Jasmin Riter für #kkl37 „Präsenz“
Orcawale
„Orcawale sind die besten Mütter in der Tierwelt.“ Das Mädchen steht plötzlich neben ihrem Tisch, ein Buch in der Hand. Hannah blickt auf. Das Café hat sich gefüllt, ohne dass sie es bemerkt hat, es sind nun fast alle Plätze besetzt. An der hinteren Wand haben zwei Frauen zwei Tische zusammengeschoben. Ein Zwillingsbuggy steht daneben, in der Spielecke spielen zwei Kinder, Hannah ist schlecht darin, ihr Alter zu schätzen. Ob die Kleine dort dazu gehört?
Das Mädchen blickt sie mit erwartungsvollen Augen an. „Wie bitte?“, fragt Hannah. Es ist, als habe das Kind sie aus dem Tiefschlaf gerissen. „Orcawale sind die besten Mütter in der Tierwelt“, wiederholt die Kleine. „Das habe ich gerade gelesen.“ Sie hält Hannah das Buch hin. „Tierlexikon für Kinder“ steht auf dem bunten Cover. Ungefragt schiebt sie sich auf den Stuhl, den Hannah mit ihrer Tasche reserviert hat. Sie ist so schmal, dass sie neben die Tasche passt. Sie schlägt das Buch auf und schiebt es Hannah hin. Ein großes Foto zeigt einen riesigen schwarz-weißen Wal, ein Jungtier schwimmt neben ihm.
Als Hannah nicht reagiert, zieht das Mädchen das Buch zurück zu sich. „Orcawale werden auch Schwertwale genannt“, liest es vor. „Anders als die meisten anderen Tiere kümmern sie sich ein Leben lang um ihre Jungen. Die Jungwale bleiben auch dann bei der Mutter, wenn diese erneut Nachwuchs bekommt. So wachsen die Familien der Orcawale immer weiter an.“ Wieder dieser erwartungsvolle Blick.
„Aha…“, antwortet Hannah lahm. „Bist du ganz alleine hier?“, fragt die Kleine. Tim ist nicht gekommen. Hannah schaut auf ihre Armbanduhr. Vor vierzig Minuten waren sie verabredet. „Ich warte noch auf jemanden…“, murmelt Hannah. „Ich bin mit meiner Mama da und mit meiner Tante“, plappert die Kleine munter weiter. „Und mit meinen kleinen Cousins, die spielen da hinten.“ Sie deutet auf die Spielecke.
„Da gibt es aber nur Spielsachen für Babies, deshalb hab ich mein Buch mitgebracht. Ich kann nämlich schon richtig gut lesen, sagt Mama“, fügt sie stolz hinzu. Dass sie keine Antwort bekommt, stört sie nicht. Hannah nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse. Der Tee ist kalt geworden. Kalter Roibostee schmeckt noch schlimmer als warmer. Mit Tim hat sie immer doppelten Espresso getrunken.
Seine Antwort auf ihre Frage nach einem Treffen im Café Caro war kurz. Sie entsperrt ihr Handy und öffnet den Chat mit Tim. Das Herzemoji neben seinem Namen hat sie schon vor Wochen entfernt. „Klar, Mi um 4 passt gut. Bis dann, T.“ steht da. Gleich ist es fünf.
„Warum kümmern sich die meisten Tiere denn nicht lange um ihre Kinder?“, fragt die Kleine. „Ähm… keine Ahnung. Vielleicht, weil die Jungtiere sehr schnell selbstständig sind?“, vermutet Hannah. „Ich finde es gut, dass sich meine Mama um mich kümmert“, überlegt das Mädchen vor sich hin. „Kümmert sich deine Mama auch um dich?“ Ungewollt muss Hannah schmunzeln.
„Ich bin doch schon erwachsen“, antwortet sie. „Um Erwachsene muss man sich auch kümmern, finde ich“, sagt die Kleine voller Überzeugung. „Meine Mama hat gesagt, dass meine Tante traurig ist, weil mein Onkel nicht mehr bei ihr wohnt. Deshalb treffen wir uns mit ihr und kümmern uns um sie.“
Ob sie die Unterstützung ihrer Familie hätte, hat die Frau letzte Woche gefragt. Sie wusste nicht, was antworten. Sie hat sich bisher nicht getraut, ihre Mutter anzurufen. Ob sie sich um sie kümmern würde?
An Weihnachten war sie mit Tim bei ihren Eltern. Es kommt Hannah vor, als wäre der Besuch Jahre her. „Das ist doch mal ein wirklich Netter“, hat ihre Mutter danach am Telefon gesagt. „Und so zielstrebig!“ Tim hat beim Abendessen über seine Promotion gesprochen. Und als er später im Dunkeln neben Hannah lag, erzählte er ihr, dass er sich seit Jahren ein solches Interesse von seinen Eltern gewünscht hätte, wie es ihm ihre Eltern entgegenbrachten.
Sie haben sich nicht im Streit getrennt. Tim konnte nicht nachvollziehen, wieso sie keine Zukunft für sie beide mehr sah. Aber er akzeptierte ihre Entscheidung. Seitdem sie sein Wohnheimzimmer vor fünfeinhalb Wochen verlassen hat, haben sie sich nicht mehr gesehen. „Zukunft“. Das Wort tut jetzt weh.
Das Mädchen ist inzwischen bei den Pinguinen angekommen. Wenn sie liest, fährt ihr Finger unter den Wörtern entlang. „Magst du Tiere?“, fragt Hannah. „Ich LIEBE Tiere!“, ruft die Kleine. „Wenn ich groß bin, werde ich Tierärztin!“ Hannah lächelt. Zum ersten Mal blickt sie das Mädchen direkt an. Die braunen Augen strahlen, das kindliche Gesicht ist voller Überzeugung. Die Mutter der Kleinen muss sehr stolz auf ihre Tochter sein.
Keine Nachricht von Tim. Inzwischen ist es schon fast halb sechs. Sie kann sich nicht auf ihn verlassen. Aber sie weiß sowieso nicht, was sie mit ihm besprechen will. Weil sie überhaupt nicht weiß, was sie will.
Es ist eigentlich nett, mit dem kleinen Mädchen hier zu sitzen. Wäre es so?
„Bei den meisten Tieren kümmern sich die Mütter ganz allein um die Jungtiere“, sagt Hannah leise. Überrascht schaut die Kleine sie an. „Meine Mama kümmert sich auch ganz allein um mich!“, erklärt sie. „Und Dein Papa?“, fragt Hannah. „Den kenn ich gar nicht.“ Sie zuckt die Schultern.
„Pia! Hier bist Du! Entschuldigen Sie bitte, hat meine Tochter sie gestört?“ „Nein, nein, ganz im Gegenteil…“, antwortet Hannah. Die Frau sieht nett aus: roter Strickpulli, lockige, halblange Haare, große Brille. Vielleicht ein bisschen älter als sie selbst, ein paar Falten um die Augen. Sie lächelt Hannah freundlich an, legt ihrer Tochter liebevoll die Hand auf die Schulter. „Wir gehen jetzt nach Hause, mein Schatz. Packst du bitte das Buch ein?“
Pia klappt ihr Buch zu und rutscht vom Stuhl. „Tschüß!“, sagt sie zu Hannah. „Nächsten Mittwoch kommen wir wieder!“ „Pia!“, lachend scheucht ihre Mutter die Kleine zur Spielecke. „Auf Wiedersehen!“ „Hat mich gefreut“, murmelt Hannah.
Gemeinsam mit den beiden kleinen Jungs räumt Pia die Spielecke auf. Ihre Mutter und die Tante stellen die Tische wieder richtig hin. Dann hilft Pia dabei, die Zwillingsjungs im Buggy anzuschnallen. An der Tür des Cafés dreht sie sich noch einmal um und winkt Hannah heimlich zu.
Entschlossen schiebt Hannah die Teetasse von sich, steht auf, schlüpft in ihren Mantel, nimmt ihre Tasche. In der Tür stößt sie beinahe mit Tim zusammen. „Hannah! Entschuldige bitte, ich…“ „Macht gar nichts“, unterbricht sie ihn und geht einfach weiter. „Aber du wolltest doch was mit mir besprechen?“, ruft er ihr hinterher. „Hat sich erledigt“, antwortet Hannah und geht. Vielleicht kommt sie am Mittwoch wieder.

Jasmin Riter wurde 1983 in Stuttgart geboren und ist in Sindelfingen aufgewachsen. Schon als Kind las sie von morgens bis abends alles, was ihr in die Finger kam – und nachts mit der Taschenlampe unter der Bettdecke weiter. Dabei machte sie weder vor Kochrezepten noch vor der Bedienungsanleitung der neuen Familien-Mikrowelle Halt, was sich in mancher Situation als äußerst hilfreich für ihre Eltern erwies. Kaum hatte sie Schreiben gelernt, tippte sie auf einer alten Schreibmaschine erste eigene Geschichten. Nach einem Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften und einem langjährigen Job im Buchhandel verbrachte sie einige Zeit in Berlin und Rom. Inzwischen lebt und schreibt sie im Remstal, wo sie mit ihrer Familie und einem sehr ängstlichen Hund auf dem Dorf wohnt. Seit 2021 wird sie für den Bereich Kinder- und Jugendbuch von der Literaturagentur Arteaga, Berlin, vertreten.
Preise und Stipendien
- Gewinnerin beim Kurzgeschichtenwettbewerb „Und in der Nacht fielen die Sterne vom Himmel“ des Bundesverbands Junger Autorinnen und Autoren, 09/2022
- Gewinnerin beim Kurzgeschichtenwettbewerb „Nur ein Wort“ von treffpunktschreiben.at, 10/2022
- Gewinnerin beim Kurzgeschichtenwettbewerb „50 Jahre Landkreis Böblingen“, Preis der Kreissparkasse, 07/2023
- Stipendiatin des Förderkreises der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg
Veröffentlichungen
Kurzgeschichten:
„Mysha“ in: „Und in der Nacht fielen die Sterne vom Himmel. Texte für den Frieden“, hrsg. vom Bundesverband Junger Autorinnen und Autoren, Bookmundo, 10/2022
„Bananenschweigen“ in: „Nur ein Wort. Wortgewandt 2022 – die 15 besten Kurzgeschichten“, hrsg. von Treffpunkt Schreiben, Buchschmiede, 11/2022
„Dorfjugend“ in: Festschrift zu „50 Jahre Landkreis Böblingen“, 07/2023
„Mr. Brightside” in: „Wishbone Words“, Issue No. 11, www.wishbonewords.com, 08/2023
“Hyper, hyper” in: “DUM – Das Ultimative Magazin”, Nr. 108, 11/2023
Bücher und Sonstiges:
„Mega Rätselblock 4“, Carlsen Verlag, 04/2023
„Norbert tanzt“, Peckelston Verlag, 02/2024
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