Johanna Stracke für #kkl37 „Präsenz“
Poissonier
„Unverschämtes Glück“ deklariert Judith Holofernes zur Trompete aus dem Lautsprecher auf der Fensterbank und ich tanze im Kopf dazu, denke an meine Kinder, an meine Frau, an den Frühling, der endlich durchbricht und dann, ganz plötzlich, an meinen Französischlehrer aus der Oberstufe.
Ich sehe sein schlohweißes Haar vor mir, als säße ich heute noch dort am Fenster, in der zweiten Reihe der 5d. In alle Richtungen steht es von seinem Kopf ab. Außer vorne, da ist keins mehr. Er ist die Vertretung für Frau Colischonns Migräne. Ich glaube, er kann gut Französisch. Jedenfalls hat er einen französischen Nachnamen. Wir sollen ihn aussprechen, immer und immer wieder. Keiner schafft es richtig, er verzieht seinen Mund zu einem Grinsen. Seine Zähne sind nicht so weiß wie seine Haare. Er verfärbt sich, tiefrot, wenn er sich ärgert. Zielsicher wirft er seinen Schlüsselbund nach T-Shirt-Lubo, als der seinem Nachbarn etwas zuflüstert. Poissonier besitzt sehr viele Schlüssel.
In der Mittelstufe bringen wir reihenweise Referendare zum Heulen, ziehen Unterrichts-Streiks in geschlossener Klassengemeinschaft durch und kriegen den Kunstlehrer dazu, ein Hakenkreuz zu malen, für das wir ihn dann bei der Schulleitung verpfeifen. Und wir sehen, wie sich jedes Jahr aufs Neue die kleinen Fünftklässler wegducken, wenn sie dem Poissonier auf dem Flur begegnen.
Wir starten in die Oberstufe und bekommen ihn in Französisch. Wir sind der Alptraum des Kollegiums, aber jetzt, wo er vor uns steht, spüren wir nur die altbekannte Angst. Fühlen uns wie 10, vermeiden direkten Blickkontakt, auch, als er die VHS-Kassette reinschiebt mit der Verfilmung eines französischen Theaterstücks.
Er drückt Play. Der ganze Bildschirm ist voll mit Beinen und Armen und anderen Körperteilen und alles ist irgendwie aufeinander gequetscht. Es sind viele nackte Körper. Poissonier wird knallrot. Wir alle halten die Luft an, nur mein Freund Julius prustet los vor Lachen. Poissonier hält die Hände auf den Röhrenfernseher, deckt immer wieder, immer schneller neue Stellen ab. Vergisst, dass es einen Stopp-Knopf gibt. Wir können unser unverschämtes Glück kaum fassen. Ich grinse.
Am Ende der 12. wählen wir gesammelt Französisch ab und erzählen seiner neuen 5. Klasse, dass der Schlüssel-Poissonier Pornos schaut.
Goldfisch!
Ich stehe im Bach, bis zu den Oberschenkeln, eine falsche Bewegung und alles schwappt rein. Die Au hat braunes Wasser, es hat die ganze Woche geregnet. Wir suchen den Goldfisch.
Ich folge dem Blick meines Sohnes, der mit seiner dunkelblauen Wathose das kalte Wasser bis zur Brust abhalten kann und für den die Öffnung des Betonrohrs unter der Brücke auf Augenhöhe ist. Ich beuge mich vor, denke nicht an den Matsch, bis im nächsten Moment mein linker Fuß nach hinten wegrutscht. Das eiskalte Wasser schwappt seitlich über den Saum meiner Wathose und sofort juckt mich mein ganzes Bein. Ich überlege, welche Tiere und Pflanzenteile da jetzt mit reingeschwommen sind.
„Alles okay, Mami?“ Mein Sohn schaut besorgt.
„Ja, alles gut, bloß ein bisschen nass, vielleicht machen wir nicht mehr zu lange?“ Ich hasse dieses „nicht mehr zu lange“, will den ganzen Tag hier im Wasser stehen und keschern und den Goldfisch finden, der vor den Regentagen hier ausgesetzt wurde von jemandem, dem sein Teichklima wichtiger ist als das Leben eines Fischs.
„Was macht ihr denn da?“, ich schaue hoch, zur Brücke über dem Betonrohr. Eine Fußball-Mami mit Lasten-E-Rad steht da oben, ich glaube sie heißt Daniela, ohne Fahrradhelm, die Frisur sitzt. Ich denke daran, dass ich vorhin wieder keine Zeit für die Dusche hatte, weil ich unsere Ausrüstung im ganzen Haus und Garten zusammensuchen und in die viel zu kleine Radtasche stopfen musste und hoffe, sie sieht meine fettigen Haare nicht.
„Wir suchen den Goldfisch“, sagt mein Sohn, grinst, wartet nicht auf die nächste Frage, sondern läuft geradewegs in die Betonröhre.
„Und ihr so?“, frage ich freundlich, überlege, mir unauffällig die Kapuze über die Haare zu ziehen. Ich richte mich auf. Es gluckst und schmatzt im angeschweißten Gummistiefel.
„Fußball. Wie immer dienstags und donnerstags“, sie schaut auf die Uhr.
„Dann gutes Kicken“, fällt mir dazu ein und ich lächle zu ihr hoch, fühle mich klein, aber irgendwie auch groß, dass wir Keschern und nicht Hobbies organisieren. Fühle mich wie früher, als wir Pfennigstücke auf die Bahngleise gelegt, uns im hohen Gras versteckt und auf den nächsten Zug gewartet haben.
„Mami, da ist er – da, da vorne!“, mein Sohn rast mit ausgestrecktem Kescher an mir vorbei. Ich sehe die Bugwelle, weiß, dass es keinen Ausweg mehr gibt und schmeiße mich Kescher voran hinterher.

Johanna Stracke, geboren 1980, ist im schönen Hintertaunus aufgewachsen und verbrachte schon als Kind am liebsten ihre Tage im Wald. Trotzdem studierte sie in Heidelberg Englisch und Spanisch.
Sie lebt inzwischen in Hamburg, wo sie nun mit ihren Kindern durch die Wälder streift und zum Schreiben gefunden hat. Sie arbeitet außerdem als interkulturelle Trainerin und als Lehrerin für geflüchtete Kinder und Jugendliche.
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