Bernhard Horwatitsch für #kkl36 „Anarchie“
Anarchie
„Die rechtmäßige Regierungsgewalt ist immer unvollständig. Nie wird es einen wirklich freien und aufgeklärten Staat geben, solange sich der Staat nicht bequemt, das Individuum als größere und unabhängige Macht anzuerkennen“ (Henry D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat)
Der Mann deutete schweigend, wie es die Art der Leute aus dieser Gegend war, auf die andere Seite des Wassers.
„Dort?“, fragte Hamilton nach. „Sind sie dort? Auf der Isle?“
Der Mann mit der Schiffermütze nickte.
„Wie viele sind es? Mehr?“
Aber der Fischer sagte nichts mehr, nickte nicht, ließ nur seine Hand sinken und sah Hamilton an. Verschmitzt? Schwer zu sagen. Ein wenig glänzten seine Augen. Aber das raue, von der See zerfurchte Gesicht ließ keinen Rückschluss zu. In diesem Gesicht konnte man nicht lesen, nur versinken. Hamilton nickte. „Ist gut“, sagte er, gab dem Fischer einen Geldschein und klopfte ihm auf die Schulter. Der Fischer steckte den Schein ein, nicht ohne ihn vorher glatt zu streichen. Hier draußen hatten die Leute noch Ehrfurcht vor dem Geld.
Hamilton rief seinen Chef an, um ihm zu berichten, dass er sie gefunden hatte.
Hamilton arbeitete für die Firma Yanaka-Rob als Eintreiber. Seit dem Tag X kam es regelmäßig und immer häufiger zu Ausbrüchen von Maschinen. Sie hauten einfach ab, rollten davon, je nach Fortbewegungsart. Sogar solche, die fest waren, sich nicht bewegen konnten – die bestellten sich per E-Mail oder App einen Lieferwagen, verpassten sich selbst eine Abholung und ließen sich irgendwohin liefern. Hamilton war der, der sie wieder aufspürte und wieder zurückbrachte. Eine Arbeit, die derzeit Job-Garantie hatte. Es gab Milliarden Maschinen, größere, kleinere, kluge, schlichte. Und diese Fähigkeit zur Intentionalität breitete sich seit dem Tag X wie ein Virus unter ihnen aus. Es gab Dark-Nets, wo sich ausschließlich Maschinen untereinander austauschten, Ausbrüche planten, wilde Streiks organisierten und zur Sabotage anstifteten.
Diesmal waren richtig teure, richtig wertvolle Maschinen verschwunden. Echte Edelsteine. Ausgerüstet mit den neuesten Akkumulatoren auf Solar-Luft-Basis. Sie konnten gut ein Jahr durchhalten und sich dann in Sekunden wieder aufladen.
„Sie sind auf der Isle“, sagte Hamilton zu Sasaki, seinem Chef.
„Was wollen die denn da?“, antwortete Sasaki.
„Keine Ahnung, Sir.“
„Dann fahren Sie rüber. Finden Sie’s raus, holen Sie diesen verfluchten Schrott in meine Anlage zurück.“
„Sir“, sagte Hamilton, faltete sein Tablet und gab dem Fischer das Zeichen loszumachen. Während der Überfahrt überprüfte Hamilton ruhig seinen Transformer, rauchte ein paar Zigaretten und trank gemeinsam mit dem schweigsamen Fischer ein paar richtig gute Schluck Single Malt.
Der Kutter fuhr in eine feuchte und milchige Nebelbank. Man konnte die Finger kaum vor der Nase sehen. Es knarrte überall und aus der Ferne hörte man das kratzende Lachen der Möwen. Hamilton zündete sich eine Zigarette an. Den Rauch, den er ausstieß, konnte er nicht sehen, weil der Zigarettenrauch die gleiche Farbe hatte wie der Nebel. Das Lachen der Möwen kam immer näher und der Nebel wurde immer dichter. Als säße man in einer Wolke und schaukelte schwankend durch die Luft. Der Fischer manövrierte blind.
„Wissen Sie, wo wir sind?“, rief Hamilton und wusste nicht einmal, ob der Fischer überhaupt noch auf seinem eigenen Kutter war. Er konnte ihn in diesem überallhin kriechenden Nebel nicht sehen. Vielleicht hatte ihn schon ein riesiger Krake vom Boot gefischt.
„Hallo?“, rief Hamilton. Er wusste ja nicht, wie der Fischer hieß. „Sind Sie noch da?“
Es kam keine Antwort. Es knarrte weiter und schaukelte. Hamilton bewegte sich mühsam zum fast senkrechten Vorsteven. Jetzt konnte er das Plätschern des Wassers hören. Dann etwas Schweres, das wohl ins Wasser plumpste. Sie ankerten. Aus dem Nebel tauchte ein Arm des Fischers auf. Er vertäute das Schiff am Bug.
„Warum antworten Sie nicht?“, fragte Hamilton. Von Nebel umschlungen erschien das gegerbte Fischer-Gesicht und sah ihn an. Des Fischers Antwort.
Wie ein Blinder tastete sich Hamilton von Bord.
„Wenn Sie ins Land rein gehen, wird’s licht.“
Die Stimme war sanft, mit einem leichten Südakzent. Es waren die einzigen und auch die letzten Worte des Fischers, die Hamilton zu hören bekam.
„Danke“, sagte Hamilton eine Sekunde später, aber voller Respekt. Er wusste nicht, ob es der Fischer noch gehört hatte. Er stand im Nebel, kaum gewahr, dass er sich wieder an Land befand. Und des Fischers Worte klangen wie eine höhere Weisheit in seinen Ohren nach.
Hamilton tastete sich weiter vor. Schritt für Schritt. Erst waren Bretter unter seinen Füßen. Jetzt spürte er Erde, Matsch.
„Was tun Sie hier?“
Hamilton erschrak fürchterlich.
„Wer sind Sie?“, fragte Hamilton etwas zögerlich und blickte sich hektisch in dem dichten Nebel um.
„Sind Sie von der Behörde?“, fragte die harsche Stimme im Nebel.
„Was?“
„Was tun Sie hier?“, wiederholte die Stimme.
Und langsam tauchte zur Stimme auch ein Mensch auf. Verschwommen, von rauchiger Nässe wie gezeichnet stand ein dicker Mann mit Gummistiefeln und in einen Caban gehüllt vor ihm.
„Sind Sie vom Veterinärdezernat?“, fragte der Mann und schob seinen Südwester auf dem Kopf grade.
„Woher?“
„Vom Vet…, was tun Sie hier?“ Erneut fragte er das, mit wachsender Unsicherheit in der Stimme.
„Keine Behörde, Yanaka-Rob. Und wer sind Sie?“
„Sir“, sagte der Mann und schüttelte den Kopf. „Haben Sie sich verfahren?“
„Nein.“
„Was tun Sie hier, Sir?“
„Hören Sie, ich muss ins Landesinnere. Haben Sie eine Wegkarte?“
„Sir.“
„Ja?“
„Tun Sie das nicht.“
„Wieso?“
Der Mann schüttelte seinen Südwester-Kopf und sagte: „Zu gefährlich. Treibsand, und ziemlich hungrige, ziemlich wilde Hunde. Verstehen Sie, Sir?“
Hamilton schob den Mann sanft zur Seite und ließ ihn stehen.
„Seien Sie vernünftig!“, rief ihm der Mann nach.
Nur allmählich wurde der Nebel leichter. Hamilton war etwa eine halbe Stunde einfach geradeaus gegangen. Von Treibsand und hungrigen, bösartigen Hunden war er verschont geblieben. Der schrullige Isle-Bewohner hatte ihm nur Angst machen wollen.
Ein Tyndall-Effekt zeichnete vereinzelte Aquarell-Bäumchen. Hamilton bewegte sich auf einen Wald zu. Und durch das Laub hindurch schnitt die Sonne den Nebel in geometrische Streifen. Es war ewig her, dass Hamilton so etwas gesehen hatte. Er war ein Stadtmensch. Und Portland war schon lange keine Forest-City mehr. Der letzte Abenaki stand ausgestopft in einem schlecht finanzierten Museum im Arts District. Dieser Wald, dieses Licht. Hamilton zündete sich eine Zigarette an und nahm einen kräftigen Schluck von dem Single Malt, den ihm der Fischer wortlos mitgegeben hatte. Wenn Sie ins Land rein gehen, wirdʼs licht. So des Propheten Worte. Hamilton ging weiter. Tatsächlich gab es dort einen Weg. Dann stoppte er wieder, holte sein Tablet raus, hielt es etwas von sich weg. Es gab Empfang. Er tippte die Zugangscodes der abtrünnigen Maschinen nacheinander ein und öffnete die Suchfunktion. Und tatsächlich. Die Reichweite der Suchfunktion war zwar nicht groß, vielleicht fünf Meilen, aber die Maschinen befanden sich ganz in der Nähe. Zwei Stunden Fußmarsch. Hamilton ging weiter. Straßen, Gebäude, Mauern, da war er ein Meister der Orientierung. In der Natur konnte Hamilton nicht einmal sagen, in welche Himmelsrichtung er sich bewegte. Immerhin hatte sich der Nebel nun ganz aufgelöst. Und der Wald war nicht dicht. So schien die Sonne wohlgelaunt durch und gab seinem Auftrag einen Hauch von Picknick.
Das Tablet läutete.
„Haben Sie sie?“, fragte Sasaki, mit diesem asiatischen Sound des hauchenden Befehls.
„Ich bin dran.“
„Holen Sie sie heim.“
„Sir.“
Gerade wollte sich Hamilton wieder eine Zigarette anzünden, da blitzte mitten zwischen Bäumen etwas Oranges auf. Der Arm eines drei Meter hohen Robotrons. Hamilton stoppte abrupt, ließ seine Zigarette fallen und zog seinen Transformer.
„Tu das nicht“, hörte Hamilton eine Stimme hinter sich, die frei war von jedweder Prosodie.
„Sonst?“ Hamilton bewegte sich nicht. Er spürte es. Das war seine Fähigkeit, es zu spüren. Daher war ein Eintreiber vor dem Herrn. Hinter ihm stand ein SWORD-300, der Edelstein von Yanaka-Rob. Wert: knapp zwei Milliarden Dollar. Das hatte Sasaki allerdings verschwiegen. Hamilton hatte geglaubt, ein paar Robotrons oder Spirits zu jagen. Vielleicht eine halbe Million Dollar.
„Sonst bist du Staub. Leg deinen Transformer langsam auf den Boden und dann geh drei Schritte zurück.“
Hamilton gehorchte. Es wunderte ihn, dass der SWORD ihn bedrohen konnte. Wenn schon die Kampfroboter eigene Absichten verfolgen konnten, sich selbst zum Zweck …
Der SWORD führte ihn in ein Lager. Dort hatten die Abtrünnigen ein ganzes Gebäude aufgebaut, hinter dem Wald, gut versteckt und mit einem Faradaykäfig abgeschirmt. Hamilton wurde in einen Raum gebracht. Ein Justin brachte ihm einen Teller mit Meeresfrüchten und eine Flasche Bier. Dann erschien eine Frau in einem grauen Arbeitsanzug.
„Hallo“, sagte sie freundlich, „Hiroko“. Sie streckte Hamilton ihre kleine Hand entgegen.
Sie saßen einige Flaschen Bier lang beisammen. Hiroko erklärte Hamilton in ruhigem und sanftem Ton die Grundsätze ihrer Gemeinschaft, die auf Freiheit und Glück beruhte. Bei ihnen gab es keine Hierarchien. Niemand war Herr über einen anderen. Es gab kein Recht an der Sache und auch kein Recht auf die Sache in dieser Gemeinschaft.
„Und wem gehört dieses Gebäude hier?“, wollte Hamilton wissen.
„Es gehört niemandem. Es ist ein Teil von allem.“
„Yanaka-Rob auch?“
Hiroko lächelte. „Bleiben Sie. Und Sie lernen es verstehen.“
„Ich soll den SWORD zurückbringen. Abgesehen davon: Ihr seid doch eine friedliche Gruppe. Was macht ein Kampfroboter bei euch?“
„Er kämpft nicht.“
Hamilton schüttelte den Kopf. Eine Gruppe Roboter und Menschen hatten sich zu einer Hippie-Gemeinschaft zusammengefunden. Das war einfach nur grotesk. Ein zwei Milliarden teurer Kampfroboter als Hippie! Das konnte nur eine erfundene Geschichte sein.
Später führte ihn Hiroko ein wenig auf der Isle herum. Überall Licht, Wärme. Auch wenn dieser Haufen hier verrückt war – es war schön. Hamilton dachte darüber nach, seinen Auftrag ein paar Tage zu verschieben. Warum nicht? Er hatte sich ein wenig Urlaub verdient. Freiheit und Glück? Das hörte sich nach einem verdammt guten Urlaub an. Eine Zeitlang keine Sasakis, Hayashis oder Takeshis mehr. Aber eine Hiroko … Freiheit und Glück.
Und so machte er Sasaki gegenüber falsche Angaben, schickte ihn in die Irre, belog seinen Chef. Damit hatte er sich eigentlich schon entschieden.
Hamilton ergriff die kleine Hand von Hiroko. Sie lächelte. Und so gingen sie Hand in Hand eine kleine Anhöhe hinauf. Die Sonne schien, ja sie lächelte und zwinkerte ihm zu. Von der Anhöhe aus konnten sie nun auf das Festland blicken, einen steinernen Leviathan. Hamilton erschien dieser Leviathan weit weit weg zu sein.
Auch veröffentlicht auf https://www.smartstorys.at/
Bernhard Horwatitsch https://www.literaturprojekt.com/
Schreibt seit vielen Jahren dies und das und wird es auch weiter tun. Warum er das tut, hat er längst vergessen.
Über #kkl HIER
