeln, auf die wir uns eingelassen haben. Das ist Gesetz, das ist Staat, das ist Gott. Und es wird immer Blutopfer für den Gott geben müssen. Das lässt sich nicht verheimlichen, auch wenn die Menschen es geschafft haben dem gegenüber blind zu werden“, und du erkennst, dass du es versäumt hast über Los zu gehen.
     „Ich sehe, es wirkt bereits, also höre mir genau zu, denn wir haben nicht viel Zeit. Du hast sicher schon mal den Spruch gehört, dass eine Regierung dann am besten ist, wenn sie wenig oder gar nicht regiert, stimmts? Das ist eine Tatsache, die sich jeder rechtschaffene Mensch eingestehen kann. Nur Faschisten vermögen es gedankliche Sprünge zu machen, um anderes zu rechtfertigen. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Die Macht Gottes ist sehr überzeugend. Trotz des Eingeständnisses leben wir immer so weiter, immer schneller, immer schlimmer. Warum ist das so?“
     „Weil wir Angst haben?“ Tränen laufen deine Wangen runter.
     „Das ist richtig. Wer Angst hat, ist nur um seine Sicherheit bemüht. Es geht nicht um das Gemeinsame, sondern nur um den Einzelnen, um seinen Platz in der Gesellschaft. So bleibt auch die Kontrolle erhalten, genauso wie die Machtverhältnisse. Aber davon fange ich nicht an. Jeder weiß das, tief im Inneren. Aber es scheint nicht genug Bedarf nach Freiheit und Gleichheit zu geben. Du siehst, das System ist ein Uhrenwerk. Es läuft perfekt. Jedes Zahnrad greift in das andere. Es ist von Menschen gemacht, aber für Maschinen gedacht.“
     Ein nackter Mann wirft ein Glas gegen die Wand. Andere schreien und er schlägt sich auf seine glänzende Brust.
     „Was passiert hier?“, fragst du.
     „Konzentriere dich, es ist gleich vorbei. Du darfst jetzt nur nicht denken, dass die anderen das Problem sind. Es sind weder die Reichen noch die Armen. Diese Konzepte halten uns in Ketten. Die Hierarchie beginnt im Kopf. Dafür kannst du nichts. Es ist ein Instinkt. Jede Abweichung wird sich falsch anfühlen. Man wird dich für verrückt halten. Auch du wirst deinen Verstand anzweifeln. Sei gewarnt, auch das Konzept kann dich brechen. Aber genau dort findet die Revolution statt. Hier draußen wird nur Blut vergossen. In dir ist die Veränderung. Das Chaos ist furchterregend. Kein geistig gesunder Mensch wirft sich in den leeren Abgrund, ohne bedingungsloses Vertrauen. Die Vernunft hält dich zurück. Doch die Auflösung der Ordnung ist unausweichlich. Nur so entsteht Neues. Kindliche Neugier und den Mut kreativ zu sein. Mut zur Freiheit und Menschlichkeit.“
     Um dich herum sind die Leute auf allen Vieren. Auch auf dir liegt eine schwere Last, die dich zu Boden drückt. Als wärst du unter Wasser, kämpfst du gegen die Kräfte an, die dich letztlich in die Knie zwingen. Niemand hilft einander, da begreifst du: „Du redest von Anarchie.“
     „Wohl wahr!“, ruft der Gentleman und sein Tattoo geht in Flammen auf.
     „Das ist Selbstmord“, flüsterst du zitternd. Da ergreift er dich.
     „Der Selbstmord ist um dich herum, mein Freund. Aber tatsächlich müssen wir viele Tode sterben, um neu geboren zu werden. Wenn du lange genug gehst, fällt alles in sich zusammen. Das einzige Ideal, was bleibt, ist die Anarchie“, und lässt wieder von dir ab.
     Die Menschen stehen auf und nehmen sich an die Hand. Sie bilden einen Kreis, lachen und tanzen um euch herum. Von draußen sind Sirenen zu hören.
     Du schaust dich wie ein ängstliches Tier um. Da reicht der Gentleman dir freundlich die Hand und sagt: „Komm mit, und ich zeig’ dir, was sich hinter dem Vorhang versteckt.“
     Was tust du?




Adalan Grebenuk – Geboren am 18.07.1999 in Haldensleben, mit russisch-türkischen Wurzeln. Nach einigen Sinnkrisen entschied er sich seine ursprünglichen Karrierepläne aufzugeben und Sozialwissenschaften zu studieren. Nun lebt er in Magdeburg, wird von BAföG finanziert und arbeitet nebenbei als Paketbote, um ein zusätzliches Taschengeld zu verdienen. In seiner Freizeit schreibt er gerne. Dabei sucht er nach Symptomen, an denen der Einzelne und die Gesellschaft krankt. Vielleicht findet sich darin jemand wieder, so wie er sich in anderen Geschichten gefunden hat.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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