Ingrid Maestrati für #kkl36 „Anarchie“
Sozialer Wandel
Karl Müller, engagierter Jugendrichter, liebte Texte über die Evolution: alles ging fast lautlos vor sich. Neue Mutationen entstanden per Zufall. Viele wurden ausgesiebt und einige wuchsen langsam zu neuen Mutanten heran. Im Übergang entstand eine Gemeinsamkeit von alt und neu, bevor die Neuen sich aufgrund höherer Effizienz durchsetzten.[1]
Und im Sozialbereich?
Vorherrschende Wirklichkeitsinterpretationen lieferten sich Gefechte mit neuen Theorien. „Forscher sind verfolgt worden“, dachte er „und auch hier gab es Übergänge, die zu einem Paradigmenwechsel geführt hatten.“[2]
Wissen ging zusammen mit Macht und das konnte bedeuten, dass unschuldige Menschen auf dem Scheiterhaufen starben.
Wo war das Recht, wo die ewige Wahrheit universaler Gesetze? Wurden sie in jeder Generation neu interpretiert?
„Sprachregelung“ fiel ihm ein – Propaganda. Das war nicht einfach ein Slang mit neuen Modeworten, sondern bewusste Volksverdummung.
„Sanft, fast unbemerkt wird sie eingestreut oder aber eingehämmert, wenn alte Wörter und ihre Werte ausgegrenzt werden.“ Werner, ein Richterkollege, mit dem Karl gerne diskutierte, hatte von den verheerenden Folgen dieser Sozialtaktiken gesprochen. „Wenn du erst mal als Böser bezeichnet und ausgegrenzt wirst, dann bist du der Gesellschaft nichts mehr schuldig.“
Mitten in der Gesellschaft war eine Spaltung von innen und außen entstanden und aus diesem „Außerhalb“ konnte Kriminalität oder politischer Anarchismus entstehen. Konnte daraus Neues entspringen – und wie?
Karl dachte an biologische Evolution: Zufällige Fehler bei der Zellerneuerung bringen individuelle Unterschiede hervor, die über geglückte Umweltanpassung und Vermehrung zu dominanten Mutanten werden können – eine „historische Einzigartigkeit lebender Systeme, die über Gesetzmäßigkeiten der Physik oder Chemie nicht zu erklären war.“[3]
„Du bist schon wieder auf dem höchsten Niveau“, antwortete Werner lachend.
„Aus kleinen Sprüngen kann die Evolution große machen“, sinnierte Karl „und bei Gesellschaften?“
„Bei Menschen ist das anders“. Werner sprach jetzt von zwei Arten zu leben: „Wir können auf äußere Umstände blind reagieren – über Wut, Kriminalität oder politisches Chaos, das den Boden für Neuerungen vorbereiten kann. Und gleichzeitig können wir als denkende Menschen neue Ansichten in die Welt hineintragen und über Macht fixieren“.
Karl wurde unruhig. War das immer noch das Recht der Stärkeren? Aber jetzt waren zwei verschiedene Menschentypen am Werk: die Wissenden und die Mächtigen.
„In Gesellschaften gibt es Revolutionen“. Werner sah das so: „Manchmal verändern bahnbrechende Erfindungen unsere Welt in kürzester Zeit, bringen neue Lebensgewohnheiten, Werte, Vor- und Nachteile mit sich und die Folgen sehen wir erst viel später.“
Bei politischen Revolutionen „wird das ganze System zerstört und dann ein neues aufgebaut, ohne dass sichergestellt ist, ob dieses sich später auch tatsächlich als funktionstüchtig erweisen wird“.[4]
Karl wollte diesen Gedanken weiterführen. „Sind wir nicht dabei, uns zu verrennen? Trotz Demokratie und allgemeinen Menschenrechten haben wir eine beängstigend anwachsende Kriminalrate.“ Er sah dieses „Außerhalb“ auf allen Ebenen. Gegenseitiges Ausgrenzen sozialer Gruppen ließ kaum noch offene Diskussionen aufkommen. „Wir haben das Denken und Sprechen verlernt.“
Früher war dieses „Außerhalb“ für politische Gegner reserviert, die nach ihrem Heldentod heiliggesprochen wurden, um das schlechte Gewissen zu verdrängen. Werner hatte recht: Schuldig waren immer die anderen. Aber jetzt ging es doch um das Fußvolk, ihre tägliche Kundschaft. Soziales Ausscheren, aus dem Netz fallen und am Rande vegetieren – und dann Kinder die ausflippen, ohne bewusstes Dagegenhandeln, einfach so…
Sie sprachen über den Fall eines Zwölfjährigen, der bereits jemanden umgebracht hatte. Er wurde in eine geschlossene Anstalt für Jugendliche überwiesen, aus diesem „Außerhalb“ herausgeholt in eine sich strukturierende Gruppe – über Sport, Nachhilfeunterricht, aufmerksame Erzieher und Psychologen. Besuche oder Kontakte mit den Eltern und früheren Freunden waren verboten.
Richter Müller bearbeitete jetzt einen neuen Fall: Ken Barbet, zweifach vorbestraft mit Bewährungsstrafen von jeweils einem Jahr und einer Auflage zu einer Therapie, die erst beim zweiten Mal eingehalten wurde.
Er sei Anarchist und kämpfe für alle Unterdrückten, hatte Ken erklärt. Ein Held der Gerechtigkeit? Ein moderner Robin Hood, der gewalttätig wurde, weil dies die einzige Sprache sei, die noch gehört werde?
Laut Lebenslauf war sein Vater seit Jahren arbeitslos, die Mutter auf Drogen. Ken war aus mehreren Schulen abgedriftet, einfach nicht mehr zum Unterricht erschienen. Mit 14 Jahren war er zum ersten Mal verurteilt worden, wegen mehrfacher Erpressung seiner Mitschüler. Seine Eltern waren vorgeladen worden, ohne zu erscheinen und Ken hatte erklärt, dass sie sich nicht mehr um ihn kümmerten. Sein Bruder bestätigte, dass Ken das Geld seinen Eltern gegeben habe.
Ein paar Monate später wurde er dabei erwischt, wie er alte Leute in Tiefgaragen belästigte und bestahl. Während seiner Bewährungsstrafe musste er sich jeden Monat bei der Polizei melden. Die verordnete Therapie wurde eingehalten.
Und jetzt sein neues Delikt – ein missglückter Banküberfall.
Mit einer Covidmaske war er eingelassen worden, fuchtelte vor den Kameras mit einer Pistole herum, zwang zwei Kunden, ihm ihre Kreditkarte plus Code auszuhändigen und bedrohte eine Oma, die laut um Hilfe rief und nicht mehr zu beruhigen war. Sehr schnell hatten ihn zwei zivile Sicherheitsbeamte überwältigt.
Während der Verhandlung gefiel sich Ken als Bürgerschreck. Er habe noch nie ein Bankkonto besessen, sein Geld habe nie dazu gereicht.
„Kein Schulabschluss, keine Berufsausbildung“, hatte Richter Müller geantwortet. „Sie sind durch alle Raster gefallen“.
Das sei die Schuld der Gesellschaft, die Leuten wie ihm keine Chance gäbe, war die Antwort von Ken. Er wähnte sich als Held.
Wo denn sein Bruder sei, der ihn bei den früheren Verhandlungen begleitet habe, wurde er gefragt.
Das sei ein Streber, meinte Ken. Er habe sich durchs Abi gemogelt und studiere jetzt Soziologie mit einem Stipendium.
„Und er ist nie straffällig geworden“. Ken reagierte wütend auf diesen Einwand des Richters.
Sein Bruder habe es auf eine andere Tour versucht, nach oben zu kommen, sagte er. Verhätschelt worden sei er, als leuchtendes Beispiel gegen seinen bösen Bruder. Er habe ganz einfach die Fronten gewechselt, dieser dumme Aufsteiger.
War Ken ein Anarchist? fragte sich Richter Müller.
Anarchisten sind gegen offizielle Regeln und erfinden sich ihre eigenen. Ken hatte keine und das machte ihn abhängig von seinem Milieu. Er musste erst einmal lernen, ein wenig Abstand zu gewinnen, statt ständig auszurasten.
Ken brauchte Grenzen, Respekt und neue Starthilfen, um Fuß zu fassen. Das konnte er in einer geschlossenen Anstalt erarbeiten. Erst wenn andere ihm zuhörten und ihn respektierten, konnte er sich selber liebhaben.
Also das Gegenteil von Rügen und Strafen. Keine Gewalt, die nur Gegengewalt erzeugt – ohne Ende.
Die nicht respektierten Bewährungsstrafen wurden zu Gefängnisstrafen umgewandelt und eine zweijährige Zusatzstrafe zur Bewährung ausgesetzt: unter der Bedingung, dass die Resultate der geschlossenen Anstalt es rechtfertigten,
Ken war damit einverstanden.
[1] Manfred Eigen, Ruthild Winckler: Das Spiel – Naturgesetze steuern den Zufall, Serie Piper 1987, S. 186
[2] Th. S. Kuhn: La structure des révolutions scientifiques, Flammarion 1970, S. 140
[3] Bernd Olaf Küppers: Der Ursprung biologischer Information, Serie Piper 1991, p. 84-85
Mit einem Zitat von Christine und Ernst von Weizsäcker
[4] M. Eigen, R. Winckler, idem, S. 186

Ingrid Maestrati
Jahrgang 1945. Mehrere Lebensphasen:
Arbeit im Tourismus/Weltreisen,
Auslandsposten über das Auswärtige Amt in Myanmar und Paris,
Fünf Jahre in Griechenland mit meinem Mann,
Studium: Philosophie und Psychologie in Paris,
Arbeit als Psychologin in Paris, in der Industrie und bei Gerichten,
Ein französisches Sachbuch in Vorbereitung,
Mein Buch: UNTERWEGS – Erinnerungen ISBN 978-3-03883-084-9, 2019,
Mehrere veröffentlichte Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften
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