Julia Syndram für #kkl37 „Präsenz“
Da im Tau liegst du nun
Es schlich sich still und langsam in ihr Hirn hinein. Die Angst, dieses wilde Gefühl, das zwischen Unbehagen und glühender Panik schwankte, wie es gerade wollte. Es brauchte nicht viel, bis sie ihre inneren Dämme brach – mal waren es die krächzenden Rufe der Gänse, unerkennbar im Dunkel der Nacht.
Das Surren des Kühlschranks, der ihr in den Nacken atmete. Oder der Zirkusbär Boris, der selbst nach seiner Befreiung aus zwei Dekaden Grausamkeit in immer denselben Bahnen um sich selbst strich. Der Tropfen, der den Damm in ihr zum bärsten brach, war so diffus, dass sie nichts gegen die Angst tun konnte. Nur ausharren, bis das Kribbeln in ihren Fingerspitzen nachließ und ihr Atem wieder der glatten Oberfläche des Wassers glich. Gib Acht, auf mich hörte sie ihre Mutter in diesen Momenten flüstern. Spürte ihre Hand wieder auf dem Brustkorb langsam hoch und runter sacken. Er war so weich und knochig-hart zugleich.
Früher war da noch Galle in ihr aufgestiegen, nun blieb nur der dumpfe Schmerz, den sie mit sich rumtrug. Bis sie draußen in der Freiheit war und sich selbst nicht mehr spürte. Ihr Handy gab ein erneutes Klingeln von sich, da war sie endlich, die Erlösung. Sie fuhr sich durch die Haare, das wirre Resultat einer schlaflosen Nacht wurde ineinander verknotet. Ein kleiner Gummi musste es zusammenhalten, bis die Frühschicht ein Ende hatte. Sie löschte das Licht, in der kompletten Dunkelheit blieb nur das Surren des Kühlschranks. Erneut drohte der Damm zu brechen, weiße Knöchel umklammerten den Türgriff. Du musst gucken, ob ich noch da bin, verstehst du? Hörte sie ihre Mutter wieder flüstern. Ruhig und bestimmt zugleich. Ihre Mundwinkel hatten dabei immer gezittert. Die Tür fiel ins Schloss und der Sprint begann. Er endete erst, wenn sie ihre eigenen Schritte nicht mehr hörte. Wenn ihr Atmen von dem der Anderen überdeckt wurde. Vom Murmeln, Lachen, Schreien und Seufzen, dass aus ihr eine Hülle machte. Sie schwebte durch die Welt, hin- und her geweht von den Menschenmassen, frei von der Schwere ihres Fleischs.
Der kastige Bürokomplex sah im kalten Licht der Straßenlaternen wie ein Gerippe aus. Einzelne Lichter quollen aus seinen Knochen hervor. Es war der einzige Teil ihres Lebens, der sie noch an Deutschland erinnerte. Ein neuer Sprint begann, bis sie im fünften Stock angekommen war. „Telefonica Teneriffa“ stand ausgeblichen auf der unscheinbaren Tür, hinter der sich ein Stockwerk voller Kabel, Bildschirme und gedämpfter Gespräche versteckte. Illegal hatte es sich angefühlt, als sie zum Bewerbungsgespräch erschienen war. Als würden hier hunderte an Arbeitenden täglich versuchen, irgendwelchen Großeltern ihr Erspartes zu entlocken. Teilweise war es ja auch Scam, den sie hier betrieben. Sie gaukelten den Leuten vor, in irgendeinem Call-Center in Deutschland zu sitzen. Als Experten, die sich um jedes noch so kleine Anliegen der Anrufenden kümmern könnten. In Wahrheit klickten sie sich durch Benutzeroberflächen, scrollten durch PDF’s und gaben Halbwahrheiten von sich, bis die Kunden zufrieden waren. Alles dafür, dass irgendwelche kleinen Unternehmen ihre 5 Sterne bei Google behielten.
Sie hatte viele Masken, die sie hier trug. Mal war sie Bankangestellte, mal Gastronomin. Selten sogar Tierarzt-Sprechstundenhilfe, mit Spezialisierung auf Kleintieren. Ihren richtigen Namen nannte sie nie, bei jedem Griff zum Hörer war da jemand anderes, der durch sie sprach. Mechanisch bahnte sie sich ihren Weg durch die kleinen Quadratkomplexe der Arbeitsplätze. Keiner der Hinterköpfe drehte sich nach ihr um. Nach drei Jahren im Callcenter waren ihr die Mitarbeitenden noch so fremd, wie am ersten Tag. Sie alle waren vor irgendetwas auf diese kanarische Insel geflohen. Ihr Quadrat teilte sie sich mit zwei weiteren Schichtarbeitenden, das persönlichste, was sie hier hinterließen waren leere Plastikflaschen. Das Telefon klingelte, kaum dass sie sich hingesetzt hatte. Leitung 41 flackerte auf dem Display auf, nun war sie Nadine aus einem Speditionsunternehmen in Norddeutschland. Sie klickte sich durch Dateien, hangelte sich von Identität zu Identität, bis das grelle Neonlicht vom roten Band des Himmels übertüncht wurde.
Der Sonnenaufgang kündigte den wahren Beginn der Frühschicht an. Der Tag hatte auf der anderen Seite der Hörer vollends begonnen und mit ihm die Öffnungszeiten der meisten Unternehmen. Sie schob sich ihren Dutt zurecht, drückende Kopfschmerzen kündigten sich bereits an. Es klingelte erneut, dieses Mal auf Leitung 104. Je größer die Zahl auf dem Display, desto kleiner die vertretenen Unternehmen. Bei dieser Zahl handelte es sich um ein Bestattungshaus in Oberfranken. Sie stellte sich als Anna der Firma „Seelenfrieden“ vor, doch es folgte nur das leise Knistern der Leitung.
„Hallo?“ fragte sie mit Nachdruck, die Stille bereitete ihr Unbehagen. Sie erdrückte sie, presste sie in ihren Körper zurück. Neben ihr war wieder die Schwere der Mutter, regungslos im Bett. „Hallo?“ fragte sie erneut, diesmal panisch. In ihrem Kopf war nur der röchelnde Atem der gealterten Frau zu hören, ihre Hand wie Blei auf dem knochigen Brustkorb. Er hob und senkte sich, die klebrige schwitzige Haut sog sie in sich auf, bald würde sie fallen in den schwarzen Strudel.
Endlich war ein Räuspern in der Leitung zu hören. „Hallo, bin ich mit dem Bestattungshaus Seelenfrieden verbunden?“ fragte es, erleichtert atmete sie auf. Schnell klickte sie auf ein neues Formular. „Ja das sind Sie, mit wem spreche ich da?“ „Mein Name ist Weidhas, Maximilian Weidhas. Ich möchte…ich möchte eine Bestattung beauftragen. Für meine Frau Adina.“
„Mein herzliches Beileid.“ Murmelte sie mit all dem gespielten Mitgefühl, dass sie aufbringen konnte. Leise klackend trug sie den Namen in das vorgegebene Kästchen ein.
„Welches Datum und Uhrzeit sind auf dem Totenschein vermerkt?“ fragte sie und überflog das Protokoll für Leitung 104. „Totenschein?“ „Ja, der Schein, der Ihnen von dem Arzt nach der Todesfeststellung gegeben wurde.“ Antwortete sie monoton.
„Aber so etwas habe ich nicht!“ dröhnte es lauter als erwartet aus der Leitung. „Aber der Tod muss doch von jemandem vermerkt worden sein. War ihre Frau im Krankhaus gewesen?“ „Nein! Sie liegt doch noch neben mir!“ seine Stimme brach bei diesen Worten zusammen. Fiel wie ein Kartenhaus auf sie herab. Ihre Augen verließen den Bildschirm, hinter dem Quadrat war der Himmel mittlerweile vollends blau geworden. „Bitte entschuldigen Sie, Herr Weidhas, aber was meinen sie damit, dass sie noch neben Ihnen liegt?“ wieder begegnete ihr nur Stille. Irgendwann vernahm sie ein Winseln, als wäre da ein verletztes Tier hinter dem blechern klingenden Telefonapparat. Damals in ihrem Garten, als sie den steifen Körper gefunden hatte, war ihr derselbe Ton entfahren. Schmerz, der sich durch Schallwellen seinen Weg aus ihr herausgebahnt hatte. Hinausgekotzt hatte sie ihn, geblieben war nur der dröhnende Verlust, während sie auf das Gesicht ihrer Mutter starrte. Es war mit Tau überzogen gewesen, ihr Haar wehte sanft mit den Grashalmen einher.
„Herr Weidhas?“ sprach Anna durch sie in den Hörer. „Herr Weidhas, sind Sie noch da?“
Es war schon merkwürdig gewesen. Ihre Mutter sah tot so viel lebendiger aus, als sie es in all ihren sonstigen Erinnerungen gewesen war. Die Angst hatte sie ausgehöhlt, still und langsam. Sie war in sich zusammengesackt, die roten Wangen waren aschfahlen und angespannt geworden. Sie hatte immer so schrecklich alt ausgesehen. Nachts, wenn sie aufpassen sollte, dass ihre Mutter nicht starb, nicht ausversehen aufhörte zu atmen. Da hatte sie das Röcheln, den säuerlichen Atem und diese schlaffe klebrige Haut so gehasst. So angewidert. Manchmal wünschte sie sich, dass alles ein Ende hatte. Ein Kreislauf aus Hass und Selbsthass, in dem sie unaufhörlich ihre Bahnen zog. Und dann hatte sie da im Gras gelegen. In einem Schlafsack, durch den sie fast wirkte, wie ein übergroßes Findelkind.
Der Damm bekam wieder Risse, sie zwang sich in die Hülle von Anna zurück. Das Winseln hatte am anderen Ende der Leitung nachgelassen. Schweigen füllte den Raum, über die Quadrate hinweg.
„Sie liegt noch neben mir im Bett…“ begann Herr Weidhas schwer atmend von Neuem.
„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Gestern war noch alles normal, wir haben noch über unsere Renovierung gesprochen. Haben gerade erst ein Haus gekauft. Und als ich vorhin aufgewacht bin, da… da war Adina einfach nicht mehr da. Verstehen Sie?“
Ihr wurde klar, dass der Mann eher Seelsorge, als das Unternehmen Seelenfrieden brauchte. Ihre kribbelnden Finger lösten sich von der Tastatur. Die Schwere ihres Körpers erschlug sie regelrecht.
„Ich verstehe was Sie meinen Herr Weidhas. Und es tut mir aufrichtig leid, was mit Ihrer Frau…passiert ist. Befinden Sie sich noch im Bett?“ „Ja, da bin ich noch. Ich habe es einfach nicht fertiggebracht, sie da so, na ja, alleine zulassen.“
„Okay.“ Sagte sie schluckend, ihre Finger waren mittlerweile taub. „Herr Weidhas, ich weiß das ist hart, aber kontaktieren Sie bitte als nächstes einen Krankenwagen. Auch wenn sie nicht mehr da ist, braucht es einen Arzt um das zu bestimmen. Wenn Sie einen…Totenschein bekommen, können wir alles bezüglich der Beerdigung regeln. Wir bieten auch Seebestattungen oder Beisetzungen in Friedwäldern an und…“
Sie merkte, wie sie wieder in Anna reinrutschte, doch es fühlte sich falsch an. Was sollte man sagen, wenn die Präsenz eines Menschen so ruckartig aus dem Leben verschwand? Sie schaffen das, waren die Worte des Streifenpolizisten gewesen, als sie damals vor ihrer taubedeckten Mutter standen. Hohl hatten sie sich angefühlt, diese Worte. Hohl wie sie es war, während sich ihre Augen auf den Brustkorb fixierten. Er war nur noch hart gewesen. Am liebsten hätte sie ihn mit dem Hammer eingehauen, um zu gucken ob er schon Beton, oder noch Fleisch war.
„Herr Weidhas…“ setzte sie erneut mit belegter Stimme an, doch auf dem Display flackerte nicht mehr die 104. Sie hatte ihn gar nicht auflegen gehört. Wahrscheinlich rief er in diesem Moment einen Krankenwagen, die Augen nach wie vor auf seine tote Adina gerichtet. Sie wünschte sich, jemand anderes hätte sein zu können. Eine wirkliche Person, die helfen konnte, nicht diese Hülle. Dann wäre sie die Verständnisvolle, die nickend und voller Anteilnahme dem aufgelösten Mann aus dieser schwierigen Lage helfen konnte. Doch diese Maske konnte sie nicht ersetzen. Erst recht nicht die Leere, die ihre Mutter in ihr hinterlassen hatte.
Es war heiß und staubig, als sie den Bürokomplex endlich verließ. Kein einziges Mal hatte sie in ihre Wechselkostüme zurückgefunden. Zahlen waren durch ihren Kopf gewandert, PDFs zerflossen in ihren Händen. Am Ende konnte sie sich nur bei den verwirrten Anrufenden entschuldigen. Herr Weidhas hatte kein zweites Mal angerufen, selbst wenn, wäre er wohl in einem der anderen Quadrate gelandet. Aber sie wurde das pelzige Gefühl auf ihrer Zunge nicht los. Irgendetwas hätte sie ihm sagen müssen, irgendetwas Echtes. Aber selbst für sich fehlten ihr jene Worte. Ihre bleiernen Beine trugen sie durch die Straßen von Santa Cruz, raus aus dem Industriegebiet, rein in die Touristenmassen. Der erhoffte Schwebezustand blieb aus, ihre Gedanken pressten sie in ihren Körper hinein, immer tiefer. Bis da wieder der Damm war.
War Angst vererbbar? Seitdem ihre Mutter im Garten verschwunden war, hatte sie Angst zu leben. Ironischerweise war ihre Mutter von der Angst zu sterben durchzogen gewesen, bis sich Furchen in ihren Körper gruben. Ihr Asthma hatte sich immer mehr verstärkt, bis die Mutter ihr auftrug, nachts zu überprüfen, ob sie noch da war. Sie zeigte ihr, wie sie den Finger unter der Nase platzieren musste. Konnte nur noch schlafen, wenn die Hand der Tochter auf ihrem Brustkorb lag. Irgendwie hatte sie so schon lange für ihre Mutter mitgelebt, auch wenn sie es hasste sich ein Bett mit ihr teilen zu müssen. Andauernd auf Anrufe und Nachrichten zu reagieren. Gekettet war sie an den Körper neben sich.
Doch als aus diesem Asche geworden war, fühlte sie sich nicht leichter. Die Tote war wie ihr neuer Orbit, der sie gnadenloser denn je an sich presste.
Sie drehte sich weiter und weiter um die Mutter herum, bis ihre Füße sie in einen Park trugen. Eine Armada an Selfie-Sticks schob sich an den Springbrunnen und Palmen vorbei. Manchmal vergaß sie, dass das hier nicht mehr Deutschland war. Schließlich surrte der Kühlschrank die gleichen Lieder, roch der Müll in der Sonne genauso stechend, sprachen die Menschen im Call-Center von den gleichen Problemen.
Nur der Himmel war anders. Irgendwie blauer als sonst wo. Er verschmolz mit dem Meer, das durch das üppige Grün des Parks hindurchblitzte. Als sie es damals beim Ausmisten der kleinen 2-Zimmer-Wohnung in einem Reiseführer entdeckt hatte, wenn auch nur als Bild, war für einen kurzen Moment die Schwere verschwunden. Das war letztendlich auch der Grund gewesen, warum die Flucht vor ihr selbst sie hierhergetragen hatte. Auch jetzt verschmolz sie im Wirrwarr der Stimmen mit Wasser und Luft, brachte die Gedanken zum Zerfließen. Es war so viel einfacher, nicht präsent zu sein, nicht an das Gewicht des Lebens denken zu müssen.
Und dennoch war es genau dieser schmerzende Zustand, in dem sie ebenjenes Blau des Himmels erkannt hatte. Vielleicht war es weniger die Angst zu leben, als die Angst loszulassen, die sie verfolgte. Dass ihre Mutter für immer verschwinden konnte, wie die Gänse, die unbemerkt gen Süden flogen, nur an ihrem Krächzen zu erahnen. Herr Weidhas hatte seine Frau nicht alleine lassen wollen. Er würde sich mit seinen Blicken noch lange an ihren starren Körper klammern.
„Es wird nicht besser werden.“ Murmelte sie schließlich, an ihn und sich selbst gerichtet. Schluckte den Pelz ihrer Zunge mit den brodelnden Tränen herunter. Es wird nicht besser werden. Aber da, im Blau über ihr, bestand der leise Verdacht, dass Leben irgendwann leichter sein würde. Wenn sie die Präsenz der Mutter loslassen konnte, so dass nur noch ihr Schatten ihr folgte. Verblasst und schwerelos, aber nie wirklich weg. Sie sog die Luft tief ein und blickte auf den schmalen Punkt gleißenden Weiß zwischen Himmel und Wasser. Blau und Blau, dazwischen nichts. Sie sog dieses Nichts weiter ein, bis ihr Kopf schmerzte und ihr linker Arm ungeduldig pulsierte.
Dann stieß sie es aus, die ganze Last, die da in ihr hockte. Ein Rest blieb am Boden von ihr zurück, dumpf und drückend wie eh und je. Doch je mehr sie in ihren Atem zurückfand, desto kleiner wurde er. Ihr ewiger Freund, die Leere, seine Präsenz musste sie wohl akzeptieren um zu Leben.
Julia Syndram wurde 1999 in Dresden geboren. Sie studiert Politikwissenschaft im Master an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und arbeitet in der politischen Kommunikation einer obersten Bundesbehörde. Ihre Texte und Kurzgeschichten drehen sich um Fragen nach dem Ich, Erfahrungen des Frauseins und dem Absurden des Alltäglichen. 2023 erschien ihre Erzählung „An jeder Ecke wider Ich“ im Zuge des Young Storyteller Wards bei Thalia.
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