Präsenz (Verschiebeprobe)

j.j.remigi für #kkl37 „Präsenz“




Präsenz (Verschiebeprobe)

Sind sie noch da, die Türen von Frisch?

Sind Dürrenmatts Füsse noch nass unterm Tisch?

Wirft Matto seine Netze noch aus?


Blüht die Hundeblume noch?




Weisses Reh

Eissterne legen sich über unser Schweigen.
Harsch bricht nicht mehr, trägt die gesamte Last.
In der Mitte der Nacht geht der Mond unter,
das letzte Glitzern – vorüber.

Atem wird schwer und fällt.
Unsere Kälte betäubt.
Deine Hüfte befriedigt noch meine Lenden,
lasse danach von dir ab.

Dann dein Wegdrehen,
auf das Notwendige reduziert:
wie ein weisses Reh stiehlst du dich lautlos davon
und hinterlässt keine Spur.




Vor dem Spiegel (maquilleage)

Sie steht vor tausend Träumen
nur Scherben ringsherum
sucht sich schneidend
findet nicht…

Sie lebt in jenem Bruchteil
der fehlt




Heimat

Welle um Welle
atmet die See
Meter um Meter
Strand hinweg
verwirbelt Sand
trägt ihn fort
– verliert sich Heimat

Meter um Meter
bricht die Brandung
näher
sie schwappt
und rollt schier ungebremst
über den Strand
meiner Heimat




Schau in den Spiegel [ungewollte Präsenz]

Schau in den Spiegel
schau
und du findest das Grün meiner Wiesen wieder,
meiner Weiden und Wälder

Schau in den Spiegel
schau
und du erkennst das helle Blau des Baches
und das meines Himmels

Schau in den Spiegel
schau
siehst du das Grau der Felsen,
das Dunkel der Schatten
und das wenige Braun

Schau in den Spiegel
schau
und du erkennst genau jenes Grün
das sich ergibt

wenn sich mein Blick in die Tiefe
der Landschaft
verliert




Memori (Erinnerung ich bin)

Erinnerung ich bin
durch Zeit gemacht, durch Zeit gewandelt.
Euch zu mahnen,
ist mein Sinn.
Ihr habt ihn mir gegeben
durch Euer Leben
– und nehmt ihn fort sogleich.
So weicht der Schuld mein Unterfangen,
Euch zu dienen, Euch zu langen eine Hand,
die hilfreich sich erbieten will!
Nun denn:
Ich bin die Scham, die zu verdecken
Euer längstes Tuch nicht reicht!




Innere Emigration

Niemand lässt sich finden,
wo gleich mir Gedanken leben,
wie musste meine Liebe lernen,
sich hinzugeben
mir selbst:
wo Gedanken sich verirren
in kreisen Bahnen,
wo Augen an die Wände
abstrakte Bilder malen,
Hände in die Leere greifen,
Schultern an die Luft sich
lehnen,
und Worte
meine Kehle
nur noch selten streifen.




j.j.remigi,*1971, aufgewachsen und wohnhaft in der Umgebung von Luzern. Ein Studium der Germanistik hätte ihn interessiert, dazu ist es jedoch nicht gekommen. J.J. Remigi schreibt sporadisch über Dinge, die mehr oder weniger eng mit seiner Biographie verknüpft sind. Die Texte sind Ausflüsse einer meist intensiven Auseinandersetzung/ Beschäftigung mit einem Gegenstand, welche sich jeweils über einen längeren Zeitraum hinweggezogen hat.
Die hier veröffentlichten Texte sind ab ca. 1990 über einen längeren Zeitraum entstanden. Sie sprechen vom Verlust der Präsenz. Nicht mehr Präsent sein oder Präsenz verlieren setzt vorgängige Präsenz voraus – sie ist es, die ebenfalls mitgelesen werden will und die vor den Texten steht.

j.j.remigi ist ein Pseudonym aus Vornamen, welches dem Familienstammbaum entnommen ist. Wobei j.j. eher als Nummerierung angesehen wird.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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