Daniel Büttrich für #kkl36 „Anarchie“
SHANE MACGOWAN UND DER GEIST VON LUKE KELLY
Manchmal bringt dich das Gespräch mit den Geistern auf einen neuen Weg
Paul
Ich steckte meinen Kopf durch den Türspalt und stieß einen lauten Pfiff aus. Das übliche Ritual uns zu begrüßen. „Ich bin kurz an der frischen Luft. Kann etwas länger dauern!“ Paul biss in seine Semmel und nickte. „Gute Mittagspause!“, nuschelte er mit vollem Mund und setzte einen leicht erstaunten Gesichtsausdruck auf. Ahnte er, dass ich ihn heute noch mit einer großen Sache überraschen würde? Paul und ich hatten ein gutes Verhältnis. Wir waren glücklich verheiratete Mitdreißiger und besaßen ähnliche Interessen: Fußball und Musik. Wir hatten also unsere Gemeinsamkeiten. Es ist vorteilhaft, einen Bürokollegen zu haben, mit dem dich Gesprächsstoff und ein geistiges Band verbinden. Da wir unterschiedliche Fußballvereine unterstützten, hatten wir noch kein Fußballspiel besucht. Dafür aber fünf bis sechs Konzerte! Das denkwürdigste Erlebnis bis hierhin war die rotweingetränkte Nacht mit den Bandmitgliedern der österreichischen Band Wanda gewesen. Wir waren irrtümlich für Staffmitglieder gehalten worden und hatten so Zugang zum Backstagebereich erhalten. Ein Umstand, der sich bald aufklärte und von den Wanda-Jungs mit Humor und dem Öffnen einer weiteren Flasche Wein aufgenommen wurde.
Ein angenehmer Bandkollege ist ähnlich bedeutsam wie ein sympathischer Bürokollege, dachte ich, als ich die Steuerkanzlei verließ. Und damit hatte ich die Brücke zu dem geschlagen, auf das ich mich bereits mental vorbereitete. Im Café um die Ecke wartete ein freier Tisch auf mich. Ich bestellte mir wie immer einen kleinen Espresso. Dann wählte ich mich ins W-LAN ein und tippte fiebrig die Ticketsale-Seite in die Browser-Adresszeile. Mein Herz schlug höher, als ich den Namen der Band entdeckte, die in meiner Stadt ein Konzert geben würde: The Pogues! Noch wenige Sekunden verblieben bis zum Verkaufsstart. Dann war ich verblüfft, als es losging und ich mich nicht in einer Warteschleife befand, sondern sofort Zugriff auf die Karten hatte. Das mochte daran liegen, dass der Berühmtheitsgrad der Pogues zwar immer noch hoch war, aber nicht an den der achtziger Jahre heranreichte, als die Band ihre größten Erfolge feierte. Ich bestellte zwei Karten, eine für mich und eine für Paul. Er hatte bald Geburtstag, und ich hatte das passende Geschenk gefunden.
Shane
Shane MacGowan! Alleine schon dieser typisch irische Name klang für mich vom ersten Hören an nach Kult. Sänger der Pogues, genialer Songwriter, Poet, Säufer, Sünder, Legende, Nationalheiliger. Ich hatte die Pogues erst im Studium entdeckt, nachdem die Band sich aufgelöst hatte und als Shane sich durch den Konsum von schweren Drogen in einer selbstzerstörerischen Lebensphase befand. Ich kaufte mir seinerzeit drei CD`s mit den bekanntesten Liedern. Diese lebendige, gelegentlich melancholisch klingende Musik begeisterte mich. Sie baute mich auf, wenn ich Liebeskummer oder Frustration nach schlechten Noten hatte. Sie brachte mich auf andere Gedanken, wenn ich alleine war. Denn diese Songs vertrieben durch ihre melodische Wärme die Einsamkeit. Dass ich ein ausgesprochener Fan der Pogues wurde, kann ich aber nicht behaupten. Dem Irish Folk fühlte ich mich stärker über die Dubliners verbunden, deren Schallplatten ich als Jugendlicher stundenlang gehört hatte und deren CD`s ich weiterhin gerne konsumierte. Shane MacGowan verlor ich schließlich sogar jahrelang aus den Augen, bis er eines Tages in meiner Stadt zum Konzert auftauchte…
Das Konzert
Wie Kinder auf die Weihnachtsgeschenke freuten wir uns auf die Pogues und rutschten in der S-Bahn nervös auf unseren Sitzen hin und her. Es war ein herrlicher Sommertag. Zu unserer maximal entspannten Stimmung trug auch die Aussicht bei, am nächsten Tag, einem Samstag, ausschlafen zu können. Um nicht in der Schlange an der Theke zu stehen, waren wir bewusst frühzeitig von der Arbeit aufgebrochen. Was den Alkohol betraf, waren Paul und ich gleichermaßen moderat. Wir achteten auf unsere Figur und die Beziehung zu unseren Ehefrauen. Heute hatten wir jedoch die feste Absicht, anlassbezogen eine kleine Ausnahme zu machen. Und so steuerten wir im Veranstaltungssaal als Erstes auf den Getränkestand zu und bestellten zwei Bier in Pappbechern. Wir stellten uns in die Mitte, um den Rundumblick zu genießen. Allmählich trafen die Besucher ein und der Sall füllte sich. Sämtliche Generationen zog es zu den Pogues. Von der jugendlichen Punkerin über den verbeamteten Lehrer mittleren Alter bis hin zum verrenten Alt-Achtundsechziger war alles vertreten. Wir gehörten zur Kategorie der biederen Steuerberater.
Die Vorband war langweilig. Ich erinnere mich nicht einmal mehr an ihren Namen. Paul und ich unterhielten uns wie der Großteil des Publikums weiter in der konzertüblichen Mund-an-Ohr-Weise. Nach dem Auftritt der Vorband holten wir uns ein weiteres Bier für den Höhepunkt des Abends.
Dann erlosch das Licht im Publikum, gefolgt von den obligatorischen Freudenschreien, und die Pogues betraten die Bühne. Nach den anderen Bandmitgliedern torkelte aus dem Halbdunkel eine zahnlose Figur mit wilden Haaren heraus: Shane. „Good evening!“ krächzte sie ins Mikrofon. Dann setzte „Streams of Whiskey“ ein, neben „A Pair of Brown Eyes“, „The Sick Bed of Cúchulainn“ und „Tuesday Morning“ eines meiner Lieblingslieder. Ich spürte den angenehmen Geschmack des Bieres auf der Zunge und freute mich, mit Paul einen guten Freund an meiner Seite zu haben.
Kurz nachdem wir unsere leeren Pappbecher beinahe synchron fallen ließen, um uns locker zur Musik bewegen zu können, stieß mir Paul leicht den Ellenbogen in die Seite. „Boat Train! Lass uns pogen!“, forderte er mich auf, und schob das dreimal lautstark ausgerufene Wort „Anarchie!“ nach. Er musste mich nicht lange bitten. Wir drückten uns durch die Menschenmenge nach vorne, bis wir in der pogenden Mitte angekommen waren. Paul begann sofort, wie ein Jungspund mit den 20-jährigen um uns herum aufgekratzt herum zu springen. Mir kam aber plötzlich ein Bild aus meiner Schulzeit in den Sinn: In einer Sportstunde erschien der Lehrer später zum Unterricht, und unsere Klasse hatte begonnen eigenständig Fußball zu spielen. Es war ein wüstes Geschubse und Gebolze. Und ich stand befangen am Rand und schaute zu. Ich blickte schließlich zur Tür in der Hoffnung, dass der Lehrer endlich kommen möge. In der Schulzeit schätzte ich die ordnende Hand der Lehrkraft. Ich vertraute der Autorität und fühlte mich in der Gegenwart von Lehrern wohl. Ich war ein angepasstes Kind. Dann bekam ich den Ball mit voller Wucht gegen das Gesicht… Die Mitschüler lachten. Ich fiel leicht benommen zu Boden. Als ich wieder aufstand und sah, dass mein Zustand dem kaum zu bändigenden Haufen von Mitschülern gleichgültig war, standen mir Tränen in den Augen. In dieser Erinnerung versunken stand ich nun einige Meter abseits und nickte zum Takt. Shane stieß auf der Bühne einen Urschrei aus. Zu Beginn von „Repeal of the Licensing Laws“ zog mich Paul weiter nach vorne. Ich vergaß meine Jugend, besann mich auf meine Fitness und sprang quietschfidel mit ihm über die Tanzfläche. Das löste meine vorübergehende Anspannung und befreite mich von sämtlichen Komplexen! Als mit „Lullaby of London“ wieder Ruhe einkehrte, bemerkte ich, dass ich meinen linken Schuh vermisste und halbseitig nur noch auf Socken stand. “Fuck! Mein Schuh!“, brüllte ich und zeigte Paul das Malheur. Im nächsten Moment sah ich aus dem Augenwinkel einen Gegenstand durch die Luft fliegen und neben Shane auf der Bühne landen. Dessen Kopf drehte sich mehrmals hin und her, bis ihm klar wurde, dass soeben ein größerer Gegenstand auf die Bühne geschmissen worden war. „Here is a shoe!“, sprach er ins Mikrofon. „Come on, here is a shoe!“. Ich bahnte mir den Weg durch das Publikum, erklärte dem Ordner den Sachverhalt, stieg über die Absperrung und kletterte auf die Bühne. Ich erhielt Szenenapplaus. Da stand ich nun. Direkt vor Shane!
Die Verwandlung
„Is it your shoe?“, fragte Shane.
„Yes, it is.“
Ich bückte mich und zog den Schuh an. Die Band beendete gerade „Lullaby of London“. Als ich mich hastig daran machte von der Bühne zu gehen, hielt mir Shane das Mikrofon vor die Nase.
„Sing something!“, forderte er.
Dann geschah ein Wunder. Vor mir erschien der legendäre Luke Kelly, das früh verstorbene Bandmitglied der Dubliners, oder besser gesagt sein Geist. Er lachte mir zu und sprach: „What about Raglan Road?“ Daraufhin kam er auf mich zu und umarmte mich.
„Raglan Road!“, artikulierte ich. Ich sang, und die Band begleitete mich so gut es ging:
„On Raglan Road of an autumn day I saw her first and knew
That her dark hair would weave a snare that I might one day rue
I saw the danger, and I passed along the enchanted way
And I said, let grief be a fallen leaf at the dawning of the day“
Ich sang das Lied, dessen Lyrics ich nie zuvor auch nur ansatzweise auswendig gekannt hatte, in voller Länge. Im Anschluss umarmte mich Shane. Unter tosendem Beifall verließ ich die Bühne.
Eine Woche nach dem Konzert begann ich, meinen ersten Gedichtband zu schreiben. Am Ende des Jahres fand ich einen mittelgroßen Verlag, der ihn veröffentlichte. Eineinhalb Jahre später beendete ich meinen zweiten Gedichtband. Dieses Mal fand ich einen angesehenen Verlag, der ihn herausbrachte.
Inzwischen gehe ich auf Lesetour. Das Schreiben ermöglicht mir einen ordentlichen Nebenverdienst. Mein lyrisches Ich ist mir näher als mein steuerberatendes Ich. Und das, obwohl ich vor dem Konzert kaum einen Schimmer von Literatur gehabt hatte! Was soll ich sagen? Ich bin ein glücklicher Mensch. Ein glücklicherer Mensch als früher. Ich habe etwas gefunden, dass mich komplett erfüllt. Dank des Geists von Luke Kelly, und auch dank des Geists von Shane MacGowan. Denn ohne den Geist von Shane wäre der Geist von Luke nicht erschienen, da bin ich mir sicher.
Nachklang
Wenn ein Mensch seinen Kern findet und mutig genug ist ihn zu zeigen, dann ist das ein glücksnaher Lebensentwurf. Das Wesentliche wird kaum gesagt. Es wird geschrieben oder gefühlt. Shane hat seinen Kern irgendwann zum Ende seines Lebens gefunden. Das Wesentliche hat er geschrieben und gesungen. So kann, wenn die Wege günstig sind, eine „beautiful soul“ geboren werden. Und das ist Shane.
Möge die Straße Dir entgegeneilen,
möge der Wind immer in deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich im Frieden seiner Hand.
(Irischer Segenswunsch)
Daniel Büttrich, geboren 1978 in München, nach Abitur und Studium Gang in den öffentlichen Dienst. Studiert derzeit neben der Arbeit im Fernstudium Rechtswissenschaft. In der Freizeit schriftstellerisch tätig. Veröffentlichungen von Gedichten und Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien. Liest gerne, Faible für Außenseiterfiguren und Randexistenzen. Besonders wertgeschätzte SchriftstellerInnen: Tove Ditlevsen, Roberto Bolano, Franz Kafka, Thomas Bernhard.
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