Christian Knieps für #kkl36 „Anarchie“
Diktatoren fürchten sich vor nichts – und – Diktatoren müssen nichts fürchten.
Nach diesen zwei Grundprinzipien, die in sich eine Verkettung von Furchtlosigkeit ergeben, lebt der Diktator dieser Geschichte. Furchtlos hat er sich bei einer Revolution seines Volkes, das für mehr Freiheit, Wohlstand und allgemeine Glückseligkeit gestorben ist, nach oben gearbeitet – manche sagen sogar hinter vorgehaltener Hand, dass er sich nach oben gemordet hat –, doch diese Kritiker waren selbst bald dran und verbreiten keine Furcht und Schrecken mehr.
Jener Diktator, der Anlass zu dieser Geschichte gibt, war so furchtlos, dass er sich nicht einmal vorstellen konnte, Angst zu haben – und so handelte er auch. Furchtlos schritt er voran und veränderte die gesamte Rechtsprechung des Landes, die zuvor auf Betrug und Vetternwirtschaft gegründet war, jagte die alten Richter aus dem Amt, setzte die Beamten ab, die in die eigene Tasche gewirtschaftet hatten und ernannte neue – jene, die nun an der Reihe waren und deren Taschen noch nicht bis zum Rand mit dem Reichtum anderer Leute gefüllt war. Da der Diktator furchtlos war, waren es auch seine Untergebenen – oder besser, sie taten so, als wären sie furchtlos, was dazu führte, dass die sich Fürchtenden furchtlos agierten und damit Angst und Schrecken verbreiteten, um nicht die einzigen zu sein, die vor etwas Angst hatten.
Diktaturen, die länger als bis zum nächsten Aufstand halten sollen, sind auf Furcht aufgebaut, wobei die Furcht zunehmen muss, je weiter die Schere nach unten zum einfachen Volk geöffnet ist; nicht unerheblich ist dabei die Furchtlosigkeit des Diktators, der in dieser Geschichte furchtloser als jeder andere Mensch auf der Welt war.
Eines Tages entschied der Diktator, dass ein befreundeter Diktator die Möglichkeit erhalten solle, einmal seine überaus gut ausgestattete Armee zu besichtigen – wie es unter Diktatoren zum guten Ton gehört. Ein mancher neutraler und nicht-diktatorischer Mensch kommt bei solchen Aufmärschen immer zum Schluss, dass eine derartige Machtdemonstration aus taktischen Gründen bereits keine sinnvolle Sache ist, da jeder zuschauende Feind genau weiß, gegen welche Waffen er potentiell zu kämpfen hat, doch die beiden Diktatoren trafen sich kaum zwei Wochen später bereits auf dem großen Platz inmitten der Hauptstadt und schauten von der großen Balkonetage des Diktatorenhauptquartiers auf die vielen Soldaten, die unter ihnen im Gleichschritt marschierten. Ein ganzes Volk schien entweder zu marschieren oder jubelte der marschierenden Menge zu, die wiederum ihrerseits alles dafür tat, dass nicht nur die beiden Diktatoren, sondern auch das Volk mit ihnen zufrieden sein konnten. So standen zwei Diktatoren auf dem Balkon, einer Empore, die schöner und weitblickender nicht sein konnte – einer furchtloser als der andere, und beide mit dem Wissen darum, dass sie nichts in der Welt aufhalten könne.
Links, Rechts, Links, Rechts, Links, Rechts – ein ganzes Volk im Gleichmarsch durch die Straßen der Hauptstadt, in Reih und Glied, in strenger Ordnung, mit strenger Haltung, mit strengem Takt – alles war so perfekt, wie es noch nirgends auf der Erde an Perfektion zelebriert worden war – und eben jene Perfektion war es, die die Diktatoren zunächst das Fürchten lehrte und dann auch noch das Leben nahm.
Als der Boden schwang und sich im Gleichschritt der Marschbewegungen gegen den Takt wehrte, der ihm von den trampelnden Menschen aufoktroyiert wurde – da geschah es für einen kurzen Augenblick, dass die nackte, blanke und schreckhafte Furcht in den Augen der beiden Diktatoren stand – doch nur solange, bis das Trägersystem des Balkons aufgrund des gestampften Bebens riss, und die beiden Diktatoren unter sich begrub, wo sie vielleicht heute noch liegen, unter all dem Schutt, der an Ort und Stelle liegen blieb, da es nach dem völkermordenden Beben niemanden mehr gab, der sich für einen Berg Schutt interessierte.
Die Legende vom Diktator, dessen Volk vernichtet wurde, weil es marschierte
Diktatoren fürchten sich vor nichts – und – Diktatoren müssen nichts fürchten.
Nach diesen zwei Grundprinzipien, die in sich eine Verkettung von Furchtlosigkeit ergeben, lebt der Diktator dieser Geschichte. Furchtlos hat er sich bei einer Revolution seines Volkes, das für mehr Freiheit, Wohlstand und allgemeine Glückseligkeit gestorben ist, nach oben gearbeitet – manche sagen sogar hinter vorgehaltener Hand, dass er sich nach oben gemordet hat –, doch diese Kritiker waren selbst bald dran und verbreiten keine Furcht und Schrecken mehr.
Jener Diktator, der Anlass zu dieser Geschichte gibt, war so furchtlos, dass er sich nicht einmal vorstellen konnte, Angst zu haben – und so handelte er auch. Furchtlos schritt er voran und veränderte die gesamte Rechtsprechung des Landes, die zuvor auf Betrug und Vetternwirtschaft gegründet war, jagte die alten Richter aus dem Amt, setzte die Beamten ab, die in die eigene Tasche gewirtschaftet hatten und ernannte neue – jene, die nun an der Reihe waren und deren Taschen noch nicht bis zum Rand mit dem Reichtum anderer Leute gefüllt war. Da der Diktator furchtlos war, waren es auch seine Untergebenen – oder besser, sie taten so, als wären sie furchtlos, was dazu führte, dass die sich Fürchtenden furchtlos agierten und damit Angst und Schrecken verbreiteten, um nicht die einzigen zu sein, die vor etwas Angst hatten.
Diktaturen, die länger als bis zum nächsten Aufstand halten sollen, sind auf Furcht aufgebaut, wobei die Furcht zunehmen muss, je weiter die Schere nach unten zum einfachen Volk geöffnet ist; nicht unerheblich ist dabei die Furchtlosigkeit des Diktators, der in dieser Geschichte furchtloser als jeder andere Mensch auf der Welt war.
Eines Tages entschied der Diktator, dass ein befreundeter Diktator die Möglichkeit erhalten solle, einmal seine überaus gut ausgestattete Armee zu besichtigen – wie es unter Diktatoren zum guten Ton gehört. Ein mancher neutraler und nicht-diktatorischer Mensch kommt bei solchen Aufmärschen immer zum Schluss, dass eine derartige Machtdemonstration aus taktischen Gründen bereits keine sinnvolle Sache ist, da jeder zuschauende Feind genau weiß, gegen welche Waffen er potentiell zu kämpfen hat, doch die beiden Diktatoren trafen sich kaum zwei Wochen später bereits auf dem großen Platz inmitten der Hauptstadt und schauten von der großen Balkonetage des Diktatorenhauptquartiers auf die vielen Soldaten, die unter ihnen im Gleichschritt marschierten. Ein ganzes Volk schien entweder zu marschieren oder jubelte der marschierenden Menge zu, die wiederum ihrerseits alles dafür tat, dass nicht nur die beiden Diktatoren, sondern auch das Volk mit ihnen zufrieden sein konnten. So standen zwei Diktatoren auf dem Balkon, einer Empore, die schöner und weitblickender nicht sein konnte – einer furchtloser als der andere, und beide mit dem Wissen darum, dass sie nichts in der Welt aufhalten könne.
Links, Rechts, Links, Rechts, Links, Rechts – ein ganzes Volk im Gleichmarsch durch die Straßen der Hauptstadt, in Reih und Glied, in strenger Ordnung, mit strenger Haltung, mit strengem Takt – alles war so perfekt, wie es noch nirgends auf der Erde an Perfektion zelebriert worden war – und eben jene Perfektion war es, die die Diktatoren zunächst das Fürchten lehrte und dann auch noch das Leben nahm.
Als der Boden schwang und sich im Gleichschritt der Marschbewegungen gegen den Takt wehrte, der ihm von den trampelnden Menschen aufoktroyiert wurde – da geschah es für einen kurzen Augenblick, dass die nackte, blanke und schreckhafte Furcht in den Augen der beiden Diktatoren stand – doch nur solange, bis das Trägersystem des Balkons aufgrund des gestampften Bebens riss, und die beiden Diktatoren unter sich begrub, wo sie vielleicht heute noch liegen, unter all dem Schutt, der an Ort und Stelle liegen blieb, da es nach dem völkermordenden Beben niemanden mehr gab, der sich für einen Berg Schutt interessierte.
Christian Knieps, geb. 1980, lebt und arbeitet als Abteilungsleiter bei DHL Express in Bonn und schreibt Theaterstücke (veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, Plausus Theaterverlag, meintheaterverlag und Ostfriesischer Theaterverlag), Kurzgeschichten (in einigen Zeitschriften wie Dreischneuß, experimenta, Litges… veröffentlicht) und Romane.
Veröffentlichungen
- 100 für 1. Komödie. Veröffentlicht im Ostfriesischen Theaterverlag. 2016.
- 1914 | 2014 | 2114. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in: The Transnational Magazine Vol. 4, 2014.
- Adam und Eva oder Die Frage, wie die Menschheit entstanden ist. Komödie.
- Veröffentlicht im mein-theaterverlag, 2012. Uraufführung 2011.
- Alleinerziehende sucht keinen Mann. Komödie. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2013.
- Alter Landadel. Seniorentheater. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2017.
- Amöben. Aphorismus. Veröffentlicht in Im Getriebe wird das Sandkorn zur Macht. 2014.
- Anna und das Wissen der Welt. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in: Das Leben in s/w. 2011.
- Auerbachs Müller. Historisches Theaterstück. Veröffentlicht im Ostfriesischen
- Theaterverlag, 2017.
- Ausgebremst. Drama. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2019.
- Bartleby, der Lohnschreiber. Eine Adaption. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2012.
- Bestimmung. Drama. Veröffentlicht im mein-theaterverlag. 2016.
- Braucht mich die Welt? Veröffentlicht im Literaturautomat. 2013.
- Das Haus auf der Anhöhe. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Haller Taschenbuch:
- Verlassene Orte. 2013.
- Das Leben eines anderen. Drama. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2017.
- Das Leben in den Untiefen der Gesellschaft. Theaterstück. Veröffentlicht im meintheaterverlag, 2015.
- Das sonore Piepen. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in LitGes Nr. 49. 2012
- Der Damenclub. Schauspiel. Veröffentlicht im mein-theaterverlag, 2015.
- Der kleine Diktator. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2015.
- Der letzte Weg. Das Ende einer Reise. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2016.
- Der Makel des Bösen. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2020.
- Der Strandurlaub. Schauspiel in 5 Bildern. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2012.
- Die alte Dame. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in LitGes Nr. 52. 2013.
- Die Revolution des Pöbels. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in LitGes Nr. 51. 2013.
- Die Ruhe vor dem Sturm. Kriminalstück. Veröffentlicht im Plausus Theaterverlag. 2016.
- Ein einsamer Knecht. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2016.
- Ein römisches Leben. Tragödie in Blankvers. Veröffentlicht im mein-theaterverlag, 2012.
- Einlass. Eine himmlische Komödie in 3 Akten. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2012.
- Elektra in Phokis. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2017. Elektras Monolog. Auszug aus Elektra in Phokis. Veröffentlicht in Matrix Nr. 4/2013.
- Ertrinkendes Europa. Kurzgeschichte. Veröffentlicht im Dichtungsring Nr. 42, 2013.
- Experimentelle Fotos. Veröffentlicht in eXperimenta 02/2015. Feine Linien.
- Kurzgeschichte. Veröffentlicht in eXperimenta. 10/2013.
- Gon. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in eXperimenta 01/2014.
- Gossenkrone. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2016.
- Heinrich Vier. Ein unhistorisches Historienspiel in 5 Bildern. Veröffentlicht im adspectaTheaterverlag, 2014.
- Krise. Beziehungsdrama. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2013.
- Läuterung. Eine fiktive Dokumentation. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2012. Macht und Funktion. Historisches Drama. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, 2012.
- Margret. Veröffentlicht im adspecta Theaterverlag. 2016.
- Metamorphose / der Gewalt. Veröffentlicht in Gewaltige Metamorphose. 2014
- Spiegelbild. Kurzgeschichte. Veröffentlicht in eXperimenta 12/2015.
- Süden. Veröffentlicht im Ostfriesischen Theaterverlag. 2017.
- Unter Verdacht. Schauspiel. Veröffentlicht im mein-theaterverlag, 2012.
- Unternehmen G. Komödie. Veröffentlicht im Ostfriesischen Theaterverlag, 2019.
- Visionen. Veröffentlicht im Ostfriesischen Theaterverlag. 2016.
- Vuda Vude. Veröffentlicht im Ostfriesischen Theaterverlag. 2016
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