Felix Geiser für #kkl36 „Anarchie“
Anleitung zur Entropie
1. Erstellen Sie eine Gruppe auf einer Anonymität gewährleistenden Plattform ihrer Wahl. Vergeben Sie einen unterhaltsamen, aber vagen Namen, etwa Entropie Jippie! oder Anleitung zur Entropie. Lassen Sie die Gruppe anwachsen durch Einladungen von Freunden und Freundesfreunden. Eine unüberschaubare Anzahl von mehreren hundert Mitgliedern ist erstrebenswert. Der ideale Zeitraum für die Aktion ist ein Samstagnachmittag im Sommer, an dem auch andere Großereignisse wie etwa Fußballspiele oder Freiluftkonzerte stattfinden, die einen möglichst großen Teil der staatlichen Sicherheitskräfte einspannen.
2. Als Treffpunkt eigenen sich größere Parkplätze in der Nähe des Objekts Ihrer Wahl. Beispielsweise kommen Möbelhäuser enormen Ausmaßes dafür in Frage. Die Regeln sollten vorab über die Gruppe kommuniziert werden, auch wenn sich die Aktion in den meisten Belangen durch die Abwesenheit eines Regelwerkes auszeichnet. Diese Regeln könnten etwa lauten: Keine Gewalt gegen Menschen, keine Aussagen gegenüber der Polizei.
3. Wenn es soweit ist, mischen Sie sich unter die Menschen, die dem Aufruf über Ihre Gruppe gefolgt sind. Sie werden erstaunt sein, wie viele es sind und wie kreativ sie sich in Schale geworfen haben. Die Teilnehmenden tragen Tierkostüme und Lack-Outfits, Abendgarderobe und Blaumänner, Fetisch-Klüfte, und sogar die Arbeitsuniform ebenjenes Möbelhauses könnten vertreten sein. Sie merken schon jetzt, wie die Stimmung langsam zu Brodeln beginnt und es zu spät für einen Rückzieher ist. Ob Sie nun den Impuls geben oder nicht, die angesoffene, teils durchgefeierte, übermüdete und aufgebrachte Menge giert darauf, dass etwas passiert. Sie schreiben die Nachricht in die Gruppe: Es geht los! Erfüllt euch die Kindheitsträume, die Kapitalismus und Konvention euch genommen haben.
4. Die lärmende Meute setzt sich in Bewegung, steuert auf das Möbelhaus zu und walzt sich durch die überdimensionierten Drehtüren, verstopft das Eingangsfoyer und die Rolltreppen in den ersten Stock, wo die SchlafzimmerAbteilung anfängt.
Die Kunden des Möbelhauses werden verdutzt gucken. Vielleicht werden sie die anrollende Gruppe für eine Werbeaktion des Konzerns halten. Kinder, die nicht mehr ihr Eis essen, sondern mit großen Augen den Menschen nachsehen, die anfangen, auf die Betten zu steigen und rumzuspringen. Bald sind die ersten Angestellten des Möbelhauses zur Stelle und rufen, man solle aufhören! Der Zorn weicht bald Ratlosigkeit, denn niemand wird sie beachten.
5. Dann fliegt das erste Kissen. Es ist unerheblich, ob Sie dabei zum Agitator werden, denn sonst wird es jemand anders übernehmen. Eine Kissenschlacht gigantischen Ausmaßes entsteht und bald ist die Luft erfüllt von Federn und Fetzen. Hunderte Kissen in allen denkbaren Farben und Formen fliegen herum. Sie könnten daran teilnehmen oder anderweitige Impulse geben, warum nicht etwa von Schränken aus auf weiche Matratzentürme springen oder Wrestling-Matches auf Sofalandschaften veranstalten? Die Möglichkeiten sind im Grunde nur durch Ihre Phantasie begrenzt.
6. Nun geht es darum, das sich ausbreitende Chaos zu orchestrieren. Die Aktion soll ausarten, dabei aber möglichst lange Bestand haben.
Die Waren, die sonst in Einkaufswägen und -Körben landen, werden plötzlich zu Protagonisten eines hedonistischen Rundumschlags zur Befreiung aus konsumistischen Gepflogenheiten.
Vielleicht hören sie Sektkorken knallen, verschiedene Gruppen fangen an, der-Boden-ist-Lava zu spielen und dabei eine Spur aus umfallenden Möbeln und herunterstürzenden Dekor-Elementen zu hinterlassen. Vasen namens Bløm, Hyff oder Fahrenvar zerschellen auf dem grauen Estrichboden in tausend Stücke. Wer wollte noch nie Dosenwerfen spielen mit dem Ziel einer aus dutzenden Weingläsern gebauten Pyramide? Doch die entstehende Entropie, das Spektakel ist so viel mehr als die Summe seiner Teile.
7. Nun ist ihr Moment gekommen, was wollten Sie schon immer tun?
In ein Attrappenklo pissen? Die Tischdecke eines festlich eingedeckten Tisches ruckartig wegziehen oder Wanduhren als Frisbees benutzen?
Heute ist der Tag dafür gekommen. Sie sind gewillt, oder sollte man sagen gefährdet, ins Staunen zu verfallen. Transzendenz des Chaos, Konsequenz des Rausches. Folge der quasireligiösen Ersatzhandlungen im Namen des heiligen Konsums und der künstlich erzeugten Bedürfnisse.
8. Auf ihrem Weg durch die Wohnzimmerabteilung werden sie Höhlen und Kissenburgen von ungeahnten Ausmaßen entdecken. Die Grenzen zwischen Besuchern und Besoffenen werden im Exzess brüchig werden, so wie sich auch die Pressspanmöbel als wenig stabil entpuppen, unter den vielen neu erfundenen Disziplinen, wie Lampenweitwurf und Bürostuhlrennen, die allerorts neu erfunden und erdacht werden. Mitten ins Getöse mischt sich dann plötzlich ein unwillkommenes Geräusch. Wenn sie die Sirenen vernehmen, sollten Sie die nächste Phase einleiten: ungeordneter Rückzug, Chaos und Flucht.
9. Das gute am warenwirtschaftlichen System ist ja gerade, dass eine Teilnahme derart einfach gemimt werden kann. Sie müssen sich lediglich einen der inzwischen überall herrenlos rumstehenden Einkaufswagen schnappen und nach Belieben noch ein bisschen billigen Ramsch einladen.
Anschließend bewegen sie sich zielstrebig Richtung Kasse, immer schön den Pfeilen auf dem Boden folgend. Nun kommt es auf den richtigen Gesichtsausdruck an. Entsetzt sollten sie aussehen, aber trotzdem gierig, während sie die billigen Artikel auf das Kassenband legen und dann bei der verstörten Verkäuferin bezahlen.
Auf dem Parkplatz wird vermutlich eine Armada von Polizeifahrzeugen stehen, Beamte werden Sie anhalten und misstrauisch sein, aber der Kassenzettel für die Waren, die Sie in einer übergroßen, blauen Plastiktüte unter dem Arm tragen, wird dafür sorgen, dass sich der Anfangsverdacht nicht erhärtet, dass man Sie ohne weitere Fragen ziehen lassen wird.
Felix Geiser, geboren 1991 in München, schreibt kurze und lange Prosa sowie Essays. Seine Texte wurden bereits in verschiedenen Anthologien und anderen Medien veröffentlicht. Er war Redaktionsmitglied bei Litradio und Mitherausgeber der Anthologie REIZÜBERFLUTUNG. Nach einem Soziologiestudium lebte er einige Zeit in Barcelona und Mexiko-City, bevor es ihn für den Master Literarisches Schreiben und Lektorieren nach Hildesheim verschlug. 2020 bekleidete er das Amt des Schwazer Stadtschreibers und 2021 erhielt er das Neustart Kultur-Stipendium für Literatur. 2023 verbrachte er einen Aufenthalt in der Kunst-Eremitage Rietzer Berg. Derzeit arbeitet er an seinem ersten Roman.
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