Helene Lanschützer für #kkl37 „Präsenz“
Mimese
Wenn sie eines gelernt hat, dann ist es, nicht zuzugeben, dass sie etwas gelernt hat, sondern still und heimlich das angeeignete Wissen zu verwahren und es bei Gelegenheit in der Selbstverständlichkeit des Schon-immer-gewusst-Habens zu präsentieren.
Das ist Myril. Sie erläutert gerade Kants kategorischen Imperativ, den sie nach Fontanes John Maynard jeden zweiten Tag unter der Dusche zwischen Duschvorhang und weißen Fliesen für sich laut wiederholt. Dabei hat sie das Rauschen des Wasserstrahles im Ohr, spürt die Tropfen, die beim lauten Zitieren an ihren Zähnen abperlen, sie rinnen weiter, treffen aufeinander, bis sie vom Hals auf ihr Schlüsselbein fallen und ihr gesamter Körper weint. Der kategorische Imperativ perlt mit ab, erst aus ihrem Mund, dann klebt er erhitzt, erschöpft, am Ende erkaltet an den Fliesen.
Jetzt sitzt sie zwischen Großtante und Großonkel – die Großtante mit geblümter Stola aus dem Schweden-Urlaub, gleiches Muster wie der Duschvorhang von Ikea, der Großonkel mit weißem und kopfhautdurchlässigem Haar, graue Strähne ziehen sich hindurch wie die Fugen in den Badezimmer-Fliesen.
„Handle nur nach derjenigen Maxime, nach der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ In einem Atemzug zitiert. Ausatmen. Dann wieder einatmen und nach links und rechts schauen, zwischen Großtante und Großonkel ist die Platzangst größer als zwischen Fliesen und Duschvorhang.
Es herrscht die allgemeine sprachliche Dreifaltigkeit vor: reden, zuhören, unterbrechen. In diesem Szenario wird diese gerecht aufgeteilt, der Großonkel redet, die Großtante unterbricht ihn, und Myril hört als schweigende Mauer inmitten der Klagenden zu. Denn Familienzusammenkünfte sind dazu da, nicht nur über sich selbst zu klagen, sondern auch die Anwesenden miteinzubeziehen, die aber in der Klage gleich wieder fallen gelassen werden, da es sich über die Nicht-Anwesenden noch viel besser klagen lässt.
Der Großonkel spricht als erster wieder. „Ein durchaus interessanter Ge … “
Jetzt unterbricht die Großtante.
„Aber mein Kind, was willst du uns damit jetzt sagen!?“
Drei Dinge fallen an dieser Aussage auf. Wie alle Unterbrechungen der Großtante ist es das Wort aber, das den Schnitt setzt, den gezielten Abschnitt des letzten Wortes, – meistens aus dem Mund des Großonkels kommend – wenn sie gewaltsam Präfix und Stamm voneinander trennt. Das verbliebene danke steht noch im Raum, bevor die Großtante das Wort und Myril endgültig an sich reißt. Mein Kind, dieser Besitzanspruch ist eine Floskel, die niemandem gebührt, den man höchstens zwei Mal im Jahr Weihnachtsrot oder Begräbnisschwarz gekleidet sieht. Bei Zusammentreffen dieser Art fernab des Alltags steht fest, dass der Grad der Verwandtschaft auch darüber bestimmt, wie viel man sich in das Leben der Anwesenden einmischen darf. Gemessen am Verwandtschaftskoeffizienten sind es in diesem Szenario 12,5 Prozent. Diese 12,5 Prozent reichen jedoch aus, um jede Frage, die von der Großtante an Myril gerichtet wird, nicht nur mit einem Fragezeichen zu beenden, sondern dazwischen noch ein Ausrufezeichen zu schieben, das impliziert, dass die Großtante sich ihre Meinung bereits gebildet hat, noch vor dem Ausrufezeichen, sogar noch bevor sie das aber gezielt, wie eine Messerwerferin neben dem Opfer platziert hat.
Und das Opfer, das ist gefesselt auf einer Drehscheibe in der Manege allen Blicken ausgesetzt. Myril dreht sich im Kreis, schon allein die Vorstellung daran, auch nur einen Sekundenbruchteil an Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, lässt die Welt vor ihr verschwimmen, alles unklar werden, ist sie doch eigentlich jemand, der mit der schweigenden Mauer verschmilzt, grauer Stein mit grauer Bluse. Würde man sie mit einem Tier vergleichen – und nichts ist passender, als menschliches Verhalten mit der Tierwelt zu erklären – dann wäre sie ein Wandelndes Blatt, ein 24 bis 120 Millimeter großes Insekt, das zur Untergruppe der Gespensterschrecken zählt, und in Form, Farbe und Größe aussieht wie ein Laubblatt. Mit ihren sechs Beinen können sie sich zusätzlich zu ihrer Tarnung noch selbstständig fortbewegen, deshalb heißen sie auch Wandelndes Blatt. Noch nie hat sich ein Tiername so plausibel zusammengesetzt wie dieser.
Wandelnde Blätter gelten als friedliche und freundliche Wesen, wie Myril auch eines ist, sonst würde sie nicht seit zwanzig Minuten friedlich und freundlich zwischen den zwei 12,5 Prozent verwandten Personen sitzen. Für ein Wandelndes Blatt ist sie zu groß, für einen Menschen gilt sie oft als zu klein. Zwar ist sie sechs Zentimeter größer als Edith Piaf, aber dafür sieben Zentimeter kleiner als Frida Kahlo und wie alle kleinen Menschen muss sich auch Myril die Aufmerksamkeit erarbeiten, täglich Stück für Stück, bis sie mit den anderen auf Augenhöhe kommunizieren kann. Natürlich nur metaphorisch gesehen, der gesenkte Blick ihrer Gesprächspartner bleibt dabei bestehen, aber der Gesprächston ändert sich.
Wenn der Briefträger ihr vor der Tür ein Paket entgegenstreckt, behält er das Gerät für die Unterschrift bei sich und fragt stattdessen: „Na, wo sind denn deine Eltern?“ Die Stimmfarbe nahm dabei am Ende einen hohen Ton an, sanft und leise, um sie nicht zu verschrecken.
Hier wird es für Myril dann Zeit, den Mantel des passiven Zuhörens abzustreifen und das Wort zu ergreifen. Edith Piaf hat ihre Stimme im Singen gefunden, Frida Kahlo drückt sie in ihren Bildern aus und Myril findet sie in den Worten anderer, die sie sich ausborgt.
„Der Brief ist ein unangemeldeter Besuch, der Briefträger der Vermittler unhöflicher Überfälle, hat Nietzsche bereits gesagt. Wie ich sehe, liefern Sie hier ein Paket meiner Mutter. Ob Nietzsche auch schon Pakete von seiner Mutter mit eingemachten Roten Rüben und Spannleintüchern bekommen hat, sei in Frage gestellt, aber so oder so behält er mit seinem Zitat recht.“
Ein großer Speicher an Wissen lässt auch den Menschen, der diesen Wissensspeicher enthält, größer wirken. Myril stößt in den Augen des Briefträgers mit dem Kopf an den Türrahmen, als er ihr im Schatten des Nietzsche-Zitats die Anzeige für die Unterschrift hinhält, während er sich mit tiefer Stimme von ihr verabschiedet.
Der Stimmton ändert sich auch bei der Großtante – „Myril, unterbrich mich doch nicht immer“, unterbricht sie Myril, als diese noch einmal für eine neue Erklärung ansetzen möchte. Der kategorische Imperativ sagt der Großtante nicht zu, ihr Handeln und Klagen soll kein allgemeines Gesetz werden. Stattdessen ist es jetzt der Großonkel, der sich in die Unsichtbarkeit eines Wandelnden Blattes hüllt, und Myril diejenige, die in das Zentrum der Großtante rückt, und ihr Äußeres und Inneres einer jährlichen Inspektion unterziehen lässt.
Noch dreißig Minuten … Halbe Stund bis zum Ende, bis John Maynard das Schiff nach Buffalo gebracht hat und die Großtante ihre Kuchengabel unter Wohlwollen in die dreistöckige Biskuit-Cremeschnitte versenken wird. Die Zeit vergeht schneller, wenn Myril Balladen zitiert, das Duschwasser wellt die Haut und die Stirnfalten der Großtante wellen sich auch. Myrils Fingernägel seien zu kurz, die Haare zu lang, ihr Beruf sei kein richtiger, die Wohnung auch nicht … und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. Dabei sei sie noch ein halbes Kind, halbe Kinder können keine Entscheidungen treffen, und Myril überlegt, was sie sagen soll, um das halbe Kind, das sie äußerlich noch beherrscht, in den Augen der Großtante auszulöschen. Aber ihr fällt nichts ein, keine Nietzsche-Weisheit, kein feministisches Zitat von Beauvoir, nur John Maynard steht auf dem brennenden Schiff am Steuer und kämpft um sein Leben. Rettung: Der Strand von Buffalo! Also erhebt sich Myril, löst sich aus der Mauer des Schweigens, findet noch immer nichts in den Worten der anderen und sagt: „Ich glaube, ich muss jetzt gehen.“
Helene Lanschützer, geboren 2003, studiert Germanistik und Französisch in Graz. Sie liebt Kunst, Literatur und Musik, aber vor allem darüber zu schreiben. Erste kleine Veröffentlichungen seit 2017.
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