Karoline Caesar für #kkl37 „Präsenz“
Still auf der Matte
Die Stille ist nicht immer dieselbe Stille.
Sie kommt manchmal
wie ein Freund
der dir die Hand auf die Schulter legt
und dir gut zuredet
dich aufs Sofa zu legen
und dich auszuruhen
einfach da zu sein.
Die Stille ist nicht immer dieselbe Stille.
Sie kommt manchmal
wie ein Dieb
der dir die Staubflocken in der Ecke zeigt
und dir weismacht
das Ticken der Uhr
sei eine andere Art
von Erfrischung.
Die Stille ist nicht immer dieselbe Stille.
Sie kommt manchmal
wie eine Biene
die in der Sonne auf einer Blüte sitzt
mit dem Schwanz wippt
und dich nervt
den Löwenzahn nicht auszurupfen
da sie sonst ausstirbt.
Die Stille ist nie dieselbe Stille.
Ihr Schatten ist das hellste Licht.
Sie bohrt sich durch die Wolken.
Sie zwängt sich durchs Gebrabbel.
Sie tippelt durchs Gewühl.
Sie klingelt an der Tür.
Entsetzt
wirfst du
vor Schreck
den Laptop aus dem Fenster.
Zwischen zwei Charterflügen
zieht ein Hubschrauber dicht übers Dach
und du hörst nichts mehr, gar nichts mehr, nur:
wapp-wapp-wapp-wapp.
Ein seltsam fisteliges Lachen würgt sich noch zart aus deiner Kehle
schwillt an und wird zum Oooooo
das endlos in die Tiefe perlt
eine Marmortreppe hinab.
Wenn du ihm folgst,
begegnen dir
nacheinander
Aschenputtels Schuh
ein zerfetzter Handfeger
und – ganz unten am Treppenpoller –
ein spuckendes Drachenbaby von vor über einer Million Jahren.
Und du bist fast gar nicht erstaunt.
Machst ein grimmiges, fröhliches Grrr
möchtest pfeifen
und bist auf einmal jemand ganz, ganz anderes.
Dazwischenland
ich bin so müde
tippe ohne hinzusehen
ein Z E I C H E N
ich fordere mich
gehe an den Rand meiner selbst
ach, darüber hinaus
Ein fremder Röntgenblick
verfolgt mich bis in den Schlaf,
bohrt sich in mein Herz
kriecht unter meine Netzhaut
versteckt sich hinter meinem Rücken.
Fragt ob die
große Zehenspitze
wohl gerade gewachsen ist
Wieviel ich wiege.
Und was ich auf dem Dating-Markt gewinne
wegen….
Doch ich wähle
meine tänzelnden Hopser auf der Tastatur
und die Größe meiner Boxhandschuhe
die passt.
ich tippe
ziehe
springe
hänge durch
tauche ab
treff daneben
du hast Tattoos auf den Armen
ich habe zum ersten Mal Armmuskeln
du stehst da und lächelst wie eine Gefriertruhe
doch deine Worte sind:
ihr schafft das
ich tippe und tippe
ich kann nicht aufhören
was will ich hier
bleib auf deiner Seite
lass den Muskelkater
dramatisch
bei mir
bleiben
hier
ist wie ein
Dazwischenland
noch längst nicht angekommen
unterwegs nirgendwohin
da ist der Punkt
der mich interessiert
hier will ich sein
hier will ich sein
ich werde anders
in mir wird es
weiter
hier kicke ich
falle ich
aus dem Loch
wieder heraus
Schritt und Kick
eifrig
heiß
am Kämpfen
mit
mir selbst
atmend
angespannt ist nur
die Bauchdecke in mir
und ich bin ganz wach
meine Müdigkeit verflogen
etwas in mir löst sich
Serotonin stupst
Blutkörperchen an
düst durch die Venen
wie auf einer Autobahn
ich höre die Pumpe in mir
mit ihrem unverkennbaren
Rhythmus und spüre
die Sonne auf meinem verschwitzten Haar.
Hinter mir sagst du
tritt mal nicht zu fest zu
du bist jetzt schon so stark
Und ich tippe vorsichtig
auf der Tastatur
dass es den As und Os nicht so wehtut.
Karoline Caesar, Jahrgang 1977, verfasst seit fast zwanzig Jahren Gedichte und hat Studien und Fachartikel sowie einen Buchbeitrag veröffentlicht. Im Blog der Zeitschrift Mosaik erscheint demnächst ein weiteres Gedicht von ihr. Sie liebt Sprachen, hat fast zehn Jahre lang im Ausland gelebt und arbeitet seit ihrem Studium international. Daneben spielt sie in einer Bonner Akustikband und schreibt auch mal einen Song.
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