Lasse Thoms für #kkl36 „Anarchie“
Anarchie für Anfänger
„Du bist so ein Träumer“, war, was meine Mutter immer zu mir sagte. Vielleicht hatte sie damit sogar recht. Nur werden Träume eben manchmal wahr.
Wer hätte geahnt, dass die süße Lena aus der Parallelklasse eigentlich ein gar nicht so süßes Herz hatte? Nun, ich nicht, aber ich war ja auch in sie verknallt, deswegen denke ich nicht, dass man mir da einen Vorwurf machen kann. Ich dachte das, bis sie einmal in unsere Klasse kam, und verkündete, wir sollten alle schwänzen, wir sollten endlich was tun, um „denen da oben“ zu zeigen, dass wir nicht einfach die fleißigen Arbeitsbienen werden, die die Reichen brauchen, um ihr Leben in Saus und Braus weiterführen zu können. Sie stand da und verkündete das und erst da fiel mir auf, dass sie ungefähr zwanzig Tattoos hat. Wie mir das vorher nie aufgefallen ist? Naja, sie trug sonst immer Klamotten, die die Tattoos verdeckten, die sie jetzt zeigte, ganz einfach. Als sie nämlich zu uns kam und uns erklärte, dass wenn die Reichen nur nicht mehr darauf zählen können, dass sie sich mit ihrem geerbten Geld alles kaufen konnten, dass sie sich dann ganz schön wundern würden, weil die Welt nämlich zwar vielleicht von Geld angetrieben wird, aber nur, wenn wir uns ihm unterwerfen – als sie das verkündete, trug sie kurze Klamotten, die nicht nur viel Haut zeigten, sondern auch die ganzen Tattoos. Lena, es stellte sich heraus, war tatsächlich weniger süß, als gedacht. Und als ich das sah und hörte, wie sie davon sprach, endlich was zu tun, sich die ausbeuterische Gesellschaftsordnung nicht mehr gefallen zu lassen… nun, ich bekam einen Harten. Manchmal ist es das, was wir nicht erwarten, was eine gute Überraschung für uns ist. Also stand ich auf – vorsichtig, so, dass alles unter meiner Gürtellinie von meinem Tisch verdeckt war, und sagte laut: „Ich bin dabei!“
Nun, überrascht waren vielleicht die meisten der anderen, die auch in der Pause im Klassenraum waren, aber wie meine, gehörte auch ihre Aufmerksamkeit Lena. Sie stand breitbeinig und fest da vorne vor der Klasse und hatte einen Arm in die Höhe gestreckt wie auf dem Hamilton-Poster, die Hand zur Faust geballt. Ihr Blick fiel auf mich und ihre Augen blitzten mich herausfordernd an. Und ich, zu meiner eigenen Überraschung, ich ging zu ihr hin. Ich nahm die Herausforderung an. Für jemanden, der sonst so ein Träumer ist, war das ein ganz schön großer Schritt. Ich konnte selbst gar nicht glauben, dass ich es tat. Sie nahm meine Hand – schon das fühlte sich gut an – und als sonst keiner Anstalten machte, sich uns anzuschließen, zog sie mich förmlich mit sich aus dem Raum. Sie verströmte eine solche Energie, dass ich gar nicht anders gekonnt hätte, als mit ihr zu gehen, glaube ich. Selbst, wenn ich es gewollt hätte. Und ich wollte nicht.
Sie zog mich mit sich auf den Flur, und fing direkt davon an, was wir jetzt alles tun sollten: Wir sollten nie wieder in die Schule gehen, wir lernten sowieso nur gerade genug, um später in einem Abhängigkeitsverhältnis zu arbeiten und vor allem lernten wir, dass das genug sei. Wir lernten, Autoritätspersonen nicht zu widersprechen, sondern folgsam zu sein. Und, und das war in Lenas Worten das Schlimmste, wir lernten durch die Schulgemeinschaft, durch das Zusammenlernen und Zusammensein mit unseren Klassenkameradinnen und Kameraden, dass es besser war, sich anzupassen und nicht aufzufallen. Besser, so zu sein wie die anderen. Dass das besser war, als authentisch man selbst zu sein. Sie blieb jetzt unvermittelt stehen.
„Und, was willst du machen?“, fragte sie mich.
„Ich…“ Mir fiel auf, dass ich ihr noch nie so nah gewesen war. Mir fiel auf, dass sie nicht nur eine Menge Tattoos, sondern auch Piercings hatte. Das hatten ihre Eltern ihr erlaubt? Ich dachte nach. Nein, wahrscheinlich hatten sie das gar nicht.
„Was willst du denn machen?“, fragte ich, lahm. Aber ich war auch abgelenkt. Mein ganzer Körper kribbelte. Ich war aufgeregt, das kann man wohl sagen.
„Ich will endlich mal was machen, um den Leuten zu zeigen, dass es so nicht weitergeht. Etwas, woran sie mal merken, dass sie mit uns nicht alles machen können, was sie wollen.“ Ihre grünen Augen glitzerten vor Aufregung.
„Etwas wie…?“ Ich überlegte. „Den Feueralarm auslösen?“
Lena sah kurz aus, als würde sie anfangen, über mich zu lachen und ich hatte Angst, so würde es enden. Sie würde merken, was ich für ein Trottel bin. Aber dann sagte sie: „Klar, warum nicht? Das Schöne ist, es ist eh alles egal.“
Und bevor ich noch was hätte sagen können, war sie zur Tür zum Treppenhaus gegangen, wobei sie mich wieder mitzog, und hatte die kleine Scheibe des Feuermelders mit ihrem Ellenbogen eingeschlagen. Sie grinste. „Du oder ich?“ Als ich zögerte, drückte sie den Knopf. Sofort plärrte der Alarm los, lauter als gedacht. Kurz dachte ich, sah auch Lena aus, als wäre sie schockiert. Dann passierte etwas, dass ich nie auch nur in meinen Tagträumen ausgemalt hätte: Sie küsste mich. Es war warm, und ihr Kuss fordernd und energisch. Ich tat mein bestes, darauf zu reagieren, aber ich denke, sie merkte, dass ich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich tat. Sie löste sich von mir und zwinkerte mir zu. „Das kannst du doch bestimmt besser.“ Dann rannte sie los und zog mich mit sich, als die Schüler und Lehrer aus den Klassenzimmern um uns herum herausströmten.
Sie führte mich nicht aus dem Gebäude, wohin alle anderen auf dem Weg waren. Stattdessen probierte sie hin und wieder, die Türen rechts und links am Gang aus, ob eine der Lehrkräfte vergessen hatte, abzuschließen. Schließlich zog sie mich in einen Raum und schloss leise die Tür. Sie atmete angestrengt.
„Und jetzt?“, fragte sie und grinste mich an.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte nur über den Kuss nachdenken, und vielleicht sah sie mir das an, denn sie küsste mich wieder. Es fühlte sich wieder toll und wieder wusste ich nicht recht, was ich tat.
„Diese Welt ist so kaputt“, sagte sie dann. „Und einen Scheißfeueralarm auszulösen, wird daran nichts ändern. Ich glaube auch nicht mehr wirklich daran, dass wir sie retten können. Deswegen denke ich ja, jede Anarchie ist besser als diese Ordnung.“
Dann küsste sie mich wieder, drückte sich an mich und fing an, an meinem Shirt zu ziehen. Ich musste dabei an einen Song denken, den ich vor einer Weile viel gehört hatte. Die Sex Pistols. Als sie mich küsste, dachte, ja, wenn das hier Anarchie ist, dann will ich gerne ein Anarchist sein.
Währenddessen hatte Lena begonnen, mich am Hals zu küssen, während sie immer noch an meinen T-Shirt zog, als wollte sie es zerreißen. Ich dachte wieder: Wenn das hier Anarchie ist…
Es gab ein hartes Klopfen an der Klassenzimmertür. Es war laut und unangenehm und ich wollte nur hierbleiben, hier mit ihr, nur nicht hier weg, nicht –
„Tim! Hast du wieder verschlafen? Du musst jetzt gleich los, sonst kommst du zu spät zur Schule!“
Ich schlug die Augen auf. Es war dunkel. Ich spürte die Decke auf mir, die sich schwer und gemütlich an mich drückte. Dann dämmerte es mir.
Zur Schule. Wo kein Feueralarm ausgelöst worden war. Wo Lena mich wieder mal nicht bemerken würde. Weil alles seine Ordnung hatte. Und ich auch nur meinen kleinen Teil in dieser Ordnung spielte. Alles war in Ordnung, sozusagen. Alles, und zugleich nichts war in Ordnung.
Ich setzte mich auf und versuchte, mir klarzumachen, dass es wirklich nur ein Traum gewesen war. Noch wirkte es alles so real, und doch wusste ich, dass es das schon bald nicht mehr tun würde. Ich versuchte, mir so viel zu merken wie möglich, so lange daran festzuhalten, wie möglich, aber ich wusste doch, dass das nichts werden würde. Es war nur ein Traum gewesen. Und ich nur ein Träumer, kein Anarchist.
Auf dem Weg zur Schule hatte ich schon fast alles wieder vergessen. Als ich in der Schule und gerade aus dem Treppenhaus auf den Flur kam, und dann Lena auf dem Flur mit zwei ihrer Klassenkameraden sprechen sah, überlegte ich, hinzugehen und sie anzusprechen, und tat es dann doch nicht. Ich traute mich nicht. Ich wusste kaum noch, dass ich es im Traum getan hatte. Am Feuermelder hielt ich kurz inne. Ich hob die Hand, und ließ sie wieder sinken. Dann schüttelte ich den Kopf und ging in den Klassenraum.

Lasse Thoms ist 23 Jahre alt und lebt und studiert in Hamburg. Aufgewachsen ist er mit seinen beiden Brüdern und über die Jahre mehreren Hamstern bei Münster in NRW, wo er als freier Mitarbeiter bei der Lokalzeitung tätig war. Seine ersten kurzen Geschichten schrieb er in der Grundschule. In den Jahren seitdem haben sich zwar die Themen verändert, die Lust am Schreiben aber kaum. Höchstens hat sie noch zugenommen. Lasse Thoms hat mehrere Texte im kkl-Magazin veröffentlicht.
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